Reihe: Clerck

Gemeine Baldachinspinne (Linyphia triangularis (Clerck, 1757))

Namensbedeutung

Auch diese Art gehört zu jenen Spinnen, die bereits Clerck beschrieb, damals noch als Teil der Gattung Araneus, also schlicht: Spinne. Nur auf Lateinisch. Den Artnamen triangularis für „dreieckig“ vergab Clerck als Anspielung auf die oft annährend dreieckigen braunen Flecken auf der Oberseite des Hinterleibes der weiblichen Gemeinen Baldachinspinnen. Wie wir es schon bei der Rindenspringspinne (Marpissa muscosa) und der Piratenspinne (Pirata piraticus) gesehen haben, wurde die Gemeine Baldachinspinne bald in eine andere Gattung eingeordnet, als man daran ging die Vielfalt der Spinnen etwas differenzierter zu erfassen. Im Jahre 1804 nahm Pierre André Latreille (1762-1833), ein führender französischer Forscher im Bereich der Gliederfüßer (und einer der Begründer der modernen Entomologie, also Insektenforschung), eine grobe Einteilung der Spinnen auf Gattungsebene vor und führte dabei erstmal den Gattungsnamen Linyphia ein, abgeleitet von den griechischen Wörtern für „Leinen“ und „Gewebe“ und übersetzbar ungefähr mit „Leinenweber“. Dies bezieht sich auf die Netze der Spinnen, die vor allem aus der Ferne wie ein flaches weißes Leinentuch wirken, welches man über einen Busch geworfen hat. Latreille arbeitete wie viele seiner französischen Kollegen in der napoleonischen Zeit am Muséum National d’Histoire Naturelle. Der Spinnenfachmann Charles Athanase Walckenaer (1771-1852), ein Landsmann Latreilles, betätigte sich dagegen eher privat als Forscher, der nicht weniger fleißig zur systematischen Aufarbeitung der Artenvielfalt der Spinnen beitrug. 1805 verwendete er als erster in einem wissenschaftlichen Beitrag die volle Namenskombination Linyphia triangularis für die Gemeine Baldachinspinne, damit den Gattungsnamen Latreilles übernehmend.

Synonyme

Gemessen mit anderen in jener frühen Anfangszeit der zoologischen Nomenklatur beschriebenen Arten hat die Gemeine Baldachinspinne relativ wenige Synonyme angesammelt. Vielleicht liegt es daran, dass die Art nicht sonderlich spektakulär ist und relativ klein und sich deswegen weniger Bearbeiter berufen fühlen, hinter jedem leicht anderen Farbklecks auf dem Hinterleib direkt eine neue Art zu sehen. Nun ja, eine Handvoll sind es ja doch:

Aranea montana, Aranea pinnata, Aranea triangularis, Araneus albini, Linyphia macrognatha, Linyphia micrognatha, Linyphia montana, Linyphia pinnata, Linyphia walckenaeri.

Phylogenie

Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Nephrozoa; Protostomia; Ecdysozoa; Panarthropoda; Arthropoda; Euarthropoda; Chelicerata; Arachnida; Tetrapulmonata; Araneae; Opisthothelae; Araneomorphae; Araneomorphi; Araneoclada; Entelegynae; Araneoidea; Linyphiidae; Linyphia.

Die Gemeine Baldachinspinne gehört zur recht artenreichen Familie der Baldachinspinnen (Linyphiidae). Diese wird verschiedentlich in bis zu sieben verschiedene Unterfamilien unterteilt, deren genaue Abgrenzung aber nicht immer ganz klar zu sein scheint – daher habe ich darauf verzichtet, hier noch die Unterfamilie anzugeben (in diesem Fall wäre es die der Linyphiinae gewesen). Die Baldachinspinnen an sich sind aber eine gut von morphologischen und genetischen Merkmalen definierte monophyletische Einheit. Sie bilden einen abgeleiteten Zweig der Araneoidea, die uns zuletzt mit der aus einer anderen Familie stammenden Gehörnten Kreuzspinne (Araneus angulatus) begegnet sind. Damit sind die Gehörnte Kreuzspinne und die Gemeine Baldachinspinne enger miteinander verwandt, als jede von ihnen mit der Piratenspinne oder der Rindenspringspinne. Ein 2015 aufgekommener Vorschlag, die Baldachinspinnen und einige kleinere nahe verwandten Zweige des Spinnenstammbaums als Linyphioidea als Schwestergruppe zu den anderen Araneoidea anzusehen hat sich so nicht durchgesetzt.

Fig. 1

Fig. 1: Ein Porträt von Pierre André Latreille (1762-1833), der als erster den Gattungsnamen Linyphia einführte. Quelle: Wikipedia.

Verbreitung

Die Gemeine Baldachinspinne ist eine durchaus weitverbreitete Art, bei der jedoch ein Blick in die Literatur zeigt, dass die genauen Grenzen ihrer Verbreitung wenig verstanden sind. Die allgemeine Ansicht ist, dass diese Art mehr oder weniger paläarktisch verbreitet ist, also in Europa und dem nördlichen Asien. Es ist schwer, dass genauer zu fassen. Der Verbreitungsschwerpunkt ist sicher in Europa, wo die Art in praktisch jedem Land nachgewiesen ist; lediglich auf Island fehlt sie. Selbst in Skandinavien ist sie weit verbreitet, mindestens bis in südliche Norwegen, mittlere Schweden und das südliche Finnland. Im Mittelmeer scheint sie auch auf den meisten größeren Inseln vorzukommen, namentlich Sardinien, Sizilien und die Balearen sowie Zypern. Auf Malta, vielleicht auch Kreta, scheint sie aber zu fehlen und nach bisherigem Stand hat die Gemeine Baldachinspinne nicht den Sprung aufs nordafrikanische Festland geschafft. Weiter östlich kennt man die Gemeine Baldachinspinne aus den Kaukasus-Staaten, der Türkei und im Iran. Die Vorkommen scheinen in Iran fleckenartig verteilt zu sein, die Art ist dort aus der Provinz Gilan im Norden und der Provinz Kerman im Südosten des Landes bekannt und seit 2014 auch aus Teheran. Im nördlichen Asien dagegen werden die Angaben in der Literatur etwas schwammig. Noch im europäischen Teil Russlands ist die Gemeine Baldachinspinne wohl mehr oder weniger zahlreich, darüber hinaus heißt es, sie käme nördlich bis in die Taiga Sibiriens vor, und quer durch dieses nach Osten hin bis zur Pazifikküste und bis in die Mongolei und China. Ich habe leider keine genaueren Angaben dazu finden können; in der Literatur fand ich lediglich genauere Angaben zu Vorkommen der Art bei Krasnojarsk am Jenissei und in der russischen Region Chabarowsk direkt an der fernöstlichen Pazifikküste, mit einem Schwerpunkt bei Wladiwostok. Über genauere Vorkommen in der Mongolei oder in China fand sich nichts, obwohl das Verbreitungsmuster für einen Schwerpunkt im nördlichen China spräche. Darüber, ob die Art in Kasachstan vorkommt, gehen die Angaben in der Literatur auseinander.

Diese wenigen Angaben zur Verbreitung in Sibirien und China scheinen mit Vorsicht zu genießen zu sein. Eventuell ist die Gemeine Baldachinspinne in diesen Regionen einfach nur nicht sehr häufig oder es liegen Verwechslungen mit anderen Arten aus derselben Familie der Baldachinspinnen vor. Relativ gut erforscht ist dagegen ein anderes Vorkommen der Art, dass sich erst in den letzten 40 Jahren entwickelt hat: Seit Anfang der 1980er Jahre ist die Gemeine Baldachinspinne im US-Bundesstaat Maine aufgetaucht und hat sich dort stark verbreitet. Offensichtlich ist sie durch den Menschen dorthin verschleppt worden. Zu dieser Population gibt es einige Studien, deren Ergebnisse wir uns weiter unten noch ansehen werden.

Eine Beschreibung

Schauen wir uns die Gemeine Baldachinspinne mal genauer an. Wie praktisch alle Spinnen gibt es bei dieser Art deutlich Unterschiede im Erscheinungsbild zwischen Weibchen und Männchen, was zusammen mit einer grundsätzlichen Variabilität in der Musterung in den ersten Jahrzehnten nach der Erstbeschreibung durch Clerck zu einer gewissen Konfusion dazu führte, welcher Spinnenart der Name Linyphia triangularis wirklich zuzuordnen ist. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts klärte sich das mühsam, was auch dadurch, dass andere Baldachinspinnen zum Teil sehr ähnlich aussehen, nicht einfacher wurde. Nun denn, schauen wir uns zuerst das Weibchen genauer an, dann das Männchen.

Weibchen. Die Gemeine Baldachinspinne ist keine sonderlich große Spinne. Die Weibchen besitzen eine Gesamtkörperlänge von meistens 5 bis 7 mm. Davon entfallen 3 bis 4,5 mm auf den Hinterleib (Opisthosoma), 2 bis 2,5 mm auf den Vorderkörper (Prosoma bzw. Cephalothorax). Der Hinterleib ist mit einer Breite von über 3 mm deutlich breiter als der Vorderkörper (knapp 2 mm). Auch ist der Hinterleib deutlich höher, oft deutlich mehr als 3 mm.

Der Vorderkörper besitzt auf der Oberseite eine hellbraune, manchmal etwas gelbliche Grundfärbung, mit einer dunkelbraunen Umrandung. Vom hinteren Rand läuft ein ebenso dunkler Strich entlang der Mittellinie nach vorne bis etwa zur Mitte des Vorderkörpers, wo er sich in zwei dunkle Striche aufteilt, die parallel weiter nach vorne bis direkt hinter das Augenfeld verlaufen. Dieses Stimmgabelmuster gilt als sehr typisch für die Gemeine Baldachinspinne. 1969 berichtete P.J. Van Helsdingen, dass weibliche Exemplare dieser Art aus der Mongolei und China eine deutlich dunklere braune Oberseite des Vorderkörpers hätten, wobei die Stimmgabelzeichnung weniger auffällig war. Die Unterseite des Vorderkörpers ist dunkelbraun bis fast schwarz. Seine größte Breite hat er knapp hinter seiner Mitte, der vordere Bereich mit dem Augenfeld ist deutlich schmaler. Das Augenfeld weist die typischen vier Augenpaare auf. Ganz vorne liegen die beiden kleinen Anterior Median Eyes (AME) an der Vorderseite des Vorderkörpers, dicht beieinander. Etwas davon abgesetzt und erhöht auf der Oberseite des Vorderkörpers liegen die beiden erkennbar größeren Posterior Median Eyes (PME). Etwa auf Höhe dieser Augen liegen an den seitlichen Flanken des Prosomas schließlich jeweils das rechte bzw. linke Anterior Lateral Eye (ALE) und Posterior Lateral Eye (PLE) dicht hintereinander, leicht erhaben und nur mäßig groß.

Der Hinterleib ist hoch, mit einem gewölbten Rücken und einem flachen Bauch im Profil, insgesamt gedrungen. Nach hinten unten hin bildet das Profil dort eine Spitze, wo die Spinnwarzen liegen. Von oben ist die Form des Opisthosomas etwa die eines zusammengedrückten Eis oder Ovals. Die Färbung des Hinterleibs ist eine komplexe Musterung. Auf der Oberseite zieht sich ein grob blattförmiges braunes Band, durchsetzt von helleren Punkten und von einer dünneren dunkelbraunen bis schwarzen Linie umrandet. Die Form dieses Umrisses ist sehr variabel, in nicht wenigen Exemplaren sind die seitlichen Einbuchtungen der Blattform so tief, dass das Band mehr den Eindruck einer Reihe dunkler ineinander übergehender Dreiecke macht. Daher hat die Gemeine Baldachinspinne auch ihren Artnamen. Über die obere Hälfte der Hinterleibsseite zieht sich beiderseits Rückenbandes eine gelblich-weißes Längsband, genau über die Mitte der Hinterleibsseiten verläuft direkt darunter ein braunes Längsband. Unterhalb dessen gibt es ein weiteres weißes Längsband im vorderen Bereich des Hinterleibs, gefolgt von einem braunen und einem weißen senkrechten Band in der Hinterleibsmitte. Im hinteren Bereich des Hinterleibs laufen die verschiedenen Bänder in ein dunkle Fläche, die von ein paar weißen Flecken durchsetzt ist und in die dunkelbraune Zone rund um die Spinnwarzen überleitet. Die Unterseite des Hinterleibs ist dunkelbraun, fast schwarz und besitzt nur vereinzelte weiße Flecken. Auch hier gibt es Berichte über farbliche Varianten. Selbst in Europa gibt es Belege für Exemplare mit einem stärkeren grau-braunen Hinterleib und insgesamt schwächerer Zeichnung, so z.B. aus der Region um Deggendorf in Bayern. Van Helsdingen berichtet auch hier von der Variation der Exemplare aus der Mongolei und China, die einen insgesamt dunkleren, bräunlicheren Hinterleib und etwas schwächere Zeichnung hätten.

Fig. 2

Fig. 2: Weibchen der Gemeinen Baldachinspinne (Linyphia triangularis). Aufgenommen im August 2007 in Berlin. Quelle: Wikipedia / Rainer Altenkamp.

Fig. 3

Fig. 3: Skizze der Rückenmusterung eines Weibchens der Gemeinen Baldachinspinne aus dem US-Bundesstaat Maine. Maßstab: 1 mm. Quelle: Jennings et al. 2002.

Kommen wir zu den Gliedmaßen, von vorne nach hinten die Cheliceren, die Pedipalpen, die Laufbeine und schließlich die Spinnwarzen. Die Cheliceren sind wie bei Webspinnen üblich nur zweigliedrig. Das erste Glied ist kräftig und rötlich braun und nach unten gerichtet. Es besitzt auf seiner Unterseite, gegen die die dunkelbraune Giftklaue des zweiten Gliedes eingeklappt wird, zwei Reihen von zahnartigen Spitzen, die etwas dunkler gehalten sind. Jede dieser Spitzenreihen besteht aus 4 bis 6 Zacken, wobei eine Reihe mit einem größeren Zacken anfängt (die nachfolgenden werden dann immer kleiner) und die andere Reihe gleichförmige kleinere Zacken besitzt. Die eingeklappte leicht gebogene Giftklaue passt genau zwischen diese beiden gezackten Reihen. Die Cheliceren des Weibchens sind kräftig, aber nicht überproportional lang, gerade mal die Hälfte der Länge des Vorderkörpers. Die Pedipalpen sind zierliche, mit einigen erkennbaren schwarzen Borsten versehene Taster; die Borsten besitzen auch die Hörfunktion als Becherhaare. Die basaleren Glieder von ihnen sind hellbraun, die Endglieder erkennbar dunkler.

Die Laufbeine sind schlank und mäßig lang. Das dritte Beinpaar ist mit einer Länge von etwas über 7 mm am kürzesten, das erste Beinpaar mit über 12 mm Länge am längsten. In normaler Ruhehaltung ist die Länge von der Spitze des hintersten Beinpaares bis zur Spitze des vordersten Beinpaares das Doppelte oder etwas mehr der tatsächlichen Körperlänge. Das jeweilige dritte Beinglied (Femur) besitzt eine stachelartige Borste an der Oberseite, beim ersten Bein sogar dazu noch 7 bis 9 seitliche Borstenstacheln. Die fünften Glieder (Tibien, Einzahl: Tibia) jedes Beins besitzen 8 bis 10 Borsten, die darauffolgenden sechsten Glieder (Metatarsen) 5 bis 6 Borsten. Die Färbung der Laufbeine ist hellbraun, manchmal gelblich, lediglich die körperfernen Enden von Femur und Tibia können dunkle Markierungen besitzen. Jedes Laufbein besitzt an seiner Spitze drei Klauen, zwei davon kammartig ausgebildet, ähnlich wie bei der Gehörnten Kreuzspinne.

Es sind am Hinterleib drei Paar Spinnwarzen ausgebildet. Das vordere und das hintere Paar sind dabei groß, kräftig und erkennbar gegliedert ausgebildet. Bemerkenswert ist das mittlere Spinnwarzenpaar, das deutlich kleiner ist und wie zwei kurze Nippel fast mittig in einem durch die beiden anderen Paare gebildeten gedachten Viereck liegt. Direkt vor dem vorderen Spinnwarzenpaar liegt die Cololus genannte Erhebung, die den letzten Rest eines ehemals vorhandenen vierten Spinnwarzenpaares darstellt. An den Spitzen der Spinnwarzen sitzen jeweils mehrere Spinnspulen, Ausführkanäle für die Spinndrüsen.

Fig. 4

Fig. 4: Rasterelektronen-Mikroskop-Aufnahme der Spinnwarzen eines Weibchens der Gemeinen Baldachinspinne. Quelle: Peters & Kovoor 1991.

Männchen. Die Männchen unterscheiden sich von den Weibchen in einigen bemerkenswerten Details. Zunächst einmal die größte Überraschung: Es ist nicht die Körpergröße. Anders als bei vielen anderen Spinnen, sind die Männchen der Gemeinen Baldachinspinne meist etwa so groß wie die Weibchen, in vielen Fällen sogar etwas größer! So kann die Gesamtlänge auch hier bis über 7 mm betragen, wobei auf den Vorderkörper bis zu 3,4 mm und auf den Hinterleib bis zu 4 mm entfallen. Der Vorderkörper kann bei ungefähr gleicher Form wie beim Weibchen sogar minimal breiter ausfallen. Das Opisthosoma hat dagegen eine eher längliche, niedrigere Form und ist auch in der Aufsicht schmaler.

Die Färbung des Prosomas ist ähnlich wie beim Weibchen, gelegentlich ist die hellbraune Grundfärbung etwas rötlicher. Die Augenanordnung ist ebenfalls wie beim Weibchen. Markantester Unterschied sind einige etwas längere Borsten in der Augenregion. Der Hinterleib hat ebenfalls eine ähnliche Musterung wie beim Weibchen. Es gibt nur einige kleinere Unterschiede: Das dunkel umrandete blattartige Band auf der Oberseite ist etwas stärker rötlich bis beigefarben und vom dunklen Hinterende des Hinterleibs durch eine helle Querbinde getrennt. Die seitlich anschließenden weißen Längsbänder sind deutlicher schmaler als beim Weibchen und die Verteilung heller und brauner Flecken darunter auf den Hinterleibsseiten ist wesentlich unregelmäßiger. Die Spinnwarzen und die umgebende Region sind eher rötlich-hellbraun, durchsetzt mit schwarzen Flecken. Auch die Unterseite des Opisthosomas ist in einem rötlichen Hellbraun gehalten, mit ein paar dunkleren Markierungen. Auch hier gibt es wieder gelegentliche Farbvarianten: Manche Männchen sind stärker rotbraun gefärbt, mit dann schwächerer Musterung auf dem Hinterleib. Die Männchen besitzen außerdem relativ weit vorne an der Unterseite des Hinterleibs die sogenannten epigastrischen Drüsen, direkt vor dem Ausgang der von den Hoden abgehenden Spermakanäle und direkt hinter der Falte, die zur Buchlunge im vordersten Bereich des Opisthosomas führt. Die epigastrischen Drüsen können ähnlich wie die Spinnwarzen eine Art seidigen Faden produzieren.

Bei den Extremitäten unterscheiden sich die Laufbeine am wenigsten von denen bei den Weibchen. Sie sind allerdings deutlich länger und schlanker, wobei die Länge im Verhältnis zum Körper mit zunehmender Körpergröße abnimmt. Die dritten Segmente der Laufbeine sind dazu noch mit deutlich mehr Borsten auf kleinen Warzen besetzt. Das erste Beinpaar ist auch hier am längsten, es kann rund 17 mm erreichen. Das dritte Laufbeinpaar ist auch hier das kürzeste und erreicht nur knapp 9 mm. Die Färbung der Laufbeine ist meistens rötlich braun, mit dunkleren Markierungen an den körperfernen Enden des dritten und fünften Gliedes (Femur und Tibia). Weitere Unterschiede zum Weibchen finden sich auf bemerkenswerte Weise bei den Spinnwarzen: Bei der letzten Häutung bleiben die Spinnspulen nur noch in reduzierter Ausprägung zurück und verschlossen durch eine Membran – die Männchen verlieren dann tatsächlich die Fähigkeit eigene Spinnfäden mit ihren Spinnwarzen zu bilden.

Die massivsten Unterschiede finden sich aber bei den Cheliceren und den Pedipalpen. Die Pedipalpen sind hellbraun und besitzen lange gebogene Femura, wodurch ihre Enden vor den Cheliceren liegen. Die Enden sind jeweils als komplex aufgebauter Bulbus ausgestaltet und von dunkelbrauner Farbe. Den Aufbau des Bulbus schauen wir uns gleich noch genauer an. Die Cheliceren schließlich sind auf bemerkenswerte Weise verlängert: Das erste Glied der Cheliceren wird mit zunehmender Größe des heranwachsenden Männchens immer länger, wobei sie auch immer stärker voneinander abstehen. Die Reihen von Spitzen fallen zugleich etwas kleiner und weniger prägnant als beim Weibchen aus, die Giftklaue behält stets die Hälfte der Länge des ersten Cheliceren-Glieds bei. Bei voll ausgewachsenen Männchen nach der letzten Häutung sind die Cheliceren letztlich fast genauso lang wie der gesamte Vorderkörper. Dabei sind sie kräftig rotbraun gefärbt.

Fig. 5

Fig. 5: Männchen der Gemeinen Baldachinspinne, 2007 in Berlin aufgenommen. Quelle: Wikipedia / Rainer Altenkamp. 

Schloss und Schlüssel

Der Aufbau der weiblichen und männlichen Paarungsorgane verdient auch bei der Gemeinen Baldachinspinne einen eigenen Abschnitt. Beginnen wir mit dem Aufbau der weiblichen Organe, die sich aus der Epigyne und der an diese anschließende Vulva zusammensetzen.

Epigyne und Vulva. Die paarige Geschlechtsöffnung des Weibchens liegt im vorderen Bereich der Unterseite des Opisthosomas. Sie ist überdeckt von der Epigyne, die hier als leicht gewölbte Überdeckung von vorne über die Öffnungen zu den beiden Vulven ragt, zu denen eine Vertiefung der Epigyne führt, aus der in der Mitte eine knopfartig Erhebung (Scapus) ragt. Der Scapus trennt die beiden Zugänge über die Vertiefung zu den Vulven. Zu diesen führen relativ geräumige Vorhöfe (Atrien), die seitlich von der Mittellinie weg und nach vorne führen. An der Innenwand jedes Atriums beginnt eine Spiralfalte, die sich dann mit einer immer engeren Windung ins Körperinnere dreht. Den Windungen folgt eine enge Furche, die als Duktus für die Spermien dient. Nach insgesamt fünf Windungen öffnet die Spirale sich in den trichterförmigen Zugang zu einem ebenfalls verdrehten Bogengang. Dieser dient praktisch als Samentasche. Von diesem führt ein bogenförmiger Kanal zurück zur Hauptspirale, um das Sperma bei Bedarf der Befruchtung der Eier zuzuführen. Es handelt sich um einen sehr komplexen Aufbau, der garantieren soll, dass nur die Männchen mit dem richtigen dazu passenden „Schlüssel“ am Ende des Pedipalpus eine Befruchtung vornehmen können. Interessanterweise berichtet Van Helsdingen von leichten Unterschieden zwischen den Vulven der Gemeinen Baldachinspinne in Europa und in China. Die Grundplatte, von der sich der Scapus erhebt, ist in China schmaler, die Windungen der Spirale sind enger und allgemein ist der Winkel zwischen beiden Vulven kleiner. Es bleibt unklar ob das eine innerartliche Variation zwischen zwei Teilpopulationen ist oder zusammen mit den leichten Farbunterschieden, die es zwischen fernöstlichen und europäischen Vertretern der Gemeinen Baldachinspinne geben soll für eine Artunterscheidung reichen könnte.

Bulbus mit dem Embolus. Die Enden der Pedipalpen bei den Männchen sind wie bei allen Vertretern der Entelegynae stark aufgebläht zu einem komplex gebauten Bulbus, der wie ein Schlüssel in die Epigyne des Weibchens passt und den Embolus in sich trägt. In diesem membranösen Sack mit teilweise verstärkten Wänden, umgeben von Skleriten, bringt das Männchen vor der Paarung sein Spermapaket unter. Den groben Rahmen des Bulbus bildet auf der oberen Vorderseite ein lang gestrecktes, leicht gebogenes Sklerit, als Cymbium bezeichnet, welches auch einige Borsten trägt. An dessen Basis setzt eine hakenartige lange Spange an, das Paracymbium. Innerhalb des durch Cymbium und Paracymbium vorgegebenen Raumes bilden mehrere Sklerite die seitlichen und unteren Begrenzungen des Embolus selber, der auch selbst einen chitinisierten Rand besitzt. Gerade die seitlichen Sklerite sind große, flächige Elemente, vor allem das Tegulum. Zum Ende hin schließt eine spangenartige Lamella diese Komplex hab, über die dann im Ruhezustand nur noch die Terminale Apophyse hinausreicht. Diese besitzt eine bemerkenswerte konische Spitze mit sechs spiraligen Windungen und einer hohlen Achse. Es ist sofort einsichtig, dass diese spiraligen Windungen offenkundig in die entsprechenden Spiralwindungen der Vulva des Weibchens passen. Bei der Paarung verankert sich der Bulbus mit dem Paracymbium und das Cymbium deckt alles ab, während die Terminale Apophyse den Weg in eine der Vulven des Weibchens findet, passgenau in die Spirale vordringen kann und damit dem nun entfalteten Embolus den Weg bereitet, so dass das Sperma in die Vulva eingeführt werden kann.

Fig. 6

Fig. 6: Zeichnerische Darstellungen der Anatomie der Kopulationsorgane der Gemeinen Baldachinspinne. 22: Pedipalpus des Männchens, von der Unterseite gesehen. Man beachte die spiralförmige Terminale Apophyse an der Spitze. 26:die paarige Vulva eines Weibchens aus China, von oben gesehen (die Öffnung durch die Epigyne ist vom Beobachter abgewandt, am unteren Rand sieht man die Platte, von der der Scapus ausgeht). Man beachte die Spiralstrukturen. 27: Epigyne eines Weibchens aus Europa, wie sie sich dem Betrachter von außen darstellt. Die rundliche Struktur in der unteren Mitte ist der Scapus. 28: Die paarige Vulva eines Weibchens aus Europa in der Aufsicht. Man beachte die subtilen Unterschiede zu dem Exemplar aus China. Quelle: Van Helsdingen 1969

Lebensraum

Die Gemeine Baldachinspinne gehört in weiten Teilen Europas zu den durchaus häufigen Arten. Man findet sie sowohl in den Ebenen wie auch in den Mittelgebirgen und bis hinauf in höhere Berglagen. Ihre Verbreitung von Skandinavien bis zum Mittelmeer belegt auch eine große Toleranz gegenüber den Umgebungstemperaturen. Wichtiger scheint genügend Vegetation zu sein: Man findet die Gemeine Baldachinspinne in Wäldern, vor allem mit genügend Unterwuchs und wenn es nicht zu feucht ist, an Waldrändern und auf Lichtungen, auf Wiesen und auch in der menschlichen Kulturlandschaften in Gärten, Parks und ähnlichen künstlichen Lebensräumen. Wichtig ist das ausreichende Vorhandensein niedriger Vegetation. Zumindest zum Teil kann die Gemeine Baldachinspinne aber auch in Baumkronen auftreten. In einer Untersuchung in einem Tannenwald bei Hartberg in der Steiermark wurde zum Beispiel in den 1990ern beobachtet, dass die Gemeine Baldachinspinne wesentlich häufiger in den Zweigen der Tannen vorkam, anscheinend um einer sehr ähnlichen anderen Baldachinspinnenart auszuweichen, die stärker das Unterholz besiedelte. Einige Jahre zuvor hatte man in Bayern untersucht, welche Spinnenarten in welchen Vegetationsräumen wie häufig warn. Dabei zeigte sich, dass die Gemeine Baldachinspinne feuchte Weiden definitiv mied, auf trockenen Weiden etwas häufiger vorkam und auf Lichtungen in Nadelwäldern besonders häufig war. Sieht man von Beispielen wie aus der Steiermark ab, findet man die Gemeine Baldachinspinne und ihre Netze am häufigsten in niedriger Vegetation, meist in einer Höhe von etwa 30 cm, gelegentlich etwas höher. Die Wahl ihres Lebensraums und dort ihres Standorts durch die Gemeine Baldachinspinne ist jedenfalls stark von der Art und Weise wie ihr Netz konstruiert ist bestimmt. Wie bereits angedeutet konkurriert die Gemeine Baldachinspinne mit anderen Arten aus der Familie der Baldachinspinnen zum Teil sehr stark um die besten Plätze zum Netzbau. Dabei in andere Vegetationsbereiche auszuweichen ist nicht die einzige Strategie dieser Art, sich die ökologischen Nischen mit ihrer Konkurrenz aufzuteilen (niche partitioning oder Nischentrennung genannt): Es gibt auch Beispiele, dass die Gemeine Baldachinspinne dann zu größeren Durchschnittsgrößen neigt, während die konkurrierende Art im Schnitt kleiner bleibt, wodurch sich das Beutespektrum und der Platzanspruch beider Arten leicht verschieben und dann erkennbar auseinanderliegen. Dies lässt sich etwa in Lebensräumen zeigen, in denen die Gemeine Baldachinspinne mit der Heidebaldachinspinne (Linyphia tenuipalpis) zusammen vorkommt. Letztere ist von der Gemeinen Baldachinspinne oft nur durch eine Untersuchung der Genitalien sicher zu unterscheiden, hat aber leicht andere Ansprüche an ihren Lebensraum. So ist sie wärmeliebender, weshalb sie schattige Standorte dann auch der Gemeinen Baldachinspinne überlässt. Diese ist erkennbar anspruchsloser mit ihren Bedürfnissen und hat mit schattigen Plätzen für ihr Netz keine sonderlichen Probleme.

Das Netz der Gemeinen Baldachinspinne ist deutlich anders als das von vielen Leuten als klassisch empfundene Radnetz. Oberflächlich betrachtet besteht ihr Netz aus einer flächigen, lakenartigen mehr oder weniger horizontalen Fadenschicht, über denen es ein weites, offenes Netzwerk von Fäden gibt, die wie eine Falle wirken. Das ganze Netz wirkt auf den ersten Blick nicht sehr kunstvoll, untersucht man den Aufbau aber näher, so erkennt man schnell: Es handelt sich auch bei diesem Netz um eine ausgeklügelte Konstruktion, bestehend aus verschiedenen Arten Spinnseide. Anfang der 2000er Jahre untersuchten die beiden Biologen Suresh Benjamin und Samuel Zschokke von der Universität Basel die Details des Netzes der Gemeinen Baldachinspinne eingehender. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen, die Befunde einer Studie von 1991 zum größten Teil bestätigten und vertieften und erweiterten, verdienen einen näheren Blick.

Struktur des Baldachinnetzes

Zu den Ergebnissen von Benjamin und Zschokke gehört mehr als nur eine reine Beschreibung des zu sehenden Netzes, obwohl diese sicherlich dazu gehört. Die beiden Forscher packten aber noch Aufnahmen mit dem Rasterelektronenmikroskop (REM) obendrauf, um die Feinstruktur der Fäden abzubilden. In einem weiteren Schritt beobachteten und beschrieben sie außerdem das Bauverhalten der Gemeinen Baldachinspinne. Schließlich verglichen sie diese Ergebnisse mit jenen von nahe verwandten ähnlichen Arten. Letzterer Aspekt soll uns hier aber weniger beschäftigen – das Netz der Gemeinen Baldachinspinne selbst und sein Feinbau sind hier für uns relevant.

Schauen wir uns die gesamte Konstruktion also genauer an: Kernelement ist natürlich das flache, meist horizontal oder nur wenig geneigt angelegte Laken, bestehend aus einem unregelmäßigen, aber relativ dichten Geflecht von Fäden, die sich jeweils aus zwei oder mehr miteinander verflochtenen Spinnfasern zusammensetzen; eine einzelne Faser wird jeweils von einer Drüse der Spinnwarzen gebildet, die Spinne bildet dann aus den Fasern der verschiedenen Drüsen der Spinnwarzen die Fäden. Jedenfalls wird dieses Geflecht, welches bei den voll ausgewachsenen Spinnen immerhin eine Ausdehnung von rund 30 cm haben kann, auf seiner Unterseite von einem wesentlich weniger dichten Fadengerüst gestützt, von welchem wiederum Ankerfäden ausgehen, die das gesamte Netz an stabilen Punkten in der Umgebung (etwa an Ästen, Zweigen, Baumstämmen, Blättern) verankern.  Wo das unterstützende Gerüst mit den Ankerfäden verbunden ist, ist die Verbindung zwischen den Fäden häufig in Form sogenannter Ansatzscheiben gegeben: Die direkt Verbindung der beiden Hauptfäden ist durch zahlreiche weitere Fasern im Winkel zwischen beiden Fäden unterstützt, die ein eigenes kleines Geflecht bilden und dadurch Kräfte besser verteilen. Das Ganze ist häufig durch zementierendes Sekret unterstützt sein. Sowohl im Gerüst wie im flächigen Geflecht kommen weitere verschiedene Arten der Verknüpfung zwischen Fäden vor: Fäden, die ohne Zementsekret miteinander verbunden und oft miteinander verdrillt sind, manchmal einseitig in einer T-Formation oder mit spitzerem Winkel in einer V-Formation, manchmal beidseitig wenn ein Faden den anderen richtig kreuzt. Und diese Anordnungen jeweils auch mit zementierendem Sekret. Oberhalb des dichten Geflechts findet sich dagegen nur ein relativ offenes Gespinst aus vielen kreuz und quer verlaufenden Fäden, das je nach Ausbaumöglichkeit bis in einer Höhe rund 20 cm über dem Geflecht reichen kann. Welche Funktion diese gesamte Konstruktion hat, werden wir weiter unten noch erörtern.

Auf dem Level der Mikrostruktur ist interessant, dass Benjamin und Zschokke auf den REM-Aufnahmen zwar kugelige Tröpfchen an vielen Fäden fanden, manchmal sogar an einzelnen Fasern, aber in sehr wechselnder Menge. Anders als bei anderen Radnetzspinnen scheinen diese Sekrettröpfchen keine nennenswert klebende Wirkung zu haben. Auch das wässrige Sekret, das zumindest manche Fäden fast komplett überzieht, hat dies nicht. Stattdessen scheinen alle Sekrete an den Fäden der Gemeinen Baldachinspinne eher eine Funktion dabei zu spielen, Fäden miteinander zu zementieren und die Fäden geschmeidig zu halten. Die geringe Klebewirkung verlieren die so beschichteten Fäden ohnehin nach kurzer Zeit, wenn die Sekrete eintrocknen. Anders als das Radnetz bei Radnetzspinnen muss das Netz der Gemeinen Baldachinspinne in der Tat eine längere Zeit bestehen, gemessen eher in Tagen oder gar Wochen. Das hängt mit der Art und Weise zusammen, wie die Gemeine Baldachinspinne ihr Netz baut.

Benjamin und Zschokke untersuchten die Netzbauweise der Gemeinen Baldachinspinne und einer nahe verwandten Art, der Gartenbaldachinspinne (Linyphia hortensis). Nennenswerte Unterschiede in der Bauweise beider Arten fanden sie nicht, daher können die gewonnenen Erkenntnisse wohl als typisch zumindest für die Gattung Linyphia gelten. Wenn die Gemeine Baldachinspinne ein neues Netz baut, läuft sie zunächst grob den Bereich ab, in dem sie dieses bauen will. Dann verlegt sie zunächst einige als ungefährer Rahmen dienende Führungsfäden, deren Verlauf sie mit einem Bein des vierten Laufbeinpaares kontrolliert. Sobald der grobe Rahmen gezogen ist, diese Fäden durch ein erneutes Nachziehen auch noch verstärkt sind und eventuell noch ein paar Ankerfäden gezogen sind, beginnt die Spinne auch schon damit, das horizontale Geflecht aufzubauen. Dies tut sie auf bemerkenswerte Weise: Sie zieht einfach den Faden hinter sich her, ohne ihn mit einem der Beine unter Kontrolle zu halten und läuft dann Kreuz und Quer in unregelmäßigen Mustern zwischen den zuvor gelegten Führungsfäden hin und her. Dabei wechselt sie immer wieder zurück in das Bauen von Anker-und Stützfäden und schließlich auch in die Anlage erster Gespinstfäden oberhalb des Geflechts. Intervallweise wechselt sich die Gemeine Baldachinspinne immer wieder zwischen dem Weiterbau und der zunehmenden Verdichtung des Geflechts und dem Bau an den Stütz-und Fallenstrukturen ab. Das Geflecht baut sie kopfüber, meistens bewegen sich Gemeine Baldachinspinnen tatsächlich auf der Unterseite des Geflechts. Im Rahmen ihrer Beobachtungen hielten die Forscher sogar nach, welche Strecken die Gemeine Baldachinspinne bei ihren Bauaktivitäten so zurücklegt – so legte ein Exemplar binnen 12 Minuten eine Strecke von über achteinhalb Meter zurück. Im Laufe mehrere Tage wird das Geflecht so immer dichter und zugleich immer besser abgestützt. Ein solches Netz ist stabil genug um von der Spinne, immer wieder ausgebessert und ausgebaut, über Wochen oder gar Monate genutzt zu werden.

Das bemerkenswerteste dabei ist, dass die Gemeine Baldachinspinne dabei offensichtlich sehr frei ist in der Art und Weise des Bauens. Von Radnetzspinnen wie der Gehörnten Kreuzspinne weiß man, dass die einzelnen Schritte des Netzbaus sehr fest genetisch verankert sind und von den Spinnen praktisch nie aus freien Stücken variiert werden können – was auch die betreffenden Spinnen bei der Auswahl des Bauplatzes natürlich einschränkt. Die Art und Weise des Netzbaus ist bei Radnetzspinnen quasi wie eine Art Zwangshandlung. Nicht so bei der Gemeinen Baldachinspinne. Die Grundstruktur des Netzes insgesamt ist auch bei ihr natürlich genetisch festgelegt, aber die einzelnen Bauschritte sind nicht so fix. Die Spinne kann je nach Bedarf variieren an welcher Stelle sie weiterbaut, kann die Wege, die sie beim Weben läuft immer wieder neu wählen und so wesentlich individuellere Netze schaffen, die gut auf den Standort abgestimmt werden. Dafür halten die Netze der Gemeinen Baldachinspinne auch länger (es wäre vermutlich mal eine interessante Fragestellung, ob die Netze älterer Exemplare auch länger halten, weil sie mit mehr Erfahrung gebaut werden). Freilich hat das Netz der Gemeinen Baldachinspinne auch ganz andere Anforderungen als ein Radnetz zu erfüllen. Eines haben beide Netztypen aber gemeinsam: Sie sollen Beute fangen.

Fig. 7

Fig. 7: Ein typisches Netz einer Gemeinen Baldachinspinne, aufgenommen nahe Basel. Um es sichtbarer zu machen, wurde es mit Maisstärke eingesprüht. Man erkennt die wichtigsten Elemente. Abkürzungen: a = Ansatzscheibe; an = Ankerfaden; ap = Ankerpunkt; kn = Absturzfalle; sc = Stützgerüst; sh = lakenartiges Gespinst. Quelle: Benjamin et al. 2002.

In der Falle!

Spinnennetze müssen große Anforderungen erfüllen. Gerade wenn sie Fluginsekten für ihre Erbauer einfangen sollen! Selbst eine kleine Fliege hat eine ordentliche Geschwindigkeit mit einer punktuell großen kinetischen Energie, die ein Spinnenfaden kompensieren und verkraften muss, soll die Beute festgehalten werden. Und da sind die Kräftewirkungen des Umherzappelns einer Beute noch nicht mit eingerechnet. Wer schon einmal ein etwas zerrupft ausgesehenes Radnetz gesehen hat, begreift das sofort. Für diesen Netztyp ist dann auch klar, warum es so wichtig ist, dass viele der Fäden ordentlich kleben (um die kinetische Energie der Beute aufzufangen) und wieso die Spinne das Netz schon nach kurzer Zeit von Grund auf erneuern muss. Nun, schauen wir uns an, was das Netz der Gemeinen Baldachinspinne kann.

Das Netz der Gemeinen Baldachinspinne arbeitet letztlich wie eine senkrechte Stolperfalle. Fluginsekten, die in das weitläufige Gespinst über dem lakenartigen Geflecht fliegen, kollidieren mit den dortigen wild durcheinander gehenden Fäden – ein wenig wie im Film „Mission:Impossible“ mit den Laserstrahlen. Nicht wenigen Fluginsekten gelingt es tatsächlich, dieser Falle zu entkommen: Fliegen sie mit genügend Schwung geradewegs hindurch, können die Fäden sie nicht aufhalten. Aber kleine Insekten mit weniger Schwung können schon durch das Streifen eines der Fäden mit einem ihrer Flügel ins Trudeln geraten, gegen weitere Fäden stoßen und schließlich abstürzen. Sie landen dann – auf dem horizontalen Geflecht. Auch dort bleiben die Beutetiere nicht kleben, sondern bleiben mit ihren Fußklauen in den kreuz und quer liegenden Spinnfäden hängen, verheddern sich schlicht. Passiert dies, muss die Gemeine Baldachinspinne schnell sein! Die Spinne hängt meist auf der Unterseite des Geflechts und bemerkt die Beute in aller Regel aufgrund der Erschütterungen – die Sehfähigkeiten der Gemeinen Baldachinspinne sind nämlich nur mäßig. Spürt sie also die Schwingungen, welche von den markanten Zappeleien einer panischen Beute ausgelöst werden, flitzt sie sofort zur entsprechenden Stelle und packt die Beute von unten mit ihren Cheliceren und tötet sie. Das Gift verflüssigt die Beute zugleich von innen, so dass die Gemeine Baldachinspinnen wie alle anderen Spinnen auch die Beute wenig später aussaugen kann.

Man darf sich jetzt aber nicht vorstellen, dass das Netz der Gemeinen Baldachinspinne unterschiedslos jedes Insekt zur Beute werden lässt. Ende der 1950er Jahre beschäftigte sich Albert Lloyd „Bert“ Turnbull (1917-2006), ein kanadischer Entomologe, im Rahmen seiner Doktorarbeit an der Oxford University mit der Frage, welche Insekten der Gemeinen Baldachinspinne denn wirklich ins Netz gehen. Die wichtigsten Erkenntnisse seiner Arbeit publizierte er später aufgeteilt in mehr als ein Paper. Jedenfalls zeichnen sie ein sehr differenziertes Bild. Es wird schnell klar, nicht nur Fluginsekten, die mit genügend Tempo durch die Fäden flitzen, können davon kommen. Auch Arten, die gut wie ein Helikopter in der Luft stehen können, können sich durch die Fallstricke der Gemeinen Baldachinspinne hindurch bewegen, indem sie kurze Strecken fliegen und den Fäden ausweichen. Andere Insekten machen direkt einen ganz großen Bogen um das Netz, wenn sie es entdecken. In beiden Fällen kann davon ausgegangen werden, dass die Insekten die Falle sehen können. Aber nicht alle scheinen diese Fähigkeit zu haben bzw. die fliegerischen Möglichkeiten dann auszuweichen. Manche etwas gemächlicheren Flieger unter den Insekten, die in weiten, wenig variierbaren Kurven fliegen, geraten deswegen besonders oft in das Netz, ebenso Insekten, die sich springend fortbewegen – etwa Heuschrecken und Zikaden. Denn bei denen ist jeder Sprung, erstmal ausgeführt, in seiner Flugrichtung kaum noch zu steuern. Was dagegen sehr selten in das Netz der Gemeinen Baldachinspinne gerät sind Insekten, die sich überwiegend laufend fortbewegen, z. B. viele Wanzen oder auch Raupen. Ein weiteres Muster: Das Beutespektrum verändert sich während einer Sommersaison, in die die Gemeine Baldachinspinne üblicherweise als Jungtier startet. Als kleines Spinnchen baut sie auch entsprechend kleine Netze (nach Turnbulls Beobachtung kaum 3 cm groß) und entsprechend kann sie damit auch nur kleinere Insekten erbeuten. Je größer die Spinne und ihr Netz werden, umso größer werden ihre Beutetiere. Ein anderer Faktor, der das Beutespektrum im Laufe eines Sommers verändert, ist die Tatsache, dass sich ja auch die Insektenfauna in diesem Zeitraum verändert: Manche Arten treten früher auf als andere, viele sind anfangs nur als flugunfähige Larven vorhanden, die niemals Zugang zum Netz der Gemeinen Baldachinspinne haben, und können erst als flugfähige Imagines zur Beute werden. Turnbull hat sechs Monate lang in regelmäßigen Intervallen die Netze dieser Spinnen observiert und konnte dabei 153 verschiedene Beutetierarten feststellen, von denen 90 % nur im ausgewachsenen Stadium im Netz landeten. Und 80 % dieser Beutetierarten waren jeweils nur für ungefähr vier Wochen verfügbar; man könnte also vereinfacht sagen alle zwei bis vier Wochen veränderte sich das verfügbare Beutespektrum für die Gemeine Baldachinspinne deutlich.

Turnbull erstellte eine Übersicht, welche Insektengruppen in welcher Zeit am ehesten ins Netz gingen. Im Mai waren es überwiegend Hautflügler (Hymenoptera) und zu einem geringeren Anteil Zweiflügler (Diptera), die zur Beute der Gemeinen Baldachinspinne wurden. Meist handelte es sich um die kleineren Vertreter beider Gruppen, also kleine Mücken und Fliegen, kleine Gallwespen und dergleichen. Die durchschnittliche Beutegröße im Mai betrug nur wenige Millimeter. In dieser Größenkategorie sind einige der Beuteinsekten leicht durch geringste Luftströmungen von ihrer eigentlichen Flugbahn abzulenken und können dadurch schlechter den zu diesem Zeitpunkt noch sehr übersichtigen Fäden des Fangschleiers des Spinnennetzes ausweichen. Ab Juni steigt die durchschnittliche Beutegröße kontinuierlich an (bis sie am Ende im Oktober bei über 19 mm liegt), zugleich werden Zweiflügler im Juni die wichtigste Beutegruppe, während Hautflügler kaum noch vertreten sind. In der ersteren Junihälfte machen Mücken bis zu 80 % der Beute aus. Zu geringeren Teilen tragen auch Käfer (Coleoptera) und kleinere Vertreter der Schmetterlinge (Lepidoptera) nun zum Speiseplan bei. Zum Juli hin fällt der Anteil der Zweiflügler rapide ab, dafür steuern nun auch die Wanzen (Heteroptera) und andere kleine pflanzensaugende Insekten wie Blattläuse und Zikaden ihren Anteil bei. Im Juli selbst kommen Hautflügler wieder dazu, während Schmetterlinge, selbst kleine Motten, fast völlig aus dem Beutespektrum verschwinden. In wechselnden Anteilen finden sich Wanzen, Zikaden, Blattläuse und ähnliches noch bis Anfang September in den Netzen, danach verschwinden auch sie. Zweiflügler mit Mücken und Fliegen bilden weiterhin den Löwenanteil. Ab Anfang September teilt sich das Beutespektrum dann nur noch zwischen Hautflüglern, Zweiflüglern und einem tatsächlich nochmal zunehmenden Prozentsatz an Käfern auf.

Turnbull versuchte auch herauszufinden, ob es eine Beute gab, die die Gemeine Baldachinspinne tendenziell ablehnte. In der Tat gab es eine Hand voll potentieller Beutearten, bei der er in seinen durchaus begrenzten Observationszeiten nie erlebte, dass die Spinne sie auch annahm. Allerdings konnte Turnbull nicht ausschließen, dass das reiner Zufall war, da es eine beachtliche Reihe von potentiellen Beutetieren gab, die die Spinne gelegentlich nicht als Beute annahm, bei anderen Gelegenheiten aber schon (die Gründe dafür blieben unerfindlich). Die weitaus meisten Insekten, die sich im Netz verfingen, wurden grundsätzlich als Beute akzeptiert.

Zumindest einen Bericht gibt es, der ganz klar schildert, was eine Gemeine Baldachinspinne nicht mag. 1941 beobachtete ein Forscher, wie eine Gemeine Baldachinspinne einige Tropfen Honigtau, die von Blättern über ihr auf das Netz getropft waren, aufnahm. Doch offensichtlich schmeckte das der Spinne ganz und gar nicht: Sie rannte zum Rand ihres Netzes und spie die Substanz wieder aus!

Fig. 8

Fig. 8: Rasterelektronen-Mikroskop-Aufnahmen zeigen Details der Spinnfäden der Gemeinen Baldachinspinne. A: Ausschnitt aus dem Geflecht, mit Fäden, die auf verschiedene Art und Weise miteinander verbunden sind. Bei e läuft ein Faden beispielsweise quer über einen hinüber, bei n ist ein Faden mit Sekret an den anderen zementiert. Mit g sind die kleinen tropfenförmigen Sekretkörperchen auf den Fäden bezeichnet. B: Eine Ansatzscheibe mit ihrer Struktur in der Detailansicht. Maßstäbe jeweils 10 μm. Quelle: Benjamin et al. 2002.

Eine Frage des Appetits

Unter Umständen lassen Gemeine Baldachinspinnen manchmal Beute links liegen, wenn sie schon gesättigt sind. Turnbull führte dazu tatsächlich ein Experiment durch, bei dem er eine ganze Anzahl dieser Tiere, sowohl Männchen wie Weibchen, im Labor fütterte. Manchen gab er nur wenig Beute, anderen sehr viel. Die Ergebnisse, zusammengefasst, sind zum Teil vorhersehbar, zum Teil aber auch bemerkenswert.

Vorhersehbar ist wohl, dass nur sehr wenig gefütterte Gemeine Baldachinspinnen unter Nährstoffmangel litten. In aller Regel starben sie dann bei einer der ersten Häutungen an Erschöpfung. Die anderen Spinnen, die ausreichend oder sogar übermäßig viel Fliegen zur Fütterung vorgesetzt bekamen, wuchsen dagegen mehr oder weniger schnell (je nach Beutemenge, die zur Verfügung stand) und durchliefen dabei fünf Wachstumsstadien bevor sie voll ausgewachsen waren. Interessanterweise beeinflusste das Nahrungsangebot zwar die Schnelligkeit des Wachstums, aber es gab für alles eine Obergrenze: Ab einem bestimmten Punkt nahmen die Gemeinen Baldachinspinnen nicht mehr Nahrung auf als vorher. Manche Beute ließen sie dann tatsächlich liegen oder saugten sie nur teilweise aus. Entsprechend war auch die Wachstumsgeschwindigkeit irgendwann gedeckelt. Offenbar gibt es eine Obergrenze dessen, was eine Gemeine Baldachinspinne zu sich nehmen kann und als Turnbull durchrechnete, welche Nährstoffwerte jede seiner überlebenden Spinnen zu sich genommen hatte, stellte er fest, dass das tatsächlich ungefähr immer gleich blieb, zumindest bis zur letzten Häutung. Anscheinend funktioniert der Stoffwechsel der Gemeinen Baldachinspinne nach Turnbulls Ergebnissen so: Selbst wenn die Spinne nur sehr wenig Futter erhält oder gar keins, durchläuft ihr Körper weiter seine Entwicklung zur nächsten Häutung, wenn auch auf sehr niedrigem Level und im Zweifel stirbt das Tier dann bei der Häutung. Bei zumindest ausreichender Nahrung nimmt der Stoffwechsel Fahrt auf und damit auch die Entwicklung hin zur nächsten Häutung. Die Spinne kann bis zu einem gewissen Grad sogar mehr oder weniger an Masse zunehmen. Ab einem bestimmten Punkt kommt es aber unweigerlich zur Häutung, nur halt vielleicht etwas früher. Und mit der letzten Häutung ist dann auch unweigerlich Schluss, dann ist die letzte Lebensphase erreicht. Turnbull konnte errechnen, dass die Tiere relativ stabil rund 27 % der zur Verfügung stehenden Nährstoffe in körperliches Wachstum und Entwicklung stecken, der Rest geht für den allgemeinen Energiehaushalt und Aktivitäten drauf. Das bedeutet: Es verkürzt sich faktisch die Lebenszeit der Gemeinen Baldachinspinne, wodurch sich auch zwangsläufig die Menge an Nahrung, die sie tatsächlich fressen kann, und die Größe, die sie erreichen kann, deckelt. Im letzten Lebensstadium wird dann eh alles anders: Das Männchen frisst dann scheinbar nicht mehr und konzentriert sich ganz auf die Partnersuche und Paarung. Die Weibchen fressen weiter, allerdings wandern die Nährstoffe jetzt komplett in die Eierproduktion. Dies wirkt sich bemerkenswerterweise nicht erkennbar auf die Anzahl der Eier aus, dafür aber dahingehend, wie gut die Eier mit Dotter ausgestattet sind. Ein wohlgenährtes Weibchen kann seinen Jungen also erkennbar einen besseren Start ins neue Leben geben.

Interessanterweise fiel Turnbull ein anderes Verhalten nicht auf, dass erst rund 20 Jahre später bekannter wurde von der Gemeinen Baldachinspinne: Gelegentlich dringt sie bei günstigen Gelegenheiten in die Netze anderer Baldachinspinnenarten ein. Das kann zum Beispiel passieren, wenn die Netze nebeneinander liegen und dann kann es zu einer gemeinsamen Netznutzung kommen (was auch mit Artgenossen vorkommen kann). Manchmal übernimmt eine Gemeine Baldachinspinne auch einfach ein verlassenes, aber noch nicht zu heruntergekommenes Netz. Seltener scheint es sogar so zu sein, dass sie die ursprüngliche Besitzerin vertreibt oder sogar tötet und frisst.

Fig. 9

Fig. 9: Ein Weibchen der Gemeinen Baldachinspinne, wie es an der Unterseite des Netzgewebes hängt. Gut erkennt man die Cheliceren und die seitliche Hinterleibszeichnung. Das Bild entstand 2007 bei Berlin. Quelle: Wikipedia /Rainer Altenkamp.

Gifte

Die Gemeine Baldachinspinne wird von den meisten Menschen vermutlich selten bis nie wahrgenommen. Am ehesten bemerkt man noch ihre Netze, wo diese größer werden und zahlreicher vorkommen und dann wie seidene Tücher in Büschen, Sträuchern und höheren Kräutern hängen. Doch ist es dennoch so, dass die Baldachinspinne im unmittelbaren Bereich des Menschen lebt: In Gärten, Parks, an Feldrändern. Und dort dann auch all die Gifte abbekommt, die wir Menschen so in unsere Umgebung einbringen. Gemeine Baldachinspinnen kriegen unsere Gifte auf zweierlei Weisen ab: Zum einen durch direkten Kontakt, wenn die giftigen Stoffe auf sie und/oder ihre Netze niedergehen. Zum anderen über die Nahrung. Aus Insektensicht steht die Gemeine Baldachinspinne ziemlich am Ende der Nahrungskette und wie bei vielen räuberischen Arten, so werden auch bei ihr die Giftstoffe in den Körpern ihrer Beute an sie weitergereicht und konzentriert. Im Laufe der Jahre gab es verschiedentlich Untersuchungen zu dieser Problematik, die sich um Pestizide und um Schwermetalle drehten.

In den 1980er Jahren wurde zum Beispiel an der Universität Regensburg jeweils mehrere Individuen verschiedener Spinnenarten mit verschiedenen Pestiziden besprüht, um ihre Reaktion darauf zu testen. Maßstab war, wie lange die Spinnen innerhalb eines Zeitraums von fünf Tagen  überlebten. Bei diesen Versuchen zeigte sich, dass die verschiedenen Pestizide nicht einheitlich auf die verschiedenen Spinnenarten wirkten – es ließ sich fast nicht sagen, dass ein bestimmter Stoff für alle Spinnen ungefährlich oder besonders gefährlich war. Lediglich Unkraut-und Pilzvernichter zeigten kaum eine Wirkung auf die Spinnen. Aber die meisten Stoffe, die für tierische „Schädlinge“ gedacht waren, waren auch irgendwo für irgendeine Spinne giftig. Im Falle der Gemeinen Baldachinspinne wurden folgende Pestizide als sehr wirksam, also tödlich erkannt: Praktisch alle im Experiment verwendeten Akarizide (Milbenvernichtungsmittel) und die Insektizide Endosulfan, Azinphosmethyl und Trichlorfon waren hochgradig tödlich, manche zu 100 %. Heute ist keiner dieser Stoffe mehr in der EU zugelassen, glücklicherweise. Man muss sich bewusst machen: Diese Stoffe rafften nicht nur die Schädlinge dahin, die man eigentlich treffen wollte, sondern im Zweifel eben auch Tiere wie die Gemeine Baldachinspinne, die unter Umständen selbst Fressfeinde vieler der Schädlinge sind.

In den 1990er Jahren rückten andere Giftstoffe, mit denen sich die Gemeine Baldachinspinne herumschlagen muss, in den Vordergrund: Schwermetalle. Schwermetalle sind ein in der Öffentlichkeit gerne vergessenes Thema, im Gegensatz zu Pestiziden. Vielleicht liegt es daran, dass man für bestimmte Pestizide wunderbar bestimmte Firmen anprangern kann und sich selbst nicht unbedingt als Täter fühlt. Das ist bei Schwermetallen anders. Schwermetalle werden von einer Vielzahl von Industrien und Betrieben eingesetzt und trotz aller Auflagen und Vorsichtsmaßnahmen zwangsläufig freigesetzt. Außerdem halten sich Schwermetalle als hochreaktive und mobile Elemente im Stoffkreislauf der weiteren Umgang, bis sie sich in bestimmten Senken ansammeln – im Boden oder in Organismen, meistens in den räuberisch lebenden, zu denen die Schwermetalle über die Beutetiere hingeleitet werden. Diese Langlebigkeit, wenn die Schwermetalle erstmal einen Bereich kontaminiert haben, sorgt dafür, dass auch die Belastungen aus längst vergangenen Jahrzehnten immer noch ein Thema sind. Und schließlich kann hier jeder zum Umweltsünder werden: Schwermetalle sind auch in von vielen benutzten Alltagsgegenständen, Batterien zum Beispiel.

Schwermetalle waren (und sind oft auch immer noch) ein Problem auf vielen noch aktiven oder ehemaligen Industriegeländen des ehemaligen Ostblocks. Man nahm es mit Umweltschutzmaßnahmen dort noch viel länger nicht so genau als es im Westen der Fall war. In den 1980er Jahren wurden die im Umfeld und auf dem Gelände solcher Anlagen lebenden Spinnenpopulationen erfasst. Es gab zwei Überraschungen: Zum einen, dass die Spinnenfauna tatsächlich relativ zahlreich und vielfältig war, zum andern, dass ihre Zusammensetzung von unbelasteten Standorten deutlich abwich. Unter anderem schien es so, als wenn die Gemeine Baldachinspinne besonders häufig ist und auch Standorte mit ihrem Netz besiedelt, die sich sonst andere konkurrierende Arten schnappen würden. Hintergründe dazu wollte Grażyna Wilczek von der Universität Schlesien in Katowice, Abteilung für Humane und Tierische Physiologie, genauer erkunden und untersuchte daher die Gewebe von Spinnen genauer, die sie zusammen mit Mitarbeitern an verschiedenen mit Schwermetallen belasteten Standorten gefangen hatte: So von Feldern und Baumgruppen nahe den Stahlwerken von Katowice und auf den Ausschuss-und Abraumhalden eines metallurgischen Betriebs und einer Kohlengrube im Umfeld von Ostrava in Tschechien. Als Kontrollgruppe wurden wahrscheinlich weniger oder gar nicht vorbelastete Spinnen in der Bergregion von Brenna im südlichen Polen, am Nordrand der Beskiden, gefangen. Die Ergebnisse waren gerade auch in Hinblick auf die Gemeine Baldachinspinne bemerkenswert.

Konkret wurden die in den Spinnen vorhandenen Belastungen für folgende Schwermetalle gemessen: Blei (Pb), Cadmium (Cd), Kupfer (Cu) und Zink (Zn). Letzteres ist je nach Definition nicht zwingend ein Schwermetall, kommt aber mit den anderen zusammen an den belasteten Standorten ebenfalls in erhöhten Werten vor. In geringen Mengen ist Zink für den Metabolismus von Organismen nicht einmal unwichtig, aber in stark erhöhter Menge kann es schädigende Wirkungen haben (auch zum Beispiel beim Menschen, daher Vorsicht bei Zinkpräparaten!). Ähnlich verhält es sich auch bei Kupfer. Anders ist es bei Blei und Cadmium: Beide sind für tierische Organismen grundsätzlich giftig. Und bei den meisten Tieren neigen sie dazu, sich irgendwo im Organismus anzureichern und diesen dann langfristig zu schädigen. Das kann, zum Beispiel beim Menschen, bis hin zum Tod gehen. Spinnen sind da nicht grundsätzlich immun gegen, scheinen aber erstaunlich hohe Belastungen (gemessen an ihrer Körpermasse) aushalten zu können, was vermutlich der im Vergleich zu einem Wirbeltier sehr unterschiedlichen Physiologie geschuldet ist. Bei den Untersuchungen des Teams rund um Wilczek zeigte sich aber, dass diesbezüglich die Gemeine Baldachinspinne besonders robust zu sein scheint.

So wurden zum Beispiel die Konzentrationen dieser Elemente sowohl in den Gonaden (also den inneren Geschlechtsorganen, den Eierstöcken bzw. den Hoden) und in dem als Hepatopankreas bezeichneten Komplex von Mitteldarmdrüsen gemessen und zwischen den bei Katowice und bei Brenna gefangenen Exemplaren verglichen. Das Muster war bemerkenswert. Bei Blei und Kupfer hatten die Gemeinen Baldachinspinnen aus dem belasteten Gebiet bei Katowice in beiden Organen niedrigere Werte als ihre Artgenossen im unbelasteten Bergwald! Bei Zink war das Muster nicht ganz so deutlich, hier waren die Werte zumindest in der Hepatopankreas erhöht. Außerdem waren die Cadmium-Werte in den Eierstöcken erhöht, allerdings nicht gerade durch astronomische Werte. Die Forscher interpretierten die Ergebnisse dahingehend, dass die Gemeine Baldachinspinne diese Schwermetalle zwar aufnahm, z.B. über ihre Beute, aber Mechanismen besitzt, diese Metalle zumindest teilweise über die Hepatopankreas abzuscheiden und so aus dem Körper abzuführen. Und bei den Exemplaren, die in den belasteten Gebieten lebten, scheint diese Fähigkeit sogar noch stärker ausgeprägt zu sein. Wahrscheinlich hatten Individuen, die dafür eine bessere genetische Disposition hatten, unter diesen Umständen den besseren Fortpflanzungserfolg hatten.

Stellt sich die Frage: Haben die Spinnen denn auch solche Mechanismen? Gute Frage. Bei der Untersuchung der in Tschechien gefangenen Spinnen wurden durchaus zum Teil massiv erhöhte Belastungen mit Zink, Kupfer, Blei und Cadmium festgestellt, gegenüber den Kontrollproben aus Brenna. Zugleich wurden hier aber auch erhöhte Werte von bestimmten Enzymen vorgefunden, von denen man weiß, dass sie zum Abtransport giftiger Stoffe aus dem Körper dienen – eben auch über den Weg der Hepatopankreas und den Enddarm als Teil des Kots. Andererseits zeigte sich bei der Gemeinen Baldachinspinne von den belasteten Standorten in Tschechien ein niedrigerer Level der Enzyme aus der Gruppe Carboxylesterasen. Diese Enzymgruppe ist bei vielen Tieren für die erste Phase der Verstoffwechselung von Giftstoffen zuständig, zum Beispiel in der Leber von Säugetieren. Dabei werden die Giftstoffe erst in eine gebundenere Form überführt, die dann von weiteren Enzymen weiter verarbeitet werden kann in einen Zustand, in dem der Giftstoff ausgeschieden werden kann. Wenn also die Carboxylesterase-Spiegel im Körper der Gemeinen Baldachinspinne erniedrigt sind, erschwert dies der Spinne die Abfuhr der Giftstoffe. In ihrer Bewertung vermuteten die Forscher, dass dies vor allem an hohen Blei-und Zinkwerten in den Tieren lag – diese Stoffe unterdrücken ausgerechnet die Aktivität eben jener Enzyme. Die Reduktion der betreffenden Enzymaktivität lag bei einigen Gemeinen Baldachinspinnen bei bis zu 50 % gegenüber normalen Werten. Dennoch hatte die Gemeine Baldachinspinne von allen in Tschechien untersuchten Spinnen immer noch die geringsten Belastungen an Cadmium, Kupfer und Magnesium (Mg; dieses wurde in einer Nachfolgestudie ebenfalls mit einberechnet). So bleibt ein uneinheitliches Bild zurück, wenn es darum geht, wie gut die Gemeine Baldachinspinne mit Giftstoffen umgehen kann. Denn die genauen Stoffkonzentrationen im Organismus kann auf vielerlei Weisen beeinflusst werden.

Zum Beispiel kann es auch daran liegen, wie die Tiere die Schwermetall aufnehmen. Zum Beispiel könnten den Gemeinen Baldachinspinnen an einem Standort vor allem pflanzenfressende Insekten wie Blattläuse ins Netz gehen – und diese bringen weniger toxische Belastung mit sich. An einem anderen Standort sind es vielleicht mehr fleischfressende Insekten, z.B. bestimmte Zweiflügler oder Käfer. Und die haben bereits wesentlich größere Konzentrationen an Schwermetallen über ihre Beute akkumuliert und geben das dann an die Spinne weiter. Auch Veränderungen der aufgenommenen Belastung in der Zeit ist denkbar, wenn man zum Beispiel in Rechnung stellt, dass sich die Zusammensetzung der verschiedenen Beutetierarten im Laufe eins Sommers verändert, wie bereits geschildert. Doch das ist nicht die einzige Quelle für die Schwermetallbelastung. Regen und Wind können auch kontaminierte Stäube in die Netze eintragen. Eine polnische Forschergruppe publizierte 2018 eine Studie, in der sie zeigten, dass Netze der Gemeinen Baldachinspinne von Standorten, an denen es einen großen Eintrag von verschmutzenden Stäuben mit metallischer Zusammensetzung gibt, eine erhöhte Magnetische Suszeptibilität besitzen. Diese ist ein Maßstab dafür, wie magnetisierbar etwas ist. Normalerweise sind Spinnennetze faktisch nicht magnetisch (genau genommen sind sie diamagnetisch, aber nur, wenn man sie einem starken Magnetfeld aussetzt und dann auch nur sehr geringfügig – das bedeutet ihre Moleküle richten sie entgegen des äußeren Magnetfeldes aus). Doch sind sie durch metallische Partikel kontaminiert, so kann man starke magnetische Eigenschaften messen, die von diesen Partikeln ausgehen, die sich in einem auf das Netz angewandten Magnetfeld an diesem entlang ausrichten. Dahinter stehen vor allem Eisenpartikel, aber in den meisten industriellen Stäuben mit Eisenanteil finden sich oft auch Spuren von anderen Metallen, auch Schwermetallen und das dürfte ganz besonders auch für belastete Industriegebiete gelten. In ihrem Netz ist die Spinne dann also ständig von diesen Partikeln umgeben und nimmt sie sicherlich auch auf, mindestens beim Fressen der Beute, die sich in eben diesem kontaminierten Netz verfangen hat. Die durch metallische Staubverschmutzungen veränderten magnetischen Eigenschaften der Baldachinspinnen-Netze sind sogar so markant, dass die polnischen Forscher anregten, entsprechende Messungen an Spinnennetzen für die Kartierung von Verschmutzungen in Städten und Industriegebieten zu benutzen.

Fig. 10

Fig. 10: Schematische Darstellung der Cheliceren-Ausbildung bei Männchen (links) und Weibchen (rechts) der Gemeinen Baldachinspinne, wie sie nach der letzten Häutung vorliegt. Ansicht von vorne. Quelle: Rovner 1968.

Sozialverhalten: Die Hirsche der Spinnen

Die Gemeine Baldachinspinne weiß von all dem natürlich nichts und es kümmert sie auch nicht. Wie alle Tiere geht es ihr vor allem darum, solange zu überleben, bis sie sich fortgepflanzt hat. Erhaltung der Art, die Weitergabe der eigenen Gene – darum geht’s am Ende eben doch. Und solange Fressen und mit den Artgenossen klarkommen, was bekanntermaßen unter Spinnen nicht immer so einfach ist.

In den 1960er Jahren befasste sich Jerome S. Rovner von der Ohio University etwas genauer mit dem Sozialverhalten der Gemeinen Baldachinspinne, sofern denn vorhanden. Dazu nutzte er während eines Gastjahres am Institut für Allgemeine Zoologie der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, um die Tiere im Gonsenheimer Wald am nordwestlichen Stadtrand von Mainz zu beobachten und einige auch für weitere Beobachtungen im Labor einzufangen. Bei den im Freiland beobachteten Gemeinen Baldachinspinnen wurden mehrere Exemplare farbig markiert, um ihre Bewegung im Gelände anhand von täglichen Sichtungen möglichst genau nachverfolgen zu können. Bei den Tieren im Labor wurden verschiedene Kontaktsituationen zwischen den einzelnen Individuen herbeigeführt, z.B. indem man eines der Männchen in eines der Netze der Weibchen setzte. Rovners Beobachtungen belegen ein durchaus komplexes Verhaltensmuster, welches auch die stark vergrößerten Cheliceren der Männchen erklärt.

Bei der Gemeinen Baldachinspinne leben bei Geschlechter zunächst relativ ähnlich. Beide bauen die bereits beschriebenen Netze und fangen Beuten. Nach der letzten Häutung, meiste ab Ende Juli, jedoch ändern die Männchen ihr Verhalten. Ihre Cheliceren sind nun am größten und für die Männchen beginnt nun ein neuer Lebensabschnitt. Es gilt jetzt eine Partnerin zu finden, mit der es sich paaren kann. Deshalb bauen die Männchen nun auch keine Netze mehr, sondern begeben sich auf Wanderschaft. Sie klettern durch das Gras-und Krautdickicht und Büsche, etwa in dem Höhenbereich von wenigen Dezimetern, in denen sich die meisten Netze anderer Gemeiner Baldachinspinnen befinden. Gelegentlich findet ein wanderndes Männchen einen der Sicherheitsfäden, den eine andere Spinne bei der Bewegung durchs Dickicht angelegt hat und folgt diesem dann. Die männlichen Gemeinen Baldachinspinnen können ein ganz schönes Tempo vorlegen, von wenigstens 40 cm die Minute. Dabei begeben sich die suchenden Männchen in jedes Netz einer anderen Baldachinspinne und untersuchen es näher. Handelt es sich um unbewohnte, verlassene Netze, ziehen sie relativ zügig weiter. Rovner beobachtete einmal ein Männchen, dass 11 Netze von Artgenossen in nicht mal zwei Stunden abklapperte. Auf der anderen Seite legen die Männchen auch immer wieder Pausen ein. Ein markiertes Männchen wurde einmal nach zwei Wochen wieder beobachtet, dann 21 m entfernt von seinem Startpunkt. Wie viele Schlenker es zwischen beiden Punkten gemacht hat, war natürlich nicht herauszufinden. Von anderen Beobachtungen wurde klar, dass manche Männchen auch bereits inspizierte Netze noch einmal aufsuchten (vor allem, wenn ein Weibchen noch in ihnen hockte). Das Ganze dient nur dazu, Weibchen zu finden.

Die Weibchen selber zeigen wenig Territorialverhalten. Es sind zwar gelegentliche Fälle bekannt, in denen weibliche Gemeine Baldachinspinnen andere Weibchen, die in ihr Netz eindrangen, angriffen, erlegten und aufgefressen haben, aber es ist nicht die zwangsläufige Regel. Es gibt auch mehr als einen Fall, in dem benachbarte Netze zweier Weibchen ineinander übergingen und quasi einen größeren Netzkomplex bildeten. Noch duldsamer sind die Weibchen gegenüber in ihr Netz eindringenden Männchen. Selbst noch nicht paarungsbereite Weibchen ignorieren ein solches Männchen dann schlicht oder gehen ihm aus dem Weg. Wenn das Männchen darauf warten möchte, dass das Weibchen paarungsbereit wird, kann es durchaus länger im selben Netz verweilen. Zumindest im Labor konnte sich das Männchen wochenlang im Netz des Weibchens völlig ungefährdet aufhalten. Ging eine Beute ins Netz, schnappten die Männchen diese oft sogar den Weibchen weg!

Richtig spannend wurden jedoch die Begegnungen zwischen zwei Männchen, die sich im Netz eines Weibchens begegnen. Da ist dann tatsächlich Krawall angesagt. Ein bereits in dem Netz eines Weibchens befindliches Männchen legt plötzlich einen überaus starken Reviersinn an den Tag und verteidigt das Netz gegen andere Männchen. Wagt sich ein weiteres Männchen in das Netz, reagiert der Verteidiger zunächst mit einem heftigen Zucken seines Hinterleibs und einem schnellen Vorstoß in Richtung des Eindringlings. Oft genügt das schon, um diesen zu vertreiben. In vielen Fällen aber auch nicht. Wenn der Eindringling sich nicht zurückzieht, sondern sogar dem Verteidiger zuwendet, schaltet er einen Gang höher und geht in Drohpose: Das drohende Männchen spreizt seine großen Cheliceren und hält seine beiden vordersten Laufbeinpaare im nahezu rechten Winkel zum Körper zur Seite und baut so eine breite Front auf. Der Hinterleib beginnt schnell auf und ab zu vibrieren. Diese Drohgebärde kann dann von dem anderen Männchen erwidert werden und so können beide Spinnen sich gegenüberstehen. Selbst wenn jetzt einer den Rückzug antritt, hilft das oft nicht, denn das überlegene Männchen kann dann häufig um den unterlegenen Gegner herumlaufen und sofort wieder mit der Drohgebärde konfrontieren. Spätestens jetzt kommt es ernsthaft zum Kampf. Beide Kontrahenten rücken gegeneinander vor, mit wahlweise vibrierendem oder kräftig zuckendem Hinterleib und beginnen zunächst, mit den Spitzen ihrer zur Seite gespreizten vorderen Beinpaare die Spitzen der Beine des jeweils anderen zu berühren. Phasen mit vibrierendem Hinterleib enden immer wieder mit einem starken Schlag gegen das Netz und dieser kann manchmal derartige Schwingungen verursachen, dass ein zu diesem Zeitpunkt bereits arg bedrängtes Männchen den Halt verliert und dann herunterfällt (zur Erinnerung: Dieses Duell findet kopfüber auf der Unterseite des flächigen Gewebes statt). Viel häufiger jedoch intensiviert sich der Kampf. Die Gegner kommen schließlich auch mit ihren abgespreizten Cheliceren in Kontakt, schieben sich so dicht an dicht hin und her und verhaken sich schließlich mit den Cheliceren ineinander. Das Ergebnis ist ein wildes Gerangel, bis einer der Kämpfenden den Halt an dem Netz verliert. In den meisten Fällen fällt der Unterlegene dann ohne Sicherungsfaden herab und hat den Kampf damit verloren. In manchen Fällen jedoch haben sich beide Männchen dermaßen verhakt, dass der Sieger den Besiegten dann noch hält und tatsächlich beißt, tötet und gelegentlich sogar auffrisst. Dies ist allerdings eher selten. Unterlegene Männchen sind in aller Regel noch in der Lage ihre Wanderschaft und Suche nach einem anderen Netz mit Weibchen fortzusetzen (gelegentlich versuchen sie sogar ein zweites Mal dasselbe Netz für sich zu erobern). Bei den Laborbeobachtungen stieß Rovner übrigens sogar auf das Phänomen, dass die Männchen sogar unbewohnte Netze gegen Eindringlinge verteidigten. In den meisten Fällen gewannen die Männchen, die die größeren Cheliceren hatten (in der Regel waren das auch die etwas größer gewachsenen Männchen), doch gelegentlich kam es vor, dass ein kleineres Männchen mittels stärker vibrierendem Hinterleib das Netz so zum schwanken brachte, dass sein Gegner herunterfiel, und konnte auch dadurch gewinnen. Die Weibchen mischten sich in diese Kämpfe zwischen den Männchen nie ein.

Interessanterweise erklärt dieses für Spinnen insgesamt eher ungewöhnliche Verhalten der Männchen zugleich, warum sie bei der Gemeinen Baldachinspinne nicht markant kleiner als die Weibchen sind, sondern oft sogar minimal größer. Es gibt die Faustregel, dass Tierarten, bei denen die Männchen um die Weibchen oder Territorien mit Weibchen kämpfen, im Schnitt größere und stärkere Männchen als Weibchen hervorbringen. Dies ist zum Beispiel bei Huftieren der Fall, bei Primaten, bei verschiedenen Raubtieren unter den Säugern, bei verschiedenen Vögeln, bei manchen Reptilien, bei einigen Fischen…die Liste ließe sich fortsetzen. Ein ähnliches Muster ergibt sich in Bezug auf auffällige Körpermerkmale – Hörner, bunte Federn, dergleichen. Auch hier wieder vorne mit dabei: Huftiere, Primaten, Raubtiere, Vögel, Reptilien, Fische, aber auch hier sehr viel deutlicher die Amphibien (bei Fröschen, Vögeln und manchen Säugern kommen sogar Lautäußerungen als Signal der Konkurrenz um die Weibchen zum Tragen).  Spinnen stehen normalerweise außerhalb dieser Regel, kehren sie sogar geradezu um; bei ihnen besteht der ausschlaggebende Faktor für die Durchsetzung des Männchens bei der Fortpflanzung üblicherweise darin, möglichst lange gegenüber dem Weibchen zu überleben. Die Gemeine Baldachinspinne hat die Spinnentradition diesbezüglich umgekehrt und liegt voll auf einer Linie mit Tieren wie Hirschen und Kampffischen. Die Männchen dieser Spinnenart kämpfen um den Zugang zum Weibchen und haben durch diesen Selektionsdruck mehr Größe und auffällige Displaystrukturen (die vergrößerten Cheliceren) erworben. Eine eindrucksvolle Bestätigung dafür, wie ähnliche Selektionsfaktoren in der Evolution zu vergleichbaren Ergebnissen führen!

Fig. 11

Fig. 11: Schematische Darstellung des Cheliceren-Einsatzes von zwei kämpfenden Männchen. A: Erster Kontakt. B: Gegenseitiges Packen der Gegner. Quelle: Rovner 1968.

Am Ziel: Die Fortpflanzung

Für die Männchen ist die Sicherung des Zugangs zum Weibchen gegen andere Männchen nur der eine Teil. Der andere Teil ist, das Weibchen von sich zu überzeugen. Weibchen, die fortpflanzungsbereit sind, sitzen meistens still im Netz und signalisieren dem Männchen wahrscheinlich über markante Duftstoffe ihre Bereitschaft zur Paarung. Auf dieses Signal müssen die Männchen gelegentlich unter anderem deshalb noch warten, weil das Weibchen seine letzte Häutung noch nicht hinter sich hatte – im Schnitt haben die Männchen ihre letzte Häutung etwa eine Woche vor den Weibchen. So wie das Such-und Territorialverhalten der Männchen erst einsetzt, wenn sie ihre letzte Häutung hinter sich haben, so kommen die Weibchen auch erst dann in Stimmung. Die Männchen können darauf durchaus mehrere Tage in den Netzen der Weibchen warten. Aber spätestens wenn das Weibchen dann bereit ist, versucht das Männchen auf Nummer sicher zu gehen: Es beginnt zunächst damit, das Netz des Weibchens systematisch zu zerlegen. Dazu kappt das Männchen mit seinen Cheliceren die verschiedenen Ankerfäden, die das Netz in seinem Umfeld befestigt halten. Durch die Spannung im dichten lakenartigen Geflecht wickelt sich dieses gleichsam zusammen. Am Ende bleibt nur ein stark reduziertes Netz zurück, ziemlich demoliert. Damit wollen die Männchen wahrscheinlich den Raum minimieren, den sie verteidigen müssen und ein wenig die Wahrscheinlichkeit senken, dass ein anderes Männchen das Netz entert, wenn gerade die Paarung läuft. Auch die Bewegungsfreiheit des Weibchens wird damit eventuell minimiert, dass es nicht doch noch die Flucht ergreifen kann.

Die Paarung selbst wurde auch in den Jahrzehnten nach Rovners Arbeit weiter untersucht. Wenn sich das Männchen schließlich dem endlich paarungsbereiten Weibchen nähert, tippt es noch ein paar Mal mit Pedipalpen und Vorderbeinen auf das restliche Netz, um zu signalisieren, dass es nun näher kommen wird. Wenn das Weibchen dann endgültig still verharrt, geht das Männchen zum direkten Kontakt über und schiebt sich zwischen den Vorderbeinen des Weibchens unter dessen Körper, während beide kopfüber im Netz hängen. Allerdings erfolgt noch keine richtige Paarung, sondern eine sogenannte Pseudokopula: Das Männchen steckt seine Pedipalpen versuchsweise in die Öffnungen der weiblichen Epigyne, zwar immer nur ganz kurz (wenige Sekunden), dafür ab und an mehrere hundert Mal. Der genaue Zweck der Übung ist nicht ganz klar, vielleicht probt das Männchen den richtigen Winkel, damit der Bulbus auch genau in die Vulva passt. Sperma wird dabei noch nicht übertragen. Stattdessen lässt das Weibchen zunächst wieder von dem Weibchen ab und baut in geringer Entfernung ein kleines, dreieckiges Kissen aus einer Seide, die sie aus ihren epigastrischen Drüsen gewinnen (da ihre eigenen Spinnwarzen ja bereits degeneriert sind). Auf dieses sogenannte Samennetz legt es dann einen Tropfen Sperma ab. Anschließend taucht es die Spitzen seiner Pedipalpen in die Flüssigkeit und nimmt das Sperma bei beiden Pedipalpen in den jeweiligen Embolus auf.

Danach nähert sich das Männchen wieder dem Weibchen, schiebt sich unter dauerndem klopfendem Betasten wieder unter dieses und führt seine Pedipalpen wieder in die Öffnungen der Epigyne ein. Diesmal dauert das Eindringen länger, bis zu 180 Sekunden, denn jetzt wird auch der Embolus voll entfaltet und übergibt seine Spermaladung. Das Männchen führt die Pedipalpen noch einige Dutzend Mal während der Paarung ein. Ein gewisses Risiko hierbei ist, dass es von anderen Männchen gestört werden kann. Aus Laborexperimenten weiß man, dass solcherlei Störungen nicht immer gut aufgenommen werden, je nachdem in welchem Moment der Paarung sie erfolgen. Manchmal brechen die Männchen dann ganz ab, in vielen Fällen unternehmen sie später einen neuen Versuch, vorausgesetzt, sie konnten ihre Position im Netz des Weibchens behaupten. Wohl auch vor diesem Hintergrund wird die Masse des Spermas eigentlich schon relativ früh während der eigentlichen Kopulation ins Weibchen abgegeben. Warum das Männchen trotzdem noch weitere Male in die Epigyne eindringt, ist nicht restlos geklärt, auch weil die Beobachtungen hier widersprüchlich sind. Einige Bearbeiter sind sich sicher, dass das Männchen bei den letzten Malen, die es die Pedipalpen in die Epigyne einführt, ein Sekret absondert, das die Epigyne wie ein Pfropfen verschließt. Bei anderen Studien konnte aber noch beobachtet werden, dass es gelegentlich einem nachfolgenden Männchen gelang, eine zweite Kopulation zu versuchen, sogar mit einer geringen Chance auf Erfolg, was gegen einen Pfropfen spricht. Die eigentliche Schwierigkeit für das nachfolgende Männchen war viel mehr das Verhalten des Weibchens, welches auch von den Forschern, die den Pfropfen gesehen haben wollen, beobachtet wurde: Das Weibchen wird auf einmal sehr widerspenstig, manchmal fast aggressiv gegenüber weiteren Männchen. Es geht ihnen entweder gänzlich aus dem Weg oder verscheucht sie aus dem Netz. Daher gelingt es nur wenigen, überhaupt noch erfolgreich eine Paarung zu vollziehen. Eventuell liegt die Lösung ja in der Mitte und die männlichen Gemeinen Baldachinspinnen produzieren keinen sonderlich haltbaren Pfropfen, weil die Weibchen ohnehin zu dieser Wesensänderung neigen und dadurch faktisch in den meisten Fällen monogam sind.

Wie geht’s nach der Paarung weiter? Nun, das Männchen bleibt oft noch eine Weile in der Nähe des Weibchens, um es noch etwas zu bewachen. Oder es verlässt das Netz des Weibchens und geht wieder auf Wanderschaft. Es kann sein Glück durchaus noch bei anderen Weibchen versuchen, also theoretisch mehrere Paarungen vollziehen. Solange bis es ausgelaugt ist (es frisst ja kaum noch, außer Beute, die es den Weibchen in deren Netzen klaut) und schließlich stirbt, irgendwann im Laufe des Spätsommers. Im August sind noch etliche Männchen der Gemeinen Baldachinspinne unterwegs, im September verschwinden sie allmählich. August und September sind damit also die Hochzeit der Paarung bei der Gemeinen Baldachinspinne.

Die Weibchen bauen nach der Paarung ihr ziemlich zerpflücktes Netz wieder auf, denn sie brauchen weiterhin Futter, nun für die Entwicklung der Eier. Diese legt das Weibchen dann im Herbst, zwischen September und November und spinnt sie unter einem Blatt in einen Kokon ein (oder in Nadelbäumen unter einem Ast). Wenn im Spätherbst die Blätter abfallen, landet der Kokon selber mit in der Laubstreu. Dort überwintern die Eier tatsächlich. Die jungen Gemeinen Baldachinspinnen schlüpfen, wenn es im Frühjahr warm genug wird, meist etwa im April, spätestens im Mai. Die kleinen Spinnen können sich schnell zerstreuen und im weiteren Umfeld verteilen – mittels „Ballooning“. Ja, das heißt wirklich so. Die Spinne schießt ein Büschel von Spinnfäden in die Luft, die dann vom Luftzug des Windes entfaltet und wie ein Segel oder ein Fallschirm hochgetragen werden – mit der Babyspinne daran. Diese ist so leicht, dass sie mit diesem Gebilde über weite Strecken verdriftet werden kann. Andere Methoden um mit Hilfe des Windes zu reisen, aber eher über kurze Strecken, ist es einen Faden zu befestigen und sich dann davontragen zu lassen oder den Faden zu produzieren, während er weggeweht wird und dann diesem Faden dorthin zu folgen, wo er kleben blieb. Die kleinen Gemeinen Baldachinspinnen können mit all diesen Arten reisen, mit den letzteren Arten teilweise sogar noch die halbwüchsigen Exemplare. Kommt es, oft zusammen mit anderen verwandten Arten, zu einem Massenauftreten, legen sich die Fäden glitzernd und schillernd über die Landschaft.

Hat eine der jungen Spinnen einen scheinbar guten Standort für ihr neues Leben gefunden, beginnt sie schnell mit dem Netzbau und beginnt ihr Leben, so wie bereits gschildert. Im Laufe der Sommermonate wachsen die Gemeinen Baldachinspinnen dann heran, bis sie Ende Juli/Anfang August die letzte Häutung durchmachen und die Fortpflanzungsphase eintritt. Da Gemeine Baldachinspinnen eine einjährige Art sind, ist es für die ausgewachsenen Tiere dann im Herbst auch vorbei. Die Männchen sterben als erste, die Weibchen schaffen es teilweise noch bis in den November – dann sterben auch sie spätestens mit den ersten Kälteeinbrüchen und zunehmendem Nahrungsmangel. Die nächste Generation wird den Winter als Ei im Kokon verschlafen und dann ein neues Baldachinspinnen-Jahr absolvieren.

Fig. 12

Fig. 12: Zwei rivalisierende Männchen der Gemeinen Baldachinspinne stehen sich direkt gegenüber und drohen sich. Das linke Männchen ist allerdings kleiner gewachsen und hat leicht kleinere Cheliceren. Es wird wahrscheinlich den Kürzeren ziehen. Quelle: Rovner 1968.

Willkommen in der neuen Welt

Dass relativ frisch geschlüpfte Spinnen (verschiedenster Arten) durch Ballooning sehr hoch und sehr weit schweben können, weiß man ja. Es sind auch schon Fälle bekannt geworden, in denen die Tierchen es bis in den Jetstream und aufs offene Meer schafften. Allerdings jeweils mit unguten Auswirkungen fürs Überleben. Dass es eine Art, selbst wenn es die kleinen Jungspinnchen der Gemeinen Baldachinspinne sein sollten, tatsächlich über einen ganzen großen Ozean schaffen sollte, um sich neu anzusiedeln, erscheint da eher unwahrscheinlich. Wenn dann doch überraschend eine Spinne plötzlich auf einem völlig fremden Kontinent auftaucht, liegt ein menschlicher Einfluss als Ursache nahe. So auch in diesem Fall. Die Gemeine Baldachinspinne tauchte vor einiger Zeit einfach im Bundesstaat Maine an der nördlichen Ostküste der USA auf.

Alles begann 1991, als Frank Graham, Junior, von der National Audubon Society in Washington County, Maine, auf Exkursion war. Die National Audubon Society ist nach dem Naturforscher John James Audubon (1785-1851) benannt, der für seine Werke über Vögel und Pflanzen in den USA des 19. Jahrhunderts sehr bekannt war. Die National Audubon Society setzt sich für Vogelbeobachtung und allgemeinen Naturschutz ein und versucht die Öffentlichkeit über Tiere und Umweltthemen aufzuklären. Frank Graham jedenfalls fing damals, 1991, ein Weibchen aus der Familie der Baldachinspinnen (Linyphiidae), in der Nähe des Ortes Milbridge. Das Tier blieb zunächst unbestimmt. Erst Jahre später, 1996 und 1997, sammelte Graham wieder bei Milbridge Spinnen, wieder entdeckte er Weibchen dieser ominösen Baldachinspinnenart. Dieses Mal war er misstrauischer und legte die Exemplare Daniel T. Jennings vom Forest Service in Main vor. Dieser kam schließlich zum Schluss, dass es sich um Exemplare der Gemeinen Baldachinspinne handeln könnte. Zur Sicherheit bezog man einen  Experten für diese Spinnen mit ein: Peter J. Van Helsdingen, zu dem Zeitpunkt am Nationalen Museum für Naturgeschichte im niederländischen Leiden. Van Helsdingen bestätigt die Identifizierung! Jetzt wurde es wirklich interessant und Jennings und Graham holten auch noch Kefyn M. Catley von der Rutgers University in New Jersey mit ins Boot. Sie wollten herausfinden, ob sich wirklich klammheimlich die Gemeine Baldachinspinne in Maine breit gemacht hatte.

Als erste Maßnahme wurden weitere Exkursionen in Maine unternommen, so am 19. August 1998 im Acadia National Park auf der Schoodic Peninsula bei Winter Harbor (Hancock County). Dabei wurden 9 Männchen, 20 Weibchen und 2 Jungspinnen der Gemeinen Baldachinspinne gefangen. Exakt ein Jahr später wurde an selber Stelle eine erneute Sammeloperation gestartet und diesmal wurden in nicht mal 2 Stunden 5 Männchen und 18 Weibchen gefangen. Die meisten davon fand man in ihren typischen Netzen in niedriger Vegetation, etwa in Farnen, Grasbeständen und Büschen, seltener an Baumstämmen unter Rinde versteckt. Außerdem wurden die Männchen in aller Regel bereits im Netz der Weibchen angetroffen, allerdings noch keine Gemeinen Baldachinspinnen bei der Paarung erwischt. Offensichtlich begann die Fortpflanzungssaison erst. Der bemerkenswerteste Umstand überhaupt jedoch: Sowohl 1998 als auch 1999 stellte man darüber hinaus fest, dass von allen in Maine bekanntermaßen vorkommenden Baldachinspinnen die Gemeine Baldachinspinne mit Abstand die häufigste ist – also auch häufiger als jede der rund ein Dutzend heimischen Spinnen aus derselben ´Familie. Das bedeutete: Die Gemeine Baldachinspinne hatte sich zumindest in Teilen bereits fest in Maine etabliert. Stellte sich nun die Frage: Wann und wie kam sie hierher?

Jennings überprüfte seine alten selbst gesammelten Spinnenexemplare aus Maine, denn in denen befanden sich durchaus einige unbestimmte Individuen. Und die Überraschung war groß: Davon waren 7 Männchen und 10 Weibchen von der Gemeinen Baldachinspinne. Gesammelt hatte Jennings die Tiere in den Jahren 1983, 1986, 1989 und 1994. Das älteste Exemplar davon war von Jennings am 28. August 1983 bei Stover Corner in Brooksville, Hancock County, gesammelt worden, direkt an der Küste! Aber was heißt das schon – Jennings und Graham sind kaum die einzigen Naturforscher, die Spinnenexemplare sammeln. Auch frühere Forscher erarbeiteten schon Überblicke über die Spinnenfauna Maines und viele größere Museen in Nordamerika haben Sammlungen heimischer Spinnenarten. Es galt zu überprüfen, ob dabei irgendwo irgendwann die Gemeine Baldachinspinne vielleicht schon einmal auftauchte. 1946 zum Beispiel erschien bereits eine umfassende Überblicksarbeit über die Fauna, auch die Spinnenfauna, auf Mount Desert Island vor der Küste von Hancock County. In dieser Arbeit werden 15 Spinnenfamilien mit insgesamt 179 Arten gelistet, die durch damalige Aufsammlungen belegt worden sind. Nicht dabei: Die Gemeine Baldachinspinne. Auch Anfrage bei den Institutionen mit großen Sammlungen aus ganz Nordamerika ergab nichts: Darunter das American Museum of Natural History in New York, das Field Museum of Natural History in Chicago, das Museum of Natural History von Havard in Cambridge und andere namhafte Einrichtungen, sogar in Ottawa hat man nachgefragt. Nichts. Auch die Listen von privaten Sammlungen aus der gesamten Zeitspanne des 19. und 20. Jahrhunderts in dem riesigen Gebiet von Ottawa und Neufundland im Norden bis New York im Süden wurden überprüft. Nichts.

1999 und 2000 wurden in den verschiedenen Countys in Maine systematische Suchen nach der Gemeinen Baldachinspinne durchgeführt, jeweils von August bis September, wenn die Tiere am größten und mit der Partnersuche und Paarung beschäftigt sind und dabei mehr auffallen. In allen Countys des Bundesstaates wurden zumindest an einigen Orten Exemplare der Gemeinen Baldachinspinne gefunden, bis auf eine Ausnahme: Aroostook County, am weitesten landeinwärts gelegen, schien zumindest in diesen beiden Jahren noch frei zu sein von der Gemeinen Baldachinspinne. Am häufigsten schien die Art an der Küste zu sein. In benachbarten Bundesstaaten und auf kanadischem Gebiet wurde die Art bis dahin auch noch nicht vermeldet. Anscheinend schien sie sich von einem Ursprungsort an der Küste aus auszubreiten.

2002 publizierten Jennings, Graham und Catley ihre Ergebnisse. Sicher war eines: Die Gemeine Baldachinspinne hatte sich längst in Maine etabliert. Verschiedene Fragen waren noch unbeantwortet: Der eigentliche Ursprung der Einschleppung (irgendwo in Eurasien, haha), der genaue Zeitpunkt und vor allem, ob die Anwesenheit dieser Art in einem für sie fremden Ökosystem auf dieses nennenswerte Auswirkungen haben wird. Aus Europa weiß man zum Beispiel, dass die Gemeine Baldachinspinne gelegentlich auch die Netze anderer Baldachinspinnenarten übernimmt, wie weiter oben kurz beschrieben. Dieses Verhalten könnte in einem fremden Ökosystem zusammen damit, dass sie mit den in Maine heimischen Baldachinspinnen um die besten Plätze für das Netz konkurrieren, zu einem echten Problem für heimische Spinnen werden. Aber tut es das auch?

Fig. 13

Fig. 13: Die erste, 2002 veröffentlichte, Bestandsaufnahme der Verbreitung der Gemeinen Baldachinspinne im US-Bundesstaat Maine. Jeder Punkt markiert zunächst einmal eine Lokalität, an der man 1999 bis 2000 Spinnen sammelte, um einen Überblick über die dort lebenden Arten zu erhalten und die Anwesenheit der Gemeinen Baldachinspinne zu überprüfen.. Die schwarzen Punkte markieren die Lokalitäten, an denen die Gemeine Baldachinspinne dabei nachgewiesen wurde, ergänzt um die früheren Funde im Vorfeld seit 1983. Die weißen Punkte markieren die Lokalitäten, an denen die Gemeine Baldachinspinne auch bei der genauen Suche 1999 und 2000 nicht gefunden wurde. Quelle: Jennings et al. 2002.

In den folgenden Jahren konnte die genaue Quelle der Einwanderung der Gemeinen Baldachinspinne nicht geklärt werden. Aber die Rolle der Einwanderin in ihrer neuen Heimat konnte intensiver erforscht werden. Hier war dann ab im Laufe der 2000er Jahre vor allem ein Team von der University of Massachusetts Amherst sehr aktiv, unter der Anleitung von Elizabeth M. Jakob, Professor am Department of Psychological and Brain Sciences, die sich besonders für Verhaltensstudien an Spinnen interessiert. Einer der ersten Studenten von ihr, der Mitte der 2000er Jahre seine Abschlussarbeit zur Invasion der Gemeinen Baldachinspinne schrieb und dazu publizierte, war Jeremy Houser. Im Laufe von über 10 Jahren erschienen mehrere Paper des Teams zu dem Thema, mit durchaus spannenden Ergebnissen. Diese lassen sich zu zwei Punkten zusammenfassen: Zum einen, die Gemeine Baldachinspinne hat einen invasiven Einfluss auf die ursprünglich heimischen Arten von Baldachinspinnen, zum anderen ist es trotzdem etwas komplexer.

Zuerst zum ersten Punkt: Die Gemeine Baldachinspinne erweist sich als aggressiver und durchsetzungsfähiger bei der Übernahme von Netzen fremder Arten. Anscheinend schlüpfen die Jungen der Gemeinen Baldachinspinne etwas früher als die der in Maine eingeborenen Arten und entwickeln sich daher mit etwas Vorsprung, wodurch eine ganze Zeitspanne des Sommers hindurch die Gemeine Baldachinspinne den Vorteil von Größe und Masse hat, wenn sie ein fremdes Netz einer anderen Baldachinspinne betritt. Zugleich neigt sie auch eher zu diesem Verhalten. Erst später im Sommer verschiebt sich das etwas, die Gemeine Baldachinspinne ist dann zwar immer noch offensiver als die anderen Arten in ihrer Umgebung, aber diese haben an Größe aufgeholt. Dies dämpft etwas die Konkurrenz um die Netze und Netzstandorte, aber insgesamt bleibt trotzdem ein deutlicher Effekt: Dort wo die Gemeine Baldachinspinne in Maine besonders häufig ist, sind andere Arten seltener geworden. Dies betrifft zum Beispiel Frontinella pyramitela, den Weißrandigen Großweber (Neriene radiata) und Spinnen der Gattung Pityohyphantes. Spannend an diesen betroffenen Arten ist der Umstand, dass der Weißrandige Großweber auch in Europa vorkommt und hier eigentlich durchaus mit der Gemeinen Baldachinspinne koexistiert. Zumindest im Acadia National Park jedenfalls haben die Populationen der genannte Arten stark abgenommen, während die Gemeine Baldachinspinne sehr häufig geworden ist. Soweit die Forscher das sagen können, ist der Faktor des Beuteangebots dabei völlig egal – selbst wenn genügend Nahrung für alle genannten Spinnen vorhanden ist, verdrängt die Gemeine Baldachinspinne nach und nach die anderen Arten. Umso überraschender waren dann erste Hinweise, dass es auch in der neuen Welt Grenzen für die Gemeine Baldachinspinne gibt.

So dehnte sie ihr Gebiet bisher nicht mehr nennenswert weiter aus (jedenfalls fand sich in der Literatur keine bestätigte Sichtung außerhalb Maines). In Maine selber ist sie weiterhin an der Küste am häufigsten, während sie in den Wäldern des Hinterlandes nach und nach seltener wird. Es scheint hier Faktoren zugeben, vielleicht lokale klimatische Bedingungen, die die Ausbreitung der Gemeinen Baldachinspinne an der Küste begünstigen, dagegen im Hinterland eher hemmen. Ein weiterer überraschender Umstand wurde dann bereits 2005 entdeckt: Die Spinnenart Neospintharus trigonum, eine Vertreterin der Kugelspinnen (Theridiidae), die gerne anderen Spinnen die Beute aus dem Netz klaut, macht sogar Jagd auf die Gemeine Baldachinspinne! Durch direkte Beobachtung konnte Jeremy Houser zusammen mit Daniel Jennings nachweisen, dass Neospintharus trigonum nicht einfach nur Beute aus dem Netz der Gemeinen Baldachinspinne stibitzt, sondern auch tatsächlich die Spinne selbst erbeutet und frisst. Wie groß der Effekt durch diesen Fressfeind ist, bleibt unklar, vermutlich nicht sehr groß. Es zeigt aber, dass auch eine invasive Art wie die Gemeine Baldachinspinne ihre Gegner hat.

Nichtsdestotrotz bleibt dieser  Beispielfall der Einwanderung der Gemeinen Baldachinspinne ein weiterer Beleg dafür, wie die Einwanderung invasiver Arten zur Belastung für andere heimische Arten werden kann. Dabei ist egal ob die invasive Art vorsätzlich oder versehentlich in das fremde Ökosystem eingebracht wurde. Im Falle der Gemeinen Baldachinspinne war es wohl eher versehentlich, auch wenn der Weg unklar bleibt. Eventuell kam sie auf einem Schiff an – dafür spricht der Ausbreitungsschwerpunkt entlang der Küste.

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https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeine_Baldachinspinne

https://wiki.arages.de/index.php?title=Linyphia_triangularis

Eine sehr schöne Galerie gibt’s hier noch:

https://araneae.nmbe.ch/gallery/photos/1256