Was man nicht so alles auf dem eigenen Balkon finden kann: Diese Spinne entdeckte ich gestern am Balkongeländer und fing sie kurzzeitig zur Bestimmung ein. Und für ein kurzes Shooting – das ist das beste Bild dabei. In dem kleinen Plastikbehälter spann sich das Tier schnell ein leichtes Gespinst als Unterschlupf und verharrte ansonsten in Sicherungsstellung. Die Bestimmung brachte eine kleine Überraschung, da ich diese Art bisher als Teil der Fauna im Kölner Norden noch nicht kannte: Eine Dornfingerart. Bei der Gattung war ich mir relativ schnell ziemlich sicher – Cheiracanthium -, aber bei der genaueren Art muss ich hier der Facebookgruppe „Spinnen + Spinnentiere + Bestimmung“ und hier besonders Claudia Franke aus Magdeburg danken. Mit ihrer Hilfe wurde das weibliche Tier als Mildes Dornfinger (Cheiracanthium mildei) identifiziert.

Diese Zuordnung ist aus mehr als einem Grund interessant. Die Dornfinger sind in Deutschland eigentlich berüchtigter durch den Ammen-Dornfinger (Cheiracanthium punctorium), die allgemein als vielleicht einzige bei uns heimische Spinnenart gilt, die wirklich schmerzhaft zubeißen kann. Nun, sein Verwandter Mildes Dornfinger steht ebenfalls in dem Ruf, zumindest an Stellen mit dünner Haut – etwa zwischen den Fingern – durchaus bemerkbar zubeißen zu können. Es gibt dazu allerdings wenige verlässliche Informationen, allgemein sollen die Bisse beider Arten aber nicht schlimmer als ein Wespenstich sein. Der andere bemerkenswerte Punkt ist die Tatsache, dass Mildes Dornfinger eine eingewanderte Art ist, die eigentlich aus dem Mittelmeerraum stammt. Erst seit Ende der 1980er Jahren macht sich die Art nach Norden hin breit, begünstigt von höheren Temperaturen vor allem im Sommer durch den Klimawandel. Zuerst tauchte sie im Oberrheintal auf, welches ohnehin zu den klimatisch begünstigten Standorten in Mitteleuropa gehört und schon öfter mediterranen Arten als Einfallstor nach Norden diente. Nun, jetzt scheint die Art zumindest auch für Köln belegt, also schon deutlich weiter nördlich! Dies wäre nach den fotobelegten Nachweisen in der Datenbank der Seite Atlas der Spinnentiere Europas erst der zweite oder dritte Nachweis für den Großraum Köln; die dort aufgeführten Sichtungen stammen noch von 2016.

Mir scheint jedenfalls, dass dieser Zuwanderer unserer heimischen Spinnenfauna sich in NRW an seiner noch recht dünn besiedelten nördlichen Verbreitungsgrenze befindet, zumindest derzeit. Man kann wohl erwarten, dass sich diese Grenze weiter nach Norden verlegen wird. Es lohnt sich also die Augen offen zu halten. Meistens sind Mildes Dornfinger relativ unauffällig. Dieses Exemplar jedenfalls hab ich dann an einer nahen Hecke ausgesetzt, wo es mehr Deckung und mehr Futter als auf meinem Balkon finden wird.