Reihe: Clerck

Hauswinkelspinne (Tegenaria domestica (Clerck, 1757))

Namensbedeutung

Als Clerck 1757 die ihm bekannten Spinnen Schwedens beschrieb, dürfte natürlich eine Art auf gar keinen Fall fehlen: Die Hauswinkelspinne, die Spinne, die zu seiner Zeit in Schweden anscheinend zu den häufigsten Hausgästen zählte. Clerck fasste alle Spinnen natürlich als Vertreter der Gattung Araneus auf, was übersetzt nur Spinne bedeutet. Und so nannte er die Hauswinkelspinne Araneus domesticus – also schlicht „häusliche Spinne“. Den Gattungsnamen Tegenaria führte erst Pierre André Latreille im Jahre 1804 ein, in derselben Arbeit, in der er auch der Gemeinen Baldachinspinne (Linyphia triangularis) ihren Gattungsnamen verpasste. Und ähnlich wie bei dieser bezieht er sich mit dem neuen Gattungsnamen auf die Beschaffenheit des Spinnennetzes: Tegenaria leitet sich vom lateinischen Wort für Decke oder Bedeckung hab, im Sinne einer Tischdecke und bezieht sich hier auf den deckenartigen Gespinstteppich, den die Winkelspinnen vor ihrer Wohnröhre anlegen. Eine Anmerkung sei hier noch als nachträgliche Einfügung gestattet: Gerade diese Art zeigt gut, wie wichtig die eindeutigen lateinischen Namen sind. Denn der deutsche Trivialname „Hauswinkelspinne“ wird häufig auch von in der Spinnenbestimmung unkundigen Leuten auch auf andere sehr ähnliche Winkelspinnenarten, etwa die Große Winkelspinne (Eratigena atrica) angewendet. Da werden dann mehrere Arten in einen Topf geworfen und verwechselt. Hier werde ich den Begriff „Hauswinkelspinne“ exklusiv nur für Tegenaria domestica verwenden. Dank geht an Georg Haindrich aus der Spinnentiergruppe von Facebook für den Hinweis, den Text diesbezüglich noch einmal zu überarbeiten!

Synonyme

Wie viele der früh beschriebenen Arten hat auch die Hauswinkelspinne eine recht beachtliche Anzahl von wissenschaftlichen Synonymen angesammelt. Bemerkenswert ist eigentlich nur, dass diese so bekannte Art selbst auch noch in den 1990er Jahren Neubenennungen erfuhr, die erst in den 2000er Jahren als Synonyme erkannt wurden – zu nennen ist hier der Name Coelotes amygdaliformis. Hier die umfangreiche Liste:

Agelena civilis, Agelena familiaris, Arachne familiaris, Aranea annulata, Aranea civilis, Aranea derhamii, Aranea domestica, Aranea flava, Aranea longipes, Aranea tomentosa, Araneus domesticus, Coelotes amygdaliformis, Coelotes calcaratus, Coelotes plumarius, Draconarius amygdaliformis, Drassina ochracea, Mevianops fragilis, Nyssa familiaris, Philoica civilis, Tegenaria civilis, Tegenaria cretica, Tegenaria derhamii, Tegenaria detestabilis, Tegenaria domesticoides, Tegenaria dubia, Tegenaria fontium, Tegenaria longipes, Tegenaria modesta, Tegenaria scalaris, Tegenaria testacea.

Phylogenie

Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Protostomia; Ecdysozoa; Panarthropoda; Arthropoda; Euarthropoda; Chelicerata; Arachnida; Tetrapulmonata; Araneae; Opisthothelae; Araneomorphae; Araneomorphi; Araneoclada; Entelegynae; Agelenidae; Tegenaria.

Die Hauswinkelspinne ist ein weiteres Beispiel für die große Formenvielfalt der entelegynen Spinnen. Von diesen haben wir bisher jeweils zwei Beispiele aus weit voneinander entfernten Linien kennengelernt, eine etwas basaler, eine etwas abgeleiteter. Zu der einen Linie gehören zum Beispiel die Gehörnte Kreuzspinne (Araneus angulatus) und die Gemeine Baldachinspinne (Linyphia triangularis). Zur anderen Linie gehört als am meisten abgeleitete Art zum Beispiel die Rindenspringspinne (Marpissa muscosa) und irgendwo weiter unten im Stammbaum die Piratenspinne (Pirata piraticus). Dazwischen jedoch gibt es einen ganzen Busch von weiteren Entwicklungslinien, manche durchaus sehr Artenreich, die eine enorme Diversität bieten. Zum Beispiel die Familie der Winkel-oder Trichterspinnen (Agelenidae), die zusammen mit einigen anderen Linien – z.B. den Finsterspinnen (Amaurobiidae) oder den Gebirgstrichterspinnen (Cybaeidae) – eine nicht formal beschriebene Gruppierung bilden, die in der Studie von Wheelers Team im Jahre 2017 als „marronoide Klade“ bezeichnet wird.

Die internen Beziehungen der Trichterspinnen sind wiederum eine ganz eigene Baustelle. Viele Arten ähneln sich sehr, sind nur durch wenige Details solide zu unterscheiden und deshalb war die Unterteilung in verschiedene Gattungen lange sehr schwierig. Erst seit auch DNA-Analysen hinzugezogen werden können, was wiederum zu verfeinerten morphologischen Analysen beiträgt, klären sich hier allmählich einige Dinge. Der Stammbaum der Trichterspinnen bleibt aber komplex; die Hauswinkelspinne selber gehört zwar zur relativ stark abgeleiteten Gattung Tegenaria, ist innerhalb dieser aber Teil eines basaleren Seitenzweigs.

Fig. 1

Fig. 1: Ein Weibchen der Hauswinkelspinne, einer der am weitesten verbreiteten Spinnen. Dieses Exemplar wurde 2009 in Norwegen aufgenommen. Quelle: Wikipedia/Magne Flåten (Fotograf).

Verbreitung

Die Hauswinkelspinnen gehört zu jenen Arten, die man Zivilisationsfolger nennen kann. Sowohl ihr wissenschaftlicher wie ihr deutscher Name verweisen bereits darauf, dass man sie häufig in menschlichen Behausungen findet. Und da sie sich in diesen offensichtlich recht wohl fühlt, folgte sie dem Menschen durch Verschleppung (vermutlich an Bord von Schiffen vor allem) auf viele Kontinente außerhalb Europas. Daher muss man einerseits zwischen ihrer vermutlich natürlichen und ihrer durch den Menschen verursachten Verbreitung unterscheiden – was nicht immer ganz einfach ist.

Kern des natürlichen Verbreitungsgebietes scheint definitiv Europa zu sein. Hier ist die Hauswinkelspinne praktisch überall anzutreffen, auch auf Island und den nördlichen Teilen Skandinaviens, wo sie in Häusern genügend Wärme findet. Schwerpunkt scheinen gleichwohl die gemäßigten Breiten zu sein, wobei die Art auch im Mittelmeerraum weit verbreitet ist, auch entlang der Küste Nordafrikas. Im Atlantik taucht die Art auch auf Inseln wie den Kapverden und Madeira auf. Nach Osten hin ist die Hauswinkelspinne auch immer noch natürlich weit verbreitet – im Süden im gesamten Nahen Osten über den Iran bis nach Indien, über Russland und Kasachstan bis nach Sibirien, Zentralasien und China und schließlich Japan. Auch hier bevorzugt die Art die gemäßigten Breiten und dünnt in kühleren und heißeren Klimaten scheinbar im Bestand aus. Auch scheint sie generell in Ostasien seltener zu sein. In Südostasien überschreitet die Hauswinkelspinne nicht die Wallace-Linie, sprich sie kommt nicht östlich von Borneo und Bali vor. Dies könnte dafür sprechen, dass es sich hier um eine natürliche Verbreitungsgrenze handelt, denn die Wallace-Linie ist eine der markantesten Grenzen zwischen zwei Faunenprovinzen (grob gesagt trennt sie die eher asiatische Fauna von der eher australischen Fauna). Angesichts dessen, dass die Hauswinkelspinne ansonsten dank des Menschen jede erdenkliche typische biogeografische Grenze überschreiten konnte, erscheint dies allerdings merkwürdig. Ich gehe gerade eher davon aus, dass es sich hier eher um einen Mangel an publizierten Meldungen anstatt um ein echtes Fehlen dieser Art in der Region von Sulawesi bis Neuguinea handelt.

In die australische Region hat die Hauswinkelspinne es dann offensichtlich mit des Menschen Hilfe geschafft. Sie ist inzwischen durchaus häufig in Australien, und zwar vorrangig in den dicht besiedelten Regionen. Hier wären die Region um Perth, der Südosten des Kontinents und die Ostküste zu nennen, aber auch andernorts kann einem die Hauswinkelspinne durchaus begegnen. Ähnlich heimisch geworden ist diese Spinne auch auf Neuseeland.

Ebenfalls vom Menschen eingeschleppt wurde die Hauswinkelspinne in Nord-, Mittel-und Südamerika. Hier kann man inzwischen von einer fast flächendeckenden Verbreitung ausgehen, mehr oder weniger. Diese ist aber meistens an menschliche Behausungen gebunden – dadurch konnte die Hauswinkelspinne hier sogar bis zur kanadischen Arktisinsel Ellesmere Island vordringen und bis nach Feuerland an der Südspitze Südamerikas. Die Verbreitungsmuster der Hauswinkelspinne in Amerika sind scheinbar wenig dokumentiert (jedenfalls fand ich wenige Quellen dazu, schon gar nicht jüngeren Datums), doch scheint sie prinzipiell in den gemäßigten Breiten auch hier am häufigsten zu sein und wiederum in Nordamerika häufiger als in Südamerika. Wahrscheinlich folgt dies neben klimatischen Aspekten auch den Besiedlungsmustern des Menschen.

In anderen Teilen der Welt ist die Hauswinkelspinne im Gefolge des Menschen durchaus ebenso zu finden, aber noch schlechter dokumentiert. In Afrika südlich der Sahara scheint es sie auch zu geben, aber die genauen Verbreitungsmuster sind kaum untersucht. Für Südafrika sind Vorkommenshäufungen für Kapstadt, Pretoria und Johannisburg auszumachen – die Art folgt auch hier offensichtlich dem Menschen. Daneben gibt es auch Vorkommen der Art an wirklich abgelegenen Orten, zum Beispiel auf Hawaii, auf den Osterinseln im südöstlichen Pazifik oder auf Südgeorgien, einer südatlantischen Inselgruppe auf 54° südlicher Breite, auch hier durch den Menschen eingeschleppt. Betrachtet man all dies in seiner Gesamtheit, kann man sicherlich von einer quasi kosmopolitischen Ausbreitung der Hauswinkelspinne ausgehen – überall da, wo sie menschliche Behausungen vorfindet. Das gilt inzwischen sogar nachweislich für einige Forschungsstationen auf der Antarktis.

Die Hauswinkelspinne profitiert bei ihrer Ausbreitung rund um die Erde letztlich davon, dass der Mensch in seinen Behausungen eine relativ einheitliche klimatische Umgebung schafft, auf die die Spinne sich verlassen kann. Diese Behausungen bieten ihr Schutz und durch andere dort lebende wirbellose Tiere genügend Nahrung. So betrachtet gehört die Hauswinkelspinne zu den Arten, die von der Menschheit mehr als nur profitiert haben. Da dies allerdings auch für einige andere Winkelspinnenarten, die zum Teil sehr ähnlich sind, gilt, steht sie gleichzeitig zumindest in Europa unter großem Konkurrenzdruck. Für Großbritannien und Mitteleuropa gilt es als sicher, dass die Hauswinkelspinne in ihrer Häufigkeit seit Mitte des 19. Jahrhunderts abgenommen hat, zugunsten anderer Winkelspinnenarten. In einigen Gebieten ist sie hier sogar ausgesprochen selten geworden, häufig verdrängt von der Großen Winkelspinne (Eratigena atrica). Der Name „Hausspinne“ oder gelegentlich auch „Hauswinkelspinne“ wird von vielen Laien leider auch häufig auf die Große Winkelspinne angewandt, da beide Arten oberflächlich sehr ähnlich sind. Dies führte in der Vergangenheit häufig zu Verwechslungen und Fehleinschätzungen welche der beiden Arten wie häufig in einem Gebiet sind.

Vertrautes Bild

Die Hauswinkelspinne (und für die meisten kaum unterscheidbar auch andere ähnliche Winkelspinnenarten, die dann als „Hausspinne“ zusammengefasst werden) dürfte für viele zu den vertrautesten Tieren gehören, abgesehen vom eigenen Haustier, die einem in der eigenen Wohnung so begegnen können. Oder zumindest im Keller. Für viele aber auch zu einem der unerfreulichsten Gäste, einfach aufgrund von Ekel und eigener Angst. Gefährlich ist die Hauswinkelspinne tatsächlich für den Menschen nicht, aber zugegeben für die meisten nicht der hübscheste Anblick. Die langen Beine und die ruckartigen Bewegungen rühren außerdem offenbar an sehr tief sitzenden irrationalen Reaktionen vieler Menschen. Daher werden die meisten diese Spinne vor allem als sehr groß erscheinenden dunklen Schatten wahrnehmen. Wir wollen hier einen näheren Blick wagen!

Wagt man sich näher heran, erkennt man die typische Körpereinteilung der Webspinnen: Einen in der Aufsicht leicht rechteckigen, vorne etwas schmaleren Vorderkörper, der die Gliedmaßen trägt: Ein Paar Kieferklauen (Cheliceren), ein Paar als Taster dienende Pedipalpen, vier Paare Laufbeine (wobei das hinterste am längsten und das dritte Paar am kürzesten ist). Direkt hinter dem Prosoma (wie der Vorderkörper ja im Fachchinesisch heißt) liegt der Opisthosoma genannte Hinterleib, der deutlich größer und rundlich oval geformt ist, mit vor allem beim Weibchen einer deutlichen Wölbung. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Vielen kommt die Hauswinkelspinne häufig sehr groß vor (und in der Tat gehört sie ja zu den größeren Spinnen in Mitteleuropa). Die harten Zahlen über die tatsächlichen Abmessungen erscheinen dann oft viel zu niedrig gegriffen; diese gefühlte Diskrepanz liegt einerseits darin, dass lebende Tiere mit dynamischen Bewegungen häufig größer wirken und andererseits darin, dass die langen Beine das gesamte Tier größer erscheinen lassen als es eigentlich ist. Die Männchen sind tendenziell kleiner als die Weibchen. Das Prosoma eines Männchens kann rund 4,3 bis 4,5 mm lang sein, das Opisthosoma noch einmal 4,5 mm – das ergibt eine Gesamtkörperlänge von 9 mm. Dabei ist das Prosoma dann 2 mm, der Hinterleib sogar 2,5 mm breit. Wie erwähnt sind die Beine unterschiedlich lang. Beispielhafte Messwerte für die Beines eines Männchens: Erstes Laufbein mit einer Gesamtlänge von (jeweils leicht gerundet) 19,9 mm, zweites Laufbein von 18,3 mm, das dritte Laufbein von 17,3 mm und das vierte Laufbein von 21,9 mm. Die beiden mittleren Beinpaare müssen bei der Laufweise der Hauswinkelspinne kürzer sein, weil sie vermutlich sonst mit den anderen beiden Beinpaaren ins Gehege geraten würden. Soweit jedenfalls zu den Abmessungen des Männchens. Die für Arachnophobiker aber echten Gruselexemplare sind in aller Regel die Weibchen. Sie haben eine Gesamtlänge von bis zu 10 mm, Rekordwert soll bei 11,5 mm liegen. Dabei ist der Hinterleib etwa gleich lang oder minimal länger als der Vorderkörper. Beispielhafte Beinlängen hier, wieder leicht gerundet: Erstes Bein mit einer Gesamtlänge von 17 mm, zweites Bein von 15,2 mm, drittes Bein von 13,9 mm und viertes Bein von 17,9 mm. Diese Messwerte stammen zwar von einem eher kleinen Weibchen von nicht ganz 9 mm Gesamtlänge. Dennoch zeigen sie, dass die Weibchen die tendenziell kürzeren Beine als die Männchen haben. So oder so können Hauswinkelspinnen mit ihren langen, schlanken Beinen eine recht beeindruckende Spannweite von rund 6 cm (plus/minus einige Millimeter) erreichen. Wenn sich ein solches Wesen dann noch schnell und ruckartig bewegt und dabei recht dunkel wirkt, macht das durchaus Eindruck.

Fig. 2

Fig. 2: Eine weibliche (oben) und eine männliche (unten) Hauswinkelspinne im Vergleich. Diese Exemplare wurden in Colorado aufgenommen. Quelle: Factsheet der Colorado State University (Website: http://agbio.agsci.colostate.edu/)

Trauen wir uns noch etwas näher heran. Dann erkennt man noch mehr Details. Zum Beispiel, dass der Körper von vielen feinen Härchen und zahlreichen größeren Borsten bedeckt ist, letztere bilden unter anderem entlang der Mittellinie des Rückenschildes des Vorderkörpers eine Reihe. Fast wie ein Iro. Die Extremitäten inklusive der Pedipalpen und Cheliceren besitzen eine größere und dichtere Ausstattung auch an kräftigeren Borsten, darunter auch bis zu acht Trichobothrien an jedem der Endgliedern der Laufbeine und Pedipalpen – jene Sinneshaare, mit denen Spinnen Erschütterungen wahrnehmen (und sozusagen „hören“). Im vorderen Bereich des Prosomas, dort wo die von der Vorderkante ansteigende Front des Rückenschildes zur deutlich zur Oberseite umbiegt, liegen die acht Augen der Hauswinkelspinne. Sie sind alle von ähnlicher Größe und in zwei Reihen zu je vier Augen angeordnet. Die vordere Reihe liegt dichter zusammen und blickt nach vorne, die Augen der hinteren Reihe liegen etwas weiter auseinander und liefern auch Sicht zur Seite und nach oben. Von Angesicht zu Angesicht sieht man auch gut die kräftigen Cheliceren, deren zurückklappbare Kieferklaue schräg nach innen und hinten gerichtet ist. Die Klaue besitzt drei Zähne an ihrer Hinterkante, die mit drei bis vier Zähnen an der gegenüberliegenden Seite des Basalglieds ineinandergreifen. Die Pedipalpen sind bei den Weibchen als kräftige, schlanke Taster gut ausgebildet; zu ihrer Ausbildung beim Männchen kommen wir noch.  Am anderen Ende des Körpers fallen die kräftigen Spinnwarzen auf, von denen die dritte besonders lang ist. Ein viertes Spinnwarzenpaar ist bei der Hauswinkelspinne zu einem Colulus genannten Höcker umgewandelt in Form einer trapezoidförmigen Platte. Blickt man bei der Gelegenheit von unten auf die Hauswinkelspinne, sieht man im vordersten Bereich des Hinterleibs zwei helle Bereiche, bei denen es sich um die Buchlungen des Tieres handelt, also die Atmungsorgane. Neben den Buchlungen besitzt die Hauswinkelspinne noch zusätzlich ein Tracheensystem im Hinterleib.

Damit kommen wir zur Färbung der Hauswinkelspinne. Es handelt sich um eine nicht besonders markante Tarnfärbung in dunklen und helleren Brauntönen. Die Musterung ist zugleich weniger kräftig ausgeprägt als bei anderen ähnlichen Arten. Der Carapax – also der Rückenschild des Vorderkörpers – ist braun mit einem dunkelbraunen Rand und zwei dunkelbraunen, mehr oder weniger unregelmäßigen Längsbändern. Das Sternum auf der Unterseite des Vorderkörpers ist von dunklerer Grundfarbe mit einem hellbraunen Längsband, welches in der Mitte leicht eingeschnürt ist, und drei helleren Flecken zu jeder Seite. Diese Musterung des Sternums dient auch als Unterscheidungsmerkmal zu anderen Winkelspinnenarten. Der Hinterleib ist ebenfalls braun mit einem dunkel umrandeten helleren länglichen Fleck auf der Mittellinie im vorderen Bereich der Oberseite. Zu dessen Seite und im mittleren und hinteren Bereich des Hinterleibs finden sich durchgehende dunkle, schräg angeordnete Querbänder, von denen immer zwei an der Mittellinie des Körpers zusammenlaufen. An den Seiten gehen diese Bänder zu einer mehr dunkel-und mittelbraun melierten Musterung über, die sich bis auf die Unterseite des Opisthosomas erstreckt. Dort findet sich dann entlang der Mittellinie ein rötlich-braunes, dunkel umrandetes Längsband. Die Spinnwarzen sind auch eher dunkel, nur das größte Paar ist deutlich hell gefärbt. Die Beine der Hauswinkelspinne sind eher hellbraun mit dunkleren Tupfen oder Bändern (woran man sie ganz gut von der Großen Winkelspinne unterscheiden kann, die einfarbige Beine hat). Die Cheliceren haben sogar eine rotbraune Färbung, wobei die Klauen deutlich dunkler sind. Bezüglich der Färbung kann es aber durchaus Unterschiede geben, manche Hauswinkelspinnen sind etwas dunkler als andere, manche haben eine kräftigere ausgeprägte Musterung als andere.

Fig. 3

Fig. 3: Eine weibliche Hauswinkelspinne von unten. Man erkennt die typische Zeichnung des Sternums ebenso wie die helleren Bereiche mit den Buchlungen, die dazwischenliegende Region der Epigyne. Ebenfalls gut zu erkennen am Vorderende die Cheliceren und am Hinterende die Spinnwarzen. Quelle: Wikipedia/Magne Flåten (Fotograf).

Fig. 4

Fig. 4: Eine Rasterelektronenmikroskop (REM)-Aufnahme der Spinnwarzen einer Hauswinkelspinne. Die Kürzel bezeichnen die Spinnwarzenpaare: PLS = Posterior-Laterale Spinnwarzen, PMS = Posterior-Mediane Spinnwarzen, ALS = Anterior-Laterale Spinnwarzen. COL bezeichnet den Colulus. Quelle: Bolzern et al. 2013.

Pedipalpen und Epigyne

Zwei wichtige anatomische Komplexe der Hauswinkelspinne haben wir bisher ausgeklammert: Die Pedipalpen des Männchens und die Epigyne – also der äußere Zugang zur Geschlechtsöffnung – des Weibchens. Wie wir das schon bei anderen Spinnenarten gesehen haben ist die genaue Ausprägung dieser Körperteile auch hier wichtig zur Artbestimmung – vor allem im Vergleich mit anderen nahe verwandten Winkelspinnenarten.

Zuerst zu den Pedipalpen des Männchens, die wie bei anderen Spinnen aus der Linie der Entelegynae in einem ausgeprägten Bulbus enden. Im Vergleich zu anderen Spinnen – etwa vielen Springspinnen – wirkt dieser bei der männlichen Hauswinkelspinne aber deutlich schmaler. Dennoch ist er auch hier eine komplexe Struktur verschiedener Sklerite, zusammen mit eher dehnbaren, nicht sklerotisierten (also mit Sklerotin verhärteten) Bestandteilen, die sich bei der Paarung ausdehnen. Direkt auffallend ist das schützende Cymbium, welches schützend über den anderen Bestandteilen des Bulbus liegt. Es ist zunächst breit und oval, um dann schnabelartig lang auszulaufen. Weitere Sklerite umfassen die aus Drüsen und einem häutigen Spermatophor, der das Sperma innerhalb des Embolus aufnimmt, bestehenden Weichteile und schützen sie. Ein sogenannter Conductor, der an der Basis einen kurzen Zapfen bildet, von dem eine plattenförmige Struktur ausgeht, die in eine tropfenförmige Platte mit einem eingefalteten Rand übergeht. Der Conductor ist über eine Membran mit einem zugrundeliegenden Sklerit, dem Tegulum, verbunden, von dem aus in der Mitte außerdem ein grob löffelförmiger, länglicher Sklerit seitlich herausragt, die sogenannte Mediane Apophyse. Der Embolus liegt daneben eingebettet, überragt von einer langen, stark gebogenen Spange.

Diese komplexe Struktur übernimmt bei der Paarung wichtige Aufgaben. Im Kanal des Spermatophors wird das Sperma gespeichert. Bei der Paarung entfaltet sich der Embolus und dringt in den Zugang zur weiblichen Geschlechtsöffnung ein. Die Spermien werden über ihn eingeleitet. Die Spangen und Vorsprünge verankern dabei den Pedipalpus an der Geschlechtsöffnung, das große Cymbium liegt wie ein Schutz darüber. Was uns dazu bringt: Wie sehen die äußeren Geschlechtsorgane des Hauswinkelspinnenweibchens aus?

Die Geschlechtsöffnungen der weiblichen Hauswinkelspinne ist von einer überraschend schlicht gebauten Epigyne überdeckt. Im Wesentlichen besteht diese aus einer stark sklerotisierten Platte, die in der Mitte nach hinten vorgewölbt ist und damit das eingetiefte und helle Vorfeld zu den äußeren Geschlechtsöffnungen von vorne begrenzt. Eine geradere Kante begrenzt das Vorfeld nach hinten hin. Seitlich begrenzen zwei vorgezogene Ecken der vorderen Platte (bezeichnet als „Pseudozahn“), die in einem so rechten Winkel zum Rest der Epigyne stehen, dass das Vorfeld eine leicht rechteckige Form erhält. Die beiden Öffnungen, rechts und links des mittigen Vorsprungs, führen jeweils zu einem kurzen Kanal, der zu einem geräumigen Receptaculum führt. Dabei handelt es sich um eine Kammer, in der das bei der Paarung eingeführte Sperma gesammelt wird. Von dort zweigt ein weiterer kleiner Kanal oder Duktus ab, der zu den eigentlichen Geschlechtsorganen führt und über den das Sperma zur Befruchtung der Eier gelangt.

Fig. 5

Fig. 5: Die Epigyne der Hauswinkelspinne. EP = Epigynalplatte, der vordere Hauptsklerit. MP = Mittlere Platte. CO = Kopulationsöffnung. LM= Seitlicher Rand. PS = Hinterer (posteriorer) Sklerit. MR = Medianregion, also der zentrale Bereich für den Zugang zu den Geschlechtsöffnungen. PT = „Pseudozähne“. Maßstab: 0,5 mm. Quelle: Bolzern et al. 2013.

Fig. 6

Fig. 6: Der Bulbus am Ende des linken Pedipalpus einer männlichen Hauswinkelspinne. W: In Aufsicht von unten. X: In seitlicher Ansicht. Maßstab jeweils: 0,5 mm. Quelle: Bolzern et al. 2013.

Wohnstätte

Dass die Hauswinkelspinne in Häusern auftritt war offensichtlich schon zu Clercks Zeiten der Fall. Heutzutage sind sie typische Bewohner von Kellerräumen, kommen aber auch in Wohnungsbereichen vor. Eine in Belgien durchgeführte Studie erwähnt hier vor allem das Wohn-und das Badezimmer, macht aber zugleich darauf aufmerksam, dass das eher damit zu tun hat, dass diese die häufigsten Aufenthaltsorte der menschlichen Bewohner sind. Sprich: Dort bekommt man eine Hauswinkelspinne einfach am häufigsten mit. Weiterer zu bedenkender Umstand: Die Tiere fallen meistens dann auf, wenn sie auf Wanderschaft sind. Etwa die Männchen auf Partnersuche oder später die Weibchen auf der Suche nach einem Brutplatz oder Winterquartier. Beides spielt dann zusammen: Im Wohnzimmer kriegen Menschen eher mit, wenn eine Spinne durchs Zimmer läuft, in einem hell gefliesten Bad fallen die dunklen Tiere ohnehin auf. Erst recht, wenn sie in eine Badewanne geplumpst sind und nicht mehr weg können. Was auch ein Faktor sein kann: Sie suchen sich durchaus angenehm warme Orte, erst recht, wenn es draußen kalt wird. Das Wohnzimmer ist meistens gut gewärmt und damit auch für die Hauswinkelspinne attraktiv. Das erklärt auch das häufiger beobachtete Phänomen, dass im Herbst, wenn es kühler wird, Hauswinkelspinnen auch erkennbar vom Garten oder Balkon hereinkommen. Worauf es hier ankommt: Wo die Tiere am häufigsten bemerkt werden sagt eher etwas über die spezifischen Umstände in diesem Moment aus, nichts darüber, in welchen Räumlichkeiten Hauswinkelspinnen wirklich am häufigsten leben.

Die meiste Zeit nämlich leben Hauswinkelspinnen heimlich und versteckt in dunklen Winkeln und Spalten, wo sie nicht gestört werden. Es sollte einerseits warm genug sein, andererseits aber auch nicht zu trocken. Solche Bedingungen finden sie hinter und unter Schränken, Sofas, hinter Heizungen, in den Spalten zwischen Kellerrohren usw. Mauerritzen und Spalten aller Art kommen hinzu. Außerhalb von Häusern finden sich Hauswinkelspinnen in ähnlich gelagerten Orten: Zwischen und unter Steinen, zwischen Wurzeln, in Felsspalten, hohlen Baumstämmen, Erdlöchern, zwischen großen Blättern am Waldboden und auch in entsprechenden Winkeln in Höhlen. Man kann wohl annehmen, dass damit auch der natürliche Lebensraum der Hauswinkelspinne erfasst ist, woraus sich auch ergibt, was sie zur Besiedlung von Häusern brachte: Für eine Hauswinkelspinne ist ein Haus nichts anderes als eine andere Form von Höhle. Es gibt geschützte, dunkle Ecken – das zählt.

In diesen versteckten Ecken baut die Hauswinkelspinne ihr Netz. Dieses ist ein Multifunktionskonstrukt: Es ist Schutzraum für die Spinne und Falle für die Beute zugleich. Kernelement des Netzes ist die Wohnröhre. Diese kann kurz, aber auch relativ lang sein und bietet der Hauswinkelspinne eine geschützte Zuflucht. Vor dem Eingang ist ein mehr oder weniger weitläufiger Trichter angelegt, der in einen Gespinstteppich mit Stolperfäden übergeht. Diese Stolperfäden sind mit Klebetröpfchen überzogen. Die Funktion dieser Konstruktion ist offensichtlich: Andere kleine Krabbeltiere – Insekten aller Art in der Regel – die in den Bereich dieser Falle geraten, geraten durch die Stolperfäden ins Straucheln, bleiben kleben und alarmieren dann durch ihr panisches Zappeln die in der Tiefe der Röhre sitzende Spinne. Diese stürzt dann hinaus, packt im schnellen Zugriff die Beute und injiziert ihr das Gift. Danach tut sie, was auch alle anderen Spinnen machen: Sie saugt die Beute wenig später aus. Allerdings haben Experimente gezeigt, dass die Hauswinkelspinne nicht unterschiedslos alle Beutetiere nimmt. Kellerasseln und deren Verwandte sagen ihr nicht wirklich zu. In entsprechenden Experimenten, bei denen Hauswinkelspinnen versuchsweise auf reine Asselndiät gesetzt wurden, zeigte sich, dass die Spinnen sogar an Körpermasse verloren, weil sie die Beute kaum annahmen und lieber fasteten. Scheinbar sind die gut gepanzerten Asseln für Hauswinkelspinnen schwer festzusetzen und zu händeln. Auf der anderen Seite sind Hauswinkelspinnen unter manchen Umständen durchaus in der Lage, aus ihrem üblichen Verhaltensmuster auszubrechen und aktiver zu jagen. Im Januar 1969 konnte in einem alten Fort in Pennsylvania (USA) erstaunliches beobachtet werden. An den Decken einiger Räume der alten Befestigung überwinterten in großer Zahl Mosquitos. Auf geringer Fläche hockten hunderte der Mücken und waren träge und inaktiv aufgrund einer niedrigen Temperatur von nur 7° Celsius. Dafür umso aktiver zeigten sich von der Temperatur weitestgehend unbeeindruckte Hauswinkelspinnen. Beobachter zählten schließlich mehr als 20, Männchen wie Weibchen, die sich über die Deckenfläche verteilten und das relativ gleichmäßig und dann in einem Umkreis von mehreren Zentimetern um sich herum die Mosquitos fraßen. Dabei nutzten die Hauswinkelspinnen allein ihre Geschwindigkeit und ihre langen Beine um die Mosquitos zu packen, keine Spinnfäden. An solchen Beobachtungen erkennt man, dass die Hauswinkelspinne durchaus sehr flexibel sein kann, wenn es das Überleben verlangt. Sicherlich eine Eigenschaft, die förderlich ist, um sich im Schlepptau des Menschen breit zu machen.

Die Spinnenfäden der Hauswinkelspinne sind wie alle Spinnenfäden ein ganz außergewöhnliches Material: Flexibel und zugleich sehr reißfest. Daneben wurden noch weitere Eigenschaften der Spinnseide bei der Hauswinkelspinne festgestellt, die einen nicht minder staunen lassen.

Schon 1984 berichtete die französische Biologin Chantal Roland von der Université de Nancy von den Ergebnissen ihrer Experimente mit verschiedenen Spinnen und deren Spinnenseide. Sie stellte den Spinnen, darunter auch einigen Hauswinkelspinnen, verschiedene Spinnenseide als zu überquerendes Substrat zur Verfügung – von anderen Arten, von der jeweils eigenen Art, von Männchen und Weibchen. Dabei zeigte sich, dass die Tiere immer dann, wenn sie die Wahl hatten, Spinnenseide anderer Arten mieden. Außerdem bevorzugten die Männchen wiederum jeweils Spinnenseide, die von einem Weibchen ihrer Art stammten. Speziell für die Hauswinkelspinne konnte Roland außerdem zeigen, dass auch die Weibchen anscheinend erkennen konnten, ob Spinnfäden von einem Männchen ihrer Art stammten. Ganz offensichtlich besitzen die Fäden chemische Markierungen, wahrscheinlich bestehend aus Pheromonen, die die Spinnen schon bei ihrer Bildung auftragen. Mit den Chemorezeptoren, die Spinnen auch an den Beinen und vor allem an den Pedipalpen haben, können die Tiere diese Markierungen wahrnehmen. Für die Hauswinkelspinne könnten diese buchstäblichen Duftspuren eine wichtige Rolle dabei spielen, dass sich Männchen und Weibchen gegenseitig erkennen und vielleicht auch ihre Intentionen kommunizieren. Dies mag sogar dabei helfen, versehentliche Paarungen mit sehr ähnlichen anderen Winkelspinnenarten im selben Lebensraum zu vermeiden.

Nicht minder bemerkenswert sind die Ergebnisse einer 2012 veröffentlichen Studie eines britischen Forscherduos von der University of Nottingham. Sie konnten zeigen, dass die Spinnseide von Hauswinkelspinnen zumindest im frischen Zustand einen vorübergehenden hemmenden Effekt auf gram-positive Bakterien hat (allerdings nicht auf gram-negative Bakterien wie Escherichia coli). Diese Wirkung scheint unter anderem auf einem bestimmten Protein der Spinnseide zu beruhen. Sobald dieses im Laufe der Zeit denaturiert, lässt die Wirkung nach. Solche Eigenschaften der Spinnseide können deshalb interessant sein, weil Materialforscher überlegen, sie zur Herstellung medizinischer Produkte zu reproduzieren. Für die Hauswinkelspinne wird der Vorteil dieser Seideneigenschaft vermutlich darin liegen, dass sie Lebensdauer der Spinnfäden erhöht. Schließlich baut die Hauswinkelspinne ihre Netze häufig in einer Umgebung mit langsam vermoderndem anderen Material, wo also zersetzende Bakterien und Pilze quasi überall sind.

Fig. 7

Fig. 7: Diese Hauswinkelspinne in ihrem Netz – man erkennt die hier etwas kurze Wohnröhre, die zu einem Spalt führt – wurde in Oregon (USA) aufgenommen. Quelle: Wikimedia Commons.

Gefährliche Mitbewohnerin?

Nicht wenige Menschen, die einer Hauswinkelspinne begegnen, sich erschrecken und ekeln vor dem Tier, fragen sich fast unwillkürlich, ob eine so große Spinne nicht gefährlich ist. Aus Sicht von Käfern, Fliegen und anderen Insekten ist sie das sicherlich. Und natürlich ist die Hauswinkelspinne in der Theorie giftig – sie injiziert das zersetzende Gift schließlich ihrer Beute. Aber für Menschen? Nun, nicht wirklich. Soweit bekannt durchdringen ihre Cheliceren nicht die menschliche Haut. Ohnehin sind Hauswinkelspinnen alles andere als aggressiv – gegenüber offensichtlich größeren Widersachern wie einem Menschen sind sie geradezu ängstlich. Sie flüchten wann immer möglich, am besten in ihre Wohnröhre. Wenn das nicht geht oder die Wohnröhre zerstört wird, versucht eine Hauswinkelspinne dennoch meistens das Weite zu suchen und ein anderes Versteck zu finden. Wenn ihnen Flucht aussichtslos erscheint, ziehen sie die Beine an und formen so einen schützenden „Ball“ und versuchen sich totzustellen. Erst wenn alle Stricke reißen und man wirklich auf Tuchfühlung mit ihr geht, würde eine Hauswinkelspinne vielleicht, ganz vielleicht versuchen zu beißen. Aber wie gesagt: Soweit bekannt kommt sie nicht wirklich durch menschliche Haut. Und der Spruch, dass die Spinne mehr Angst vor dem Menschen hat als umgekehrt, gilt hier definitiv.

An dieser Stelle muss eine ungewöhnliche Geschichte erzählt werden. In den Jahren 2003 und 2004 meldete sich ein finnischer Schweinezüchter bei seinem Arzt mit ungewöhnlichen Ekzemen an Gesicht, Nacken und Händen. Diese traten plötzlich auf, wenn er im Schweinestall arbeitete und gingen erst zurück, wenn er wenigstens ein oder zwei Wochen nicht dort arbeitete. Die Sache war natürlich sehr hinderlich für seine Arbeit, die Ekzeme juckten und breiteten sich schließlich auch an den Unterarmen aus, überall dort, wo bei der Arbeit keine Kleidung die Haut bedeckte. Der Arzt konnte zunächst keine Ursache finden und der Patient wurde schließlich zu einem Fall der Dermatologie-Abteilung des Universitäts-Hospitals von Tampere. Die Ärzte vermuteten recht schnell eine Allergie. Die Frage war nur was für eine – und auf der Suche nach der Quelle wurden alle potentiellen Allergieauslöser aus dem Schweinestall unter die Lupe genommen. Man testet den Mann auf Reaktionen gegen Staubläuse, verschiedene sonstige Milbenarten, Schaben, Maden, Fliegen, behaarte Raupen. An was man halt so denkt. Getestet wurde auf verschiedene Weise: Mit verschiedenen Methoden, die die Reaktion des Blutserums des Patienten auf die potentiellen Allergene testen, aber auch mit Proben, die auf der Haut des Patienten ausgebracht wurden. Doch auf nichts davon reagierte der Patient mit Ausschlag…bis auf eines: Spinnenseide. Genauer: Spinnenseide der Hauswinkelspinne. Dies war auch die einzige Substanz, die bei einigen Blutserumtests eine Aktivität des IgE-Antikörpers auslöste (IgE steht für Immunglobulin E, ein Antikörper, der eigentlich gegen Parasiten agieren soll, aber eben auch die Ursache vieler Allergien ist). Dieser Befund war sehr ungewöhnlich! Bei anderen gesunden Probanden, darunter auch anderen Bauern, wurde diese Reaktion nicht vorgefunden. Schließlich schien der Befund festzustehen: Der Schweinezüchter war gegen in der Luft herumfliegende proteinhaltige Partikel der Spinnenseide von Hauswinkelspinnen allergisch! Sie lösten die schwere Dermatitis aus, in Form juckender Ekzeme. Dazu passten weitere Umstände, die der Schweinezüchter selbst berichten konnte: Im Stall hatten sich in den letzten beiden Jahren die Fliegen und im Gefolge auch die Hauswinkelspinnen stark vermehrt. Die Folge waren dicke Matten von Spinnennetzen in den Ecken und vor allem im Dachgebälk des Stalls. Anscheinend hatte dies zu einer Konzentration von Spinnseidenpartikeln in der Luft geführt, die eine Immunreaktion hervorrief – und damit die Allergie! Die Ärzte aus Tampere berichteten in der Folge im Jahre 2005 in der Fachzeitschrift Allergy über den Fall; leider berichten sie nicht weiter, welche Maßnahmen seitens des Schweinezüchters aus diesen Resultaten folgten. Bemerkenswert an dieser ganzen Angelegenheit ist aber Folgendes: Offensichtlich kann das (faktische) Zusammenleben mit Hauswinkelspinnen in ganz seltenen Fällen durchaus auch negative Auswirkungen haben, wenn auch nur indirekte, in Form von Allergien. Und hier wohl vor allem Allergien auf die Spinnseide, denn direkten Kontakt mit den Spinnen selber hatte der Patient in Finnland nicht. Dieses Phänomen ist aber wohl extrem selten, jedenfalls war dies damals der erste derartige Bericht über Allergien in Zusammenhang mit einer Hauswinkelspinne und bis heute ist ein ähnlich klarer Fall nicht hinzugekommen. 2009 untersuchten spanische Ärzte eine asthmatische allergische Reaktion bei einem 31jährigen, bei der sie auch darauf testeten, ob diese durch die Spinnwebpartikel der Hauswinkelspinne ausgelöst wurden. Wie sich herausstellte, waren die Spinnweben einer anderen Spinnenart die Ursache, nicht aber die der Hauswinkelspinne. Was folgt daraus? Für einen gesunden Menschen sind Hauswinkelspinnen definitiv ungefährlich, egal in welcher Hinsicht, auch für die meisten anderen. Aber starke Allergiker sollten vielleicht ein wenig mehr aufpassen.

Fig. 8

Fig. 8: Eine weitere Hauswinkelspinne in ihrem Netz am Eingang der Wohnröhre, aufgenommen diesmal in Polen. Quelle: Wikimedia Commons/Adrian Tync.

Lebenszyklus im Überblick

Dafür, dass die Hauswinkelspinne ja doch eine der weltweit häufigsten Spinnen ist (auch wenn sie in Teilen Europas seltener geworden ist), findet sich erstaunlich wenig an Angaben zu ihrem Lebenszyklus. Allgemein lässt sich sagen, dass die Karriere einer jeden kleinen Hauswinkelspinne im Herbst ihren Anfang nimmt. Die Tiere schlüpfen aus den Eiern und sind erstmal natürlich noch sehr klein. Sie wachsen aber rasch, überwintern schließlich in geeigneten Verstecken, auch wenn sie gelegentlich – wir erinnern uns an die Beobachtungen aus Pennsylvania – schon bei recht niedrigen Temperaturen von nichtmal 10° Celsius wieder aktiv. Bis zum Sommer erreichen die Tiere normalerweise dann ihre volle Größe. Die Männchen bilden bei ihrer letzten Häutung den Bulbus am Ende ihrer Pedipalpen aus. In unseren Breiten ist es meist die Zeit zwischen Juli und Oktober, in der die Männchen dann auf die Suche nach Weibchen gehen. Es ist diese Zeit, in der man vor allem die Männchen in Häusern aufgreift, weil sie ihre Verstecke verlassen und umherstreifen.

Entdecken die Männchen ein Winkelspinnennetz, inspizieren sie es erst vorsichtig – wie erwähnt, können sie offensichtlich via Botenstoff, also quasi Geruch, der Seide schon erkennen, ob das Netz von einem Weibchen der eigenen Art gebaut wurde. Die Annäherung an das deutlich größere Weibchen muss dann vorsichtig erfolgen. Aus der Arbeit von Chantal Roland an der Universität von Nancy ging in den 1990er Jahren eine kleine Forschungsgruppe hervor, der auch die Biologin und Physiologin Marie Trabalon (heute Professorin in Rennes) angehörte und die auch mit Neurobiologen aus Marseille zusammenarbeitete. Den Forscherinnen gelang der Nachweis, dass ähnliche Duftstoffe, unter anderem auch Pheromone, auch beim direkten Kontakt zwischen den Hauswinkelspinnen selber eine große Rolle spielen. Die Weibchen erkennen, dass sie ein Männchen der eigenen Art vor sich haben und keine direkte Beute. Und umgekehrt erkennen die Männchen, dass sie auch wirklich ein Weibchen der eigenen Art vor sich haben und nicht eines einer anderen ähnlichen Art. Auch ob das Weibchen paarungsbereit ist, kann das Männchen anscheinend am Geruch erkennen. Mit vorsichtigen tastenden Bewegungen und Berührungen versuchen die Männchen die Weibchen dann gnädig zu stimmen, um nicht gefressen zu werden. Das kann je nachdem so erfolgreich sein, dass die Männchen durchaus eine längere Zeit im Netz des Weibchens verbringen dürfen. Dabei kann es dann zu mehreren Begattungen kommen, bei denen das Männchen sein Sperma zunächst in den Embolus eines Pedipalpen überträgt und dann in die Epigyne des Weibchens einbringt. Viel Freude haben die Männchen daran dann aber doch nicht: Entweder das Weibchen entschließt sich doch noch dazu, das kleinere Männchen kurzerhand zu fressen oder das Männchen stirbt schließlich von selbst an Schwäche, nachdem es seinen Job erledigt hat. Oft genug saugen die Weibchen dann aber auch noch den Leichnam zumindest aus. Immerhin liefert das nochmal wertvolle Proteine für die endgültige Ausbildung der Eier.

Die Männchen leben also im Grunde nur ein Jahr. Die Weibchen dagegen können länger leben; in Gefangenschaft angeblich sogar mehr als sechs Jahre. Normal sind in freier Natur wohl eher zwei Jahre. Jedenfalls können Weibchen also wenigstens zwei Mal für Nachwuchs sorgen. Weltweit gesehen gibt es für die Lebenszyklen der Hauswinkelspinne vermutlich ohnehin größere Unterschiede – in Gebieten mit weniger ausgeprägtem Winter wird der Zyklus weniger stark an Jahreszeiten angepasst sein, in Gebieten mit Trocken-und Regenzeiten vielleicht eher an denen. Wobei zumindest die Exemplare, die in menschlichen Behausungen leben, davon unabhängiger sind, weil menschliche Gebäude ein relativ einheitlicheres Klima bieten.

Eier

Anfang der 1990er Jahre untersuchte Marie Trabalon auch zusammen mit anderen Kollegen aus Nancy und Paris die Reifung der Eier im Körper der weiblichen Hauswinkelspinne näher. Die Eier werden in den Ovarien oder Eierstöcken ausgebildet, die als längliche Organe im Hinterleib der Spinne liegen. Während die Organe selbst schon früher angelegt werden, beginnt die Reifung der Eier erst nach der finalen Häutung, mit der die Geschlechtsreife einhergeht. Werfen wir einen näheren Blick darauf:

Schon zu Beginn werden über 700 Eier angelegt. Sie haben nur einen Durchmesser von 69 μm und haben noch nicht viele besondere Eigenschaften, die sie von anderen Zellen nennenswert unterscheiden. Doch sie entwickeln sich schnell. In mehreren Stadien nehmen sie innerhalb von 20 Tagen an Größe zu, bis sie den dreifachen Durchmesser haben und bilden erste Dotterkörper. Selbst wenn die ersten Eier bereits im dritten Stadium sind, bilden sich sogar noch weitere Eier neu aus, aber nicht viele; diese durchlaufen dann zeitversetzt die entsprechenden Stadien. Eier ab Reifungsstadium vier finden sich erst in Weibchen, die bereits eine Paarung hinter sich hatten, üblicherweise irgendwann zwischen Tag 20 und 30 nach Beginn der Reifung. Die Eier nehmen an Größe noch zu und ebenso an Dottergehalt. Im sechsten und letzten Stadium vor der Eiablage haben sie schließlich einen Durchmesser von 477 bis 545 μm. Etwa 40 Tage nach Beginn der Eireifung (und im Falle einer einjährigen weiblichen Hauswinkelspinne: auch nach der letzten Häutung) sind etwa 80 Eier ausgereift, bei einer Gesamtzahl von über 820 Eiern in verschiedenen Reifungsstadien. Die exakte Zahl kann natürlich etwas schwanken, aber ungefähr jetzt beginnt das Weibchen auch Eier zu legen. Diese Eier packt das Weibchen in Kokons, die es dann entweder in einem geschützten Bereich seiner bisherigen Behausung unterbringt oder in neuen Verstecken, wo es neue Netze anlegt (auf der Suche nach solchen neuen Verstecken begegnen dann einem im Herbst eben häufig die Weibchen). Der erste Kokon enthält noch 60 bis 100 Eier. Danach legt das Weibchen alle 20 bis 25 Tage weitere Kokons an, die nach und nach weniger Eier enthalten, bis die letzten ausgereiften Eier befruchtet und aufgebraucht sind.

Die Reifungsprozesse der Eier werden mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Pegel sogenannter Ecdysteroide im Körper der weiblichen Hauswinkelspinne gesteuert. Bei Ecdysteroiden handelt es sich um Hormone, die eine ganze Anzahl von Aufgaben in den Körpern sogenannter Häutungstiere (Ecdysozoa) haben, zu denen neben den Gliederfüßern auch einige andere Tiergruppen wie die Fadenwürmer (Nematoda) zählen. Unter anderem übernehmen diese Hormone auch eine Rolle bei Häutungsprozessen, aber eben auch bei verschiedenen Fortpflanzungsprozessen. Dies trifft besonders auf das Hormon Ecdysteron zu. Trabalons Forschergruppe ermittelte damals zu bestimmten Zeitpunkten der Eireifung die Konzentration dieses Hormons in der Hämolymphe der weiblichen Hauswinkelspinnen. Es zeigte sich, dass die Ecdysteron-Konzentration bis zum dritten Reifungsstadium steil ansteigt und wenn dann die meisten Eier dieses Stadium erreicht haben, fallen diese Werte ebenso stark ab. Nach Stadium 4 steigen sie wieder langsam an, erreichen aber nie wieder den Höchststand. Diese Zweiteilung des Konzentrationsverlaufs korreliert scheinbar mehr oder weniger mit dem Zeitpunkt der Paarung der Tiere. Eventuell löst der Kopulationsakt ja diesen erneuten Anstieg des Ecdysterons überhaupt erst aus, was wiederum die letzten Reifungsstadien für die Eier einleitet.

Fig. 9

Fig. 9: Die geografische Situation für die im Text erwähnten antarktischen und subantarktischen Nachweise der Hauswinkelspinne. Oben Links ist Südamerika, oben rechts Afrika, unten die Antarktis. 1: Südgeorgien. 2: King-George-Insel. Quelle: Google Maps, bearbeitet durch Pirat.

Am Ende der Welt

Wie bereits geschildert taucht die Hauswinkelspinne sogar an sehr abgelegenen und entfernten Orten auf – eingeschleppt vom Menschen. So ist die Art zum Beispiel schon seit 1954 von der Inselgruppe Südgeorgien mitten in den Weiten des südlichsten Atlantiks bekannt – einer der letzten Flecken vor den rauen Gefilden der Antarktis. Die nächste Landmasse liegt über 1400 km weiter westlich, Feuerland. Auf der Inselgruppe selber lebe maximal etwa 30 Menschen, allerdings nur die wenigsten permanent. Das Gelände ist abgesehen von etwas niedriger Vegetation kahl, bergig, es gibt viel Schnee und Gletscher. Die Temperaturen klettern nie über 10° Celsius, meistens liegt sie eher um die 0 Grad Celsius oder darunter. Von Mai bis August ist es im subantarktischen Winter quasi fast durchgängig dunkel. Kurz gesagt: Hier kann die Hauswinkelspinne praktisch nur im Innern von Gebäuden überleben. An solchen Orten zeigt sich sehr stark, wie sehr diese Art in weiten Teilen der Welt ein Kulturfolger ist.

Um besser zu verstehen, wie Arten wie die Hauswinkelspinne dem Menschen selbst an so entlegene Orte folgen, unternahm eine polnische Forschergruppe 2007 bis 2010 eine Bestandsaufnahme der eingeschleppten Tierarten in der von Polen in der Antarktis betriebenen Forschungsstation „H. Arctowski“ und durchsuchte zugleich Ladung und Gepäck der dorthin fahrenden Versorgungsschiffe nach entsprechenden Tieren. Die Forschungsstation befindet sich auf der King-George-Insel, die noch weiter südlich rund 120 km vor der Küste des antarktischen Festlands liegt. Die Forschungsstation selber wurde 1977 gegründet und wird seit 2012 vom Institut für Biochemie und Biophysik der Polnischen Akademie der Wissenschaften betrieben. Sie liegt in der Admiralty Bay auf einer eisfreien Fläche am Westufer der Bucht. Die Temperaturen sind hier noch etwas niedriger als auf Südgeorgien, dafür liegt „H. Arctowski“ relativ windgeschützt. Es können bis zu 40 Menschen in der Station untergebracht werden, Wissenschaftler und sonstige Mitarbeiter. Allerdings wird diese Zahl nur im antarktischen Sommer erreicht. Im Winter bleibt lediglich eine Rumpfbesatzung von 16 Mann. Auch die Versorgungsfahrten finden im Sommer statt, meistens aus dem polnischen Gdynia kommend, von wo die Passage bis zu 44 Tage dauert. Gelegentlich kommen auch Versorgungsschiffe von Argentinien her, die lediglich 6 bis 10 Tage zur Station brauchen.

Für die Untersuchung wurden die Räumlichkeiten der Station ebenso regelmäßig auf Kleintiere untersucht wie die Frachtcontainer. Die persönlichen Sachen von anreisenden Mitarbeitern wurden zuvor vakuumverpackt. Alles was sich darin befand würde anschließend im Beutel sein. Die Ergebnisse bestätigten vollauf, was die Forscher erwartet hatten: Es hatten sich einige Insekten und Spinnentiere in der Station angesiedelt – von der Fruchtfliege bis zur Ameise und zur Kreuzspinne. Und tatsächlich wurde auch eine Hauswinkelspinne entdeckt! Und zwar in einem der Wohnräume der Station. Zwar konnte keine Hauswinkelspinne an Bord der Schiffe gefunden werden, allerdings durchaus einige andere Arten. Dies legt sehr deutlich nahe, dass die Tiere an Bord der Schiffe und hier vor allem die Frachtpakete in den entsprechenden Containern die Insel erreichen. Die Logik legte dies bereits nahe, allerdings ist mit einer solchen Studie nunmehr auch der direkte Nachweis erbracht.

Fig. 10


Fig. 10: Die polnische Forschungsstation „H. Arctowski“ auf der King-George-Insel in der Antarktis im Jahre 2008. Quelle: Wikipedia.

Eine andere Untersuchung zur Verbreitung der Hauswinkelspinne durch den Menschen wurde 2019 von argentinischen Forschern veröffentlicht. Sie befassten sich mit dem Auftreten der Art im südlichsten Südamerika, in Patagonien und Feuerland. Neben den ersten Nachweisen der Art für Feuerland stießen die Forscher auf einen sehr bemerkenswerten Umstand: Im Umfeld der Ortschaft Punta Arenas wurde die Art bereits Anfang des 20. Jahrhunderts nachgewiesen. Danach scheint sie dort wieder verschwunden zu sein – und erst seit 2002 wird sie dort wieder vermeldet. Dass diese Abwesenheit der Hauswinkelspinne in Punta Arenas über Jahrzehnte hinweg nicht nur Einbildung ist, belegt die Tatsache, dass vor Ort tätige sehr aktive Spinnensammler und auch die örtliche Naturkundesammlung in der ganzen Zeit ebenfalls in ihren gesammelten Spinnenproben diese Art nicht nachweisen konnten. Anscheinend hatte die Hauswinkelspinne sich dort vor Ort zunächst nicht länger etablieren können und irgendwann kurz vor 2002 muss sie Punta Arenas wieder erreicht haben, vielleicht an Bord einer Frachtkiste. Seitdem ist sie dort öfter nachweisbar und hat sich offensichtlich weiter nach Süden ausgebreitet. Was erschließt sich daraus? Anscheinend kann es durchaus vorkommen, dass sich die Hauswinkelspinne nicht immer direkt auf Anhieb mit einer selbsterhaltenden Population an einem neuen Ort etablieren kann. Möglicherweise ist es eine Frage dessen, wie intensiv der menschliche Verkehr an einem Ort ist und wie viele Spinnen dieser Art dabei ins Gebiet gebracht werden können. Punta Arenas war vor 120 Jahren sicherlich noch wesentlich abgelegener als heutzutage, in einer Zeit, in der sogar abgelegene Forschungsstationen in der Antarktis ziemlich regelmäßig von Versorgungsschiffen angesteuert werden.

Die Bedeutung liegt aber noch woanders, auf einer übergreifenden Ebene. Es ist ein weiteres Beispiel dafür, wie wir Menschen diesen Planeten verändern. Selbst wenn wir es nicht beabsichtigen, versetzen wir andere Lebewesen rund um die Welt im Zuge unserer Reisen und Frachtbewegungen. Wir versetzen sie an Orte, an die sie vorher nicht gekommen wären. Und manchmal sind die Bedingungen vor Ort dann so, dass sich die entsprechende Art dort sehr heimisch fühlen kann – ein anderes Beispiel hierfür ist etwa die Süßwassermeduse (Craspedacusta sowerbii). Noch viel stärker ist dieser Effekt bei einer Art wie der Hauswinkelspinne, die sich an eben jenen Ort sehr wohl fühlen kann, die wir Menschen fast zwangsläufig ebenfalls überall selbst erschaffen: Häuser, Lagerräume etc. Selbst wenn also die natürlichen Bedingungen vor Ort für eine solche Art nicht günstig sind, so kann sie darauf bauen, dass der Mensch eine solche Umgebung schafft. Die Folge ist, dass sich Populationen dieser Arten fast überall auf der Welt etablieren können. Dies verändert Ökosysteme vor Ort oder schafft innerhalb menschlicher Behausungen ganz eigene kleine Ökosysteme. Die Folgen davon sind im Einzelnen oft noch nicht restlos verstanden. Auf einer langfristigen evolutionären Ebene hat das natürlich auch eine faszinierende Seite: Rein theoretisch könnten sich die vielen über den Erdball verteilten Populationen der Hauswinkelspinne im Laufe von Jahrtausenden oder Jahrmillionen zu neuen voneinander verschiedenen Arten auseinanderentwickeln. Wie sich das wirklich entwickeln wird, werden wir allerdings wohl nicht mehr erleben. Jedenfalls hat die Menschheit auf diese Weise den Grundstein für potentielle neue Artbildungsprozesse gelegt.

Literatur

Baert, L., Lehtinen, P. & Desender, K. 1997. The spiders (Araneae) of Rapa Nui (Easter Island). – Entomologie 67: 9-32.

Bolzern, A., Burckhardt, D. & Hänggi, A. 2013. Phylogeny and taxonomy of European funnel-web spiders of the Tegenaria-Malthonica complex (Araneae: Agelenidae) based upon morphological and molecular data. – Zoological Journal of the Linnean Society 168: 723-848.

Bolzern, A. & Hänggi, A. 2016. Revision of the Nearctic Eratigena and Tegenaria species (Araneae: Agelenidae). – Journal of Arachnology 44: 105-141.

Bromhall, C. 1987. Spider tracheal systems. – Tissue & Cell 19, 6: 793-807.

Chwedorzewska, K.J., Korczak-Abshire, M., Olech, M., Lityńska-Zając, M. & Augustyniuk-Kram, A. 2013. Alien invertebrates transported accidentally to the Polish Antarctic Station in cargo and on fresh foods. – Polish Polar Research 34: 55-66.

Crespo, L.C., Silva, I., Borges, P.A.V. & Cardoso, P. 2013. Rapid biodiversity assessment, faunistics and description of a new spider species (Araneae) from Desertas Islands and Madeira (Portugal). – Revista Ibérica de Aracnología 23: 11-23.

Dippenaar-Schoeman, A. 2014. Field Guide to the Spiders of South Africa. LAPA Publishers, Pretoria.

Faúndez, E.I., Carvajal, M.A., Asplanato, N., Raffo, F. & Vargas, C.J. 2019. Contribution to the knowledge of Tegenaria domestica (Clerck, 1757) (Araneae: Agelenidae) in Southern Patagonia. – Anales Instituto Patagonia 47, 3: 43-47.

Hasan, T., Mäkinen-Kiljunen, S., Brummer-Korvenkontio, H., Pajunen, T. & Reunala, T. 2005. Occupational IgE-mediated allergy to a common house spider (Tegenaria domestica). – Allergy 60: 1455-1457.

Iraola, V., Barranco, P., Bobolea, I.D., Vega, A., Pinto, H. & Quirce, S. 2009. Occupational Respiratory Allergy caused by Spider. – The Journal of Allergy and Clinical Immunology 123, 2, Supplement (Abstracts Tuesday March 17): S232.

Jocqué, R., Baert, L., De Smedt, P., Bosselaers, J., Souffreau, J., Henrard, A., Janssen, M., Alderweireldt, M., Oger, P., Bosmans, R., Fannes, W., Jansen, L., Decae, A. & Sleeuwaert, T. 2016. An introductory study of house spiders (Araneae) in Belgium. – Arachnology 17: 129-136.

Paik, K. Y. 1971. Korean Spiders of Genus Tegenaria (Araneae, Agelenidae). – Korean Journal of Zoology 14: 19-26.

Pekár, S., Líznarová, E. & Řezáč, M. 2016. Suitability of woodlice prey for generalist and specialist spider predators: a comparative study. – Ecological Entomology 41: 123-130.

Prashanthakumara, S.M., Nijagal, B.S. & Venkateshwarlu, M. 2015. Study on diveresity of spider fauna in Jnana Sahyadri Campus, Shimoga, Karnataka. – Bulletin of Pure and Applied Sciences A (Zoology) 34: 1-9.

Priyadarshini, N., Kumari, R., Pathak, R.N. & Pandey, A.K. 2015. Biodiversity and Community structure of spiders in Saran, part of Indo-Gangetic Plain, India. – Asian Journal of Conservation Biology 4, 2: 121-129.

Pugh, P.J.A. 2004. Biogeography of spiders (Araneae: Arachnida) on the islands of the Southern Ocean. – Journal of Natural History 38, 12: 1461-1487.

Roland, C. 1984. Chemical signals bound to the silk in spider communication (Arachnida, Araneae). – Journal of Arachnology 11: 309-314.

Roth, V.D. 1968. The Spider Genus Tegenaria in the Western Hemisphere (Agelenidae). – American Museum Novitates 2323: 1-33.

Schmidt, G., Geisthardt, M. & Piepho, F. 1994. Zur Kenntnis der Spinnenfauna der Kapverdischen Inseln (Arachnida: Araneida). – Mitteilungen der internationalen entomologischen Vereinigung 19 (3): 81-126.

Suman, T.W. 1964. Spiders of the Hawaiian Islands: Catalog and Bibliography. – Pacific Insects 6, 4: 665-687.

Trabalon, M., Bagnères, A.G. & Roland, C. 1997. Contact sex signals in two sympatric spider species, Tegenaria domestica and Tegenaria pagana.Journal of Chemical Ecology 23: 747-758.

Trabalon, M., Bautz, A.-M., Moriniere, M. & Porcheron, P. 1992. Ovarian development and correlated changes in hemolymphatic ecdysteroid levels in two spiders, Coelotes terrestris and Tegenaria domestica (Araneae, Agelenidae). – General and Comparative Endocrinology 88: 128-136.

Wang, X.-P., Griswold, C.E. & Miller, J.A. 2010. Revision of the genus Draconarius Ovtchinnikov 1999 (Agelenidae: Coelotinae) in Yunnan, China, with an analysis of the Coelotinae diversity in the Gaoligongshan Mountains. – Zootaxa 2593: 1-127.

Wheeler, W.C., Coddington, J.A., Crowley, L.M., Dimitrov, D., Goloboff, P.A., Griswold, C.E., Hormiga, G., Prendini, L., Ramírez, M.J., Sierwald, P., Almeida-Silva, L., Alvarez-Padilla, F., Arnedo, M.A., Benavides Silva, L.R., Benjamin, S.P., Bond, J.E., Grismado, C.J., Hasan, E., Hedin, M., Izquierdo, M.A., Labarque, F.M., Ledford, J., Lopardo, L., Maddison, W.P., Miller, J.A., Piacentini, L.N., Platnick, N.I., Polotow, D., Silva-Dávila, D., Scharff, N., Szüts, T., Ubick, D., Vink, C.J., Wood, H.M. & Zhang, J. 2017. The spider tree of life: phylogeny of Araneae based on target-gene analyses from an extensive taxon sampling. – Cladistics 33: 574-616.

Whitmyre, G. & Willis, W. 1970. Spider prédation on overwintering Culex pipiens (Diptera: Culicidae). – Mosquito News 30: 95-96.

Wright, S. & Goodacre, S.L. 2012. Evidence for antimicrobial activity associated with common house spider silk. – BMC Research Notes 5: 326.

Factsheet der Colorado State

https://de.wikipedia.org/wiki/Arctowski-Station

https://en.wikipedia.org/wiki/Tegenaria_domestica

http://wiki.arages.de/index.php?title=Tegenaria_domestica

https://wsc.nmbe.ch/species/1088/Tegenaria_domestica

https://www.nhm.ac.uk/take-part/identify-nature/spiders-in-your-home/house-spider.html