Reihe: Clerck

Piratenspinne (Pirata piraticus (Clerck, 1757))

Namensbedeutung

Die Piratenspinne beschrieb Clerck zunächst als Araneus piraticus – was etwa so viel bedeutet wie „seeräuberische Spinne“. Wie bereits in vorherigen Artikeln deutlich wurde, fasste Clerck in der Gattung Araneus alle ihm bekannten Spinnen zusammen, wodurch diese Gattung ein großes Sammelsurium war. Inzwischen ist die Gattung auf die Kreuzspinnen eingeschränkt worden. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts wurden die Wolfsspinnen als Gattung Lycosa von Araneus abgespalten und auch die Piratenspinne zu Lycosa gestellt. Diese Einteilung war aber auch noch nicht fein genug. Es war der schwedische Zoologe Carl Jakob Sundevall, der die Piratenspinne im Jahre 1833 aus dieser Gattung herausnahm und einer neuen Gattung Pirata zuordnete. Der vollständige Name bedeutet etwa so viel wie „seeräuberische Seeräuberin“. Warum eigentlich? Die Piratenspinne lebt und jagt gerne in den Randbereichen von Gewässern. Dies hat schon Clerck eben an einen „Seeräuber“ denken lassen. Und lateinisch sind Seeräuber „pirata“, abgeleitet vom griechischen „peirates“. Zugegeben, Sundevalls Kreativität war bei der neuen Kombination jetzt nicht die größte.

Synonyme

Dadurch, dass die Piratenspinne der Wissenschaft schon so lange bekannt ist, kombiniert mit ihrer großen Verbreitung und der damit fast unausweichlichen gewissen Variabilität innerhalb der Art, ist es unweigerlich zu einer Vielzahl von Synonymen gekommen. Einmal durch den Wechsel der Art von der Gattung Araneus zunächst zur Gattung Lycosa und dann final zur Gattung Pirata (und zeitweise spuckte da noch eine Kombination mit dem nicht mehr verwendeten Gattungsnamen Potamia herum). Zwei andere Beispiele sind aber zum Beispiel auch Neubeschreibungen wie durch H. Lucas im Jahre 1846, der die algerische Population als neue Art Lycosa argenteomarginata beschrieb, ähnliches passierte E. Keyserling 1877, als er die amerikanischen Piratenspinnen als Pirata prodigiosa beschrieb. Heute werden sie alle als zugehörig zu einer Art betrachtet. Hier also die – hoffentlich – vollständige Liste:

Aranea piratica, Araneus piraticus, Lycosa argenteomarginata, Lycosa febriculosa, Lycosa piratica, Pirata febriculosa, Pirata prodigiosa, Pirata sylvestris, Potamia argenteomarginata, Potamia piratica.

Fig. 1

Fig.1: Die Abbildung der Piratenspinne in Clercks Werk über die Spinnen in Schwedens von 1757. Das Punktemuster unterhalb der Spinne stellt die Anordnung der Augen dar. Quelle: Clerck, C.A. 1757. Svenska Spindlar.

Phylogenie

Animalia; Eumetazoa; Bilateria; Protostomia; Ecdysozoa; Panarthropoda; Arthropoda; Euarthropoda; Chelicerata; Arachnida; Tetrapulmonata; Araneae; Opisthothelae; Araneomorphae; Araneomorphi; Araneoclada;  Entelegynae; Lycosoidea; Lycosidae; Zoicinae; Pirata.

Ähnlich wie die beiden bisher vorgestellten Spinnenarten, die Gehörnte Kreuzspinne (Araneus angulatus) und die Rindenspringspinne (Marpissa muscosa), gehört die Piratenspinne zur großen Webspinnengruppe der Entelegynae. Innerhalb der Entelegynae rechnet man die Piratenspinne zur Gruppe der Wolfsspinnenartigen (Lycosoidea), die überwiegend aktive Jäger sind und sich dabei weniger auf ihre Netze verlassen. Wer das nun aber für eine primitive Jagdtaktik im Vergleich zu anderen Webspinnen mit Radnetzen zum Beispiel hält irrt: von der Stammesgeschichte her sind die Lycosoidea hoch abgeleitet und ihre Jagdtaktiken sind hochspezialisiert. Die Linie ist sogar stärker abgeleitet als die Araneoidea, zu denen die Radnetzspinnen gehören. Vielmehr gehören die Wolfsspinnenartigen zu einer artenreichen Seitenlinie, die auf der Stammlinie der Dionycha abzweigte. Zu den Dionycha gehören zum Beispiel die Springspinnen (Salticidae).

Die Verwandtschaftsverhältnisse und die evolutionäre Geschichte innerhalb der Wolfsspinnenartigen wurde in den letzten 20 Jahren mittels mehrerer molekulargenetischer Untersuchungen zunehmend durchleuchtet. Die neueste derartige Studie wurde 2019 publiziert, nach ihr richte ich mich hier. Die Piratenspinne gehört zur am weitesten abgeleiteten Familie der Gruppe, den Echten Wolfsspinnen (Lycosidae), innerhalb dieser aber zu einem basaleren Zweig, den Zoicinae. Die ganze Familie entfaltete sich in ihre ganzen Verzweigungen vor allem in den letzten rund 60 Millionen Jahren, so die Schätzung der Autoren.

Verbreitung

Die Piratenspinne ist eine außergewöhnlich weit verbreitete Art. Man findet sie in praktisch ganz Europa, wobei sie im Norden bis ins zentrale Finnland vorkommt und auch auf Island. Nach Osten kann man die Piratenspinne in fast ganz Russland inklusive Sibirien finden, sieht man von den allernördlichsten Zipfeln des Landes am Rande der Arktis ab. Im Osten reicht die Verbreitung bis zur russischen Pazifikküste. Von dort aus erstreckt sich ihre Verbreitung über Japan und die Mandschurei bis nach Zentral-und Südchina. In Zentralasien findet man Piratenspinnen in Kasachstan, Usbekistan, Kirgisien und bis in den Norden Afghanistans. Im Nahen Osten besiedelt diese Art den Kaukasus, die Türkei und den Iran und kommt über Syrien bis nach Israel vor. In Nordafrika ist die Art aus Algerien, Tunesien und Libyen bekannt. Aber auch in der neuen Welt ist die Piratenspinne bekannt: Sie besiedelt den größten Teil der USA, inklusive Alaska, aber ohne den äußersten Südwesten, und fast ganz Kanada, sieht man von den höchsten arktischen Breiten des Landes ab. Eine kleinere Population lebt im südlichen Grönland. Eine solche Verbreitung auf dem größten Teil der nördlichen Halbkugel nennen die Fachleute holarktisch.

An dieser Stelle muss auf einen vermeintlichen Nachweis verwiesen werden, von dem der französische Spinnenforscher Eugène Simon (1848-1924) im Jahre 1899 berichtete. Demnach habe der deutsche Zoologe Hugo Schauinsland an der Nordküste der Südinsel Neuseelands ein Exemplar der Piratenspinne gefunden. Diese kurze knappe Anmerkung wurde von Fachkollegen relativ bedenkenlos übernommen, 1917 und 1946 tauchte die Piratenspinne in Katalogen von in Neuseeland heimischen Spinnenarten auf. Das Gerücht von der neuseeländischen Piratenspinnen-Population hielt sich ausgesprochen hartnäckig. Schließlich war Simon zu seiner Zeit eine echte Autorität in Sachen Spinnenkunde. Die Sache wurde von keinem überprüft – bis sich der neuseeländische Spinnenforscher Cor Vink das Problem im Jahr 2002 näher beschaute. Vink stellte fest, dass nicht nur er niemals ein Exemplar der Piratenspinne auf Neuseeland gefunden hat, sondern seit 1899 offensichtlich auch niemand sonst. Nach menschlichem Ermessen kommt die Art de facto auf Neuseeland nicht vor. Aber was ist mit Simons angeblichem Nachweis? Vink hält drei Hintergründe für denkbar: 1. Ein Exemplar der Piratenspinne wurde versehentlich mit den von Schauinsland auf Neuseeland gesammelten Spinnen eingelagert. 2. Die Piratenspinne wurde im 19. Jahrhundert nach Neuseeland eingeschleppt, dort tatsächlich von Schauinsland gesammelt und starb danach dort wieder aus. 3. Simon verwechselte das Exemplar einer ähnlichen Spinnenart mit der Piratenspinne. Auf Neuseeland gibt es in der Tat eine der Piratenspinne sehr ähnliche Art. Welche dieser drei Möglichkeiten der wahre Hintergrund ist, ist aber nicht geklärt. Sicher ist nur: Die Piratenspinne lebt nicht auf Neuseeland!

Fig. 2

Fig. 2: Eine weibliche Piratenspinne. Sehr schön erkennt man die Zeichnung des Tieres. Quelle: www.spiderling.de (die dortige Fotogalerie).

Grazile Jägerin

Die Piratenspinne besitzt einen robusten, aber durchaus feingliedrigen Körperbau. Das Prosoma (kurze Wiederholung: Der Vorderkörper) und das Opisthosoma (der Hinterleib) sind bei ihr ungefähr fast gleichgroß. Das Prosoma trägt acht Augen in drei Reihen, die weit vorne sitzen: Vier kleinere Augen in der untersten Reihe, darüber zwei größere Augen und hinter diesen schon halb auf der Oberseite des Prosomas noch zwei große Augen. Die Grundfärbung ist braun. Der Vorderkörper besitzt darauf dann weiße Seitenstreifen und dicht darüber dunkle Längsstreifen. Die Mitte der Oberseite ist heller mit einer dünnen, dunklen gabelförmigen Zeichnung, die nach vorn offen ist und meist an eine Stimmgabel erinnert. Der Hinterleib besitzt ebenfalls weiße Seitenstreifen, außerdem vorne auf der Oberseite einen heller umrandeten beigen Fleck und dahinter zwei Reihen weißer Punkte. Eine gewisse Variation gibt es zum Beispiel bei der genauen Ausprägung der weiß behaarten Seiten und der beiden Punktreihen. Die Beine sind meistens gelblich, manchmal mit einem Hang ins grünliche oder bräunlicher, zu den Enden hin werden sie tendenziell dunkler. Oft besitzen die Beine auch eine mehr oder weniger starke dunkle Ringelung. Auch treten weiße Markierungen an den Beingelenken auf.

Die Färbung ist bei Männchen und Weibchen sehr ähnlich, allerdings sind die Männchen deutlich kleiner. Die Weibchen erreichen eine maximale Körperlänge (ohne Beine) von 9 mm, während die Männchen sogar nur 6,5 mm als Körperlänge erreichen. Daneben kann man die Männchen wie bei allen Arten der Entelegynae noch anhand ihrer Pedipalpen von den Weibchen unterscheiden. Die Pedipalpen sind beim geschlechtsreifen Männchen sehr markant ausgebildet: Das Endglied, der Bulbus, ist dreiteilig, wobei der größte Abschnitt vergrößert, breit und kahnförmig ist. Diese große mit Chitin verhärtete Spange wird Cymbium genannt. In seiner Innenseite sitzt der zweiteilige Embolus, eine komplizierte Struktur mit einem Hohlraum. Diese Strukturen können durch Erhöhung des Innendrucks im Pedipalpus entfaltet werden.

Zu dieser Struktur passt bei den Weibchen natürlich die Epigyne, jene harte sklerotisierte Platte, die vor dem Zugang zu den Geschlechtsorganen auf der Unterseite des Hinterleibes des Weibchens liegt. Die Platte weist bei der Piratenspinne komplexe innere Strukturen auf, die zum Embolus des Männches passen: Paarige Einführöffnungen, die in der mittleren sogenannten Epigastralfurche liegen, führen über eingestülpte Gänge zu Kammern, die man Spermatheken oder Recaptulum seminis nennt. Bei der Piratenspinne gibt es davon auf jeder Seite der Epigastralfurche zwei: die mittleren Spermatheken, die näher zur Furche liegen, und die weiter außen gelegenen Spermatheken. Sie sind in einem deutlichen spitzen Winkel zur Epigastralfurche angeordnet. Von den Spermatheken laufen Kanäle zur eigentlichen Geschlechtsöffnung der weiblichen Spinne.

Fig. 3

Fig. 3: Die für die Paarung wichtigen Organe: Links die Pedipalpen eines Piratenspinnenmännchens, rechts die Epigyne eines Weibchens. Quelle: www.spiderling.de

Lebensraum und Lebensweise

Die Piratenspinne braucht Feuchtigkeit und bevorzugt kühlere Temperaturen. Solche Bedingungen findet sie am ehesten in den Uferbereichen von Gewässern vor – Tümpeln und Teichen, Seen und Flüssen. Vor allem in Abschnitten mit reichlich Ufervegetation ist die Art häufig. Die Tiere können auch über die Wasseroberfläche laufen und trauen sich dabei sogar bis weit auf die offene Wasserfläche. Auf der anderen Seite findet man sie an Land fast nur innerhalb eines relativ begrenzten Streifens entlang des Ufers. Eine Studie im kanadischen Alberta ergab mit Hilfe von kleinen Fallen zum Fangen der Spinnen, dass sich Piratenspinnen fast nur innerhalb von 3 m Abstand von einem Gewässer finden ließen. In größerer Entfernung vom Gewässer fanden sich nur sehr vereinzelte Exemplare. In einer ähnlichen Studie, in der Stadt Edmonton in Alberta durchgeführt, die sich mit der Diversität von Spinnen und Laufkäfern auf begrünten Dächern befasste, konnte gezeigt werden, dass die Piratenspinne bei geeigneten Bedingungen auch in diesen künstlich angelegten Lebensräumen vorkommt, wenn auch selten. Ein Weibchen der Piratenspinne ging dabei sogar mit einem Eisack in die Falle, was die Autoren als Beweis dafür werteten, dass die Piratenspinne nicht nur als gelegentlicher Gast den Weg auf eines der begrünten Dächer gefunden hatte, sondern auch dort brütete. Dass diese Art auch unter sehr kühlen Klimaten gut gedeiht, sieht man nicht nur an ihrer sehr nördlichen Verbreitung, sondern auch daran, dass sie im Gebirge weit aufsteigt, in den Alpen zum Beispiel bis zu 2300 m Höhe.

Eine gewisse Vegetation, gerade aus Moosen und anderen niedrigen, krautigen Pflanzen, ist für die Piratenspinne aber mindestens so wichtig wie die Nähe zum Wasser. Denn an Pflanzen befestigen die Tiere kurze aus Spinnfäden zusammengesetzte Wohnröhren, die ihnen als Versteck dienen. Von hier aus gehen die Piratenspinnen auf Jagd in der näheren Umgebung. Dabei fangen sie ihre Beute nicht mit Spinnfäden, sondern indem sie sie blitzschnell packen und zubeißen um ihr Gift zu injizieren. Die Beuteliste ist lang: Neben Insekten werden auch andere kleine Gliedertiere und manchmal sogar kleine Kaulquappen erbeutet, die die Piratenspinne von der Wasseroberfläche aus ergreift. Die Fähigkeit unter Ausnutzung der Oberflächenspannung über das Wasser zu laufen nutzen die Piratenspinnen aber nicht nur zur Jagd, sondern auch um etwaigen Feinden an Land auszuweichen. Bei großer Gefahr für das eigene Leben können diese Spinnen sogar kurzzeitig untertauchen, um einer Bedrohung etwa durch einen Fressfeind zu entkommen.  Aufgrund dieser Beweglichkeit auch auf und im Wasser sind Piratenspinnen auch wenig anfällig für die Folgen kurzfristiger Überflutungsereignisse, die in ihrem Lebensraum logischerweise häufiger vorkommen können.

Fig. 4

Fig. 4: Am Rande eines Gewässers in Ostfriesland lauert eine Piratenspinne, halbwegs getarnt, auf einem Pflanzenstängel auf Beute. Dank geht an den Fotografen Martin Block. Quelle: Foto von Martin Block.

Anpassungsfähig

Die Piratenspinne ist anpassungsfähig. Das gilt auch für die Fortpflanzung – bei Partnerwahl und in der Entwicklung der Jungtiere kann es zu großen Variationen kommen, die von Umwelteinflüssen verursacht werden. Diese Variationen ermöglichen es der Piratenspinne wiederum, sich auch unter wechselnden Umständen erfolgreich fortzupflanzen.

Die Partnerwahl ist wie bei allen Spinnen eine vor allem für die Männchen äußerst gefährliche Angelegenheit. Die Weibchen signalisieren prinzipielle Paarungsbereitschaft durch Duftstoffe, doch nehmen sie die kleineren Männchen dennoch schnell als Beute wahr, wenn diese sich nicht korrekt verhalten. Die Männchen nähern sich stets vorsichtig, mit erhobenen Pedipalpen. Mit diesen führen sie außerdem trommelnde Bewegungen aus, deren Vibrationen  vom Weibchen wahrgenommen werden. Wenn das Weibchen nun das Männchen als Paarungspartner erkennt, ist es milder gestimmt und lässt die Paarung zu. Wie groß das Risiko für die Männchen aber immer ist, zeigt folgende Feststellung: Weibchen aus Populationen in beuteärmeren Gebieten lassen bevorzugt kleinere Männchen an sich heran – denn sie gehen auch, aufgrund ihres großen Hungers durch Beutearmut, auf jede noch so kleine Beute los. Scheinbar werten sie das kleinere Männchen hier also ebenfalls zuerst als Beute. Erst kurz vor der Paarung erkennen sie dann, dass es ein Artgenosse ist, der sich paaren will. Weibchen in nahrungsarmen Gebieten paaren sich auch seltener, wesentlich kürzer erst vor der Eireifung. Dies hat vermutlich mit dem Energiehaushalt der Tiere zu tun. Die durch begrenzte Nahrungsressourcen limitierte Energie für den Stoffwechsel wird lieber in wenige, aber erfolgreiche Paarungen investiert anstatt in viele.

Die Paarung selber ist ein sehr spezieller Akt. Das Männchen hat vorher aus seiner Geschlechtsöffnung eine Spermienportion abgesondert und diese in den Emboli der Pedipalpen gespeichert. Wenn das Männchen das Weibchen so milde gestimmt hat, dass es die Paarung vollziehen kann, entfaltet es durch steigenden Innendruck im Pedipalpus den gesammten Bulbus und führt diesen in die Epigyne ein. Die artspezifisch komplexen Strukturen des Pedipalpen-Bulbus und der Epigyne passen zusammen wie ein Schlüssel in ein Schloss. Hier werden die Spermien nun übertragen und gelangen in der Epigyne erst einmal in die Spermatheken, wo sie wiederum gespeichert werden. Von anderen Wolfsspinnen weiß man, dass bei der Paarung die Öffnung der Epigyne durch eine Art Pfropfen verschlossen wird, möglicherweise ist dies auch hier der Fall. Nach vollzogener Paarung versucht das Männchen dann schnellstens Abstand zum Weibchen zu gewinnen. Die eigentliche Befruchtung erfolgt bei der Eiablage. Dann gelangen die Spermen von der Spermathek zum eigentlichen Ausgang der weiblichen Geschlechtsorgane. Das Weibchen kann diesen Vorgang sogar dosieren und immer noch einen Rest Spermien zurückbehalten – und so theoretisch mehr als ein Gelege befruchten.

Die Eier werden vom Weibchen in einen großen, kugelförmigen und weiße Kokon eingesponnen. Diesen hält es dann mit den Spinnwarzen fest. Die Eierzahl und die Größe des Eisacks (wie der Kokon genannt wird) hängen von verschiedenen Faktoren ab, die wiederum einer optimalen Anpassung an Umgebungsbedingungen dienen. Prinzipiell sind die Größe des Eisacks und die Eierzahl größer, je größer das Weibchen ist – gemessen an der Breite des Vorderkörpers. Aber weitere Aspekte spielen hinein. Unter umweltbedingtem Stress, zum Beispiel bei Nahrungsmangel oder wenn Giftstoffe den eigenen Körper belasten, produzieren die Weibchen weniger, dafür größere Eier. Letzteres ist zum Beispiel für die Belastung durch Schwermetalle nachgewiesen. Auch hier spielt dann wohl der Aspekt eine Rolle, dass lieber weniger Eier, diese dafür aber umso sicherer überleben. Andererseits produzieren Piratenspinnen unter günstigen Bedingungen auch zwei Eisäcke in einer Saison, zumindest in Mittel-und Westeuropa. Maßgeblich für günstige Bedingungen ist vor allem ein gutes Beuteangebot. Diese Schwankungen führen auch entsprechend zu einer relativ großen Populationsdynamik. In manchen mageren Jahren können Piratenspinnen ausgesprochen selten werden, nur um in den besseren Jahren dann umso häufiger zu sein.

Relativ wenig untersucht scheint der Einfluss der Außentemperatur zu sein. Eine Untersuchung aus China aus dem Jahr 2000 spricht dafür, dass höhere Außentemperaturen eine höhere Eierzahl begünstigen und auch die Brutzeit verkürzen.

Fig. 5

Fig. 5: Eine weibliche Piratenspinne mit einem Eisack, aufgenommen 2009 in Litauen. Quelle: Wikipedia bzw. Flickr / Fotograf: Lukas Jonaitis; Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en

Saisonalität

Die Piratenspinne lebt fast ausschließlich in Breitengraden mit besonders deutlichem Jahreszeitenwechsel – etwa Mitteleuropa, Nordeuropa, Sibirien und Nordamerika. Entsprechend folgt auch ihr Lebensrhythmus den Jahreszeiten. Während des Winters findet man meistens – wenn überhaupt – nur vereinzelte Jungtiere. Und auch diese nur bei mildem Wetter. In Europa trifft man die Tiere erst ab April häufig an, dann als geschlechtsreife Tiere. Die Fortpflanzungsperiode beginnt relativ bald und ab Mai sieht man viele Weibchen bereits mit einem Eisack herumrennen. Laut einer belgischen Studie aus dem Jahr 2003 steigt der Anteil von Weibchen mit Eisäcken von etwa 60 % im Mai auf über 70 % im August an. Im September hingegen sind nur noch wenige Weibchen mit Eisäcken unterwegs (nur noch 20 %). Und schon im August sind in den Eisäcken die ersten Jungen bereits geschlüpft – sie brechen dann wenig später aus dem Eisack hervor. Die erste Zeit bleiben die Jungen noch auf dem Hinterleib der Mutter sitzen, wo sie einen gewissen Schutz genießen.

Die Jungtiere durchlaufen eine relativ schnelle Wachstumsphase, je nach Wetterlage bis in den November. Danach überwintern die Tiere in geschützten Verstecken wie unter Steinen, Rinde oder Erdlöchern, um dann im nachfolgenden Jahr selber zur Fortpflanzung zu schreiten. In Jahren mit zwei Bruten kommt es zu einem weiteren Effekt: Der Nachwuchs der zweiten Brut ist im nachfolgenden Jahr noch nicht geschlechtsreif und verbringt dieses gesamte Jahr mit einer weiteren Wachstumsphase, um dann ein zweites Mal zu überwintern. Erst nach dem zweiten Winter gehen sie dann im Frühjahr selber zur Brut über. Dann sind diese Piratenspinnen aber tatsächlich größer als ihre Artgenossen aus dem Vorjahr. Zwei Bruten gibt es zumindest in Europa gelegentlich. In der Region Wuhan im zentralen China konnten sogar schon drei Bruten in einer Saison nachgewiesen werden, die vermutlich ähnliche Effekte auf Populationsdynamik und Reifung der einzelnen Individuen haben. Das in dieser Region mildere Klima scheint dort auch zu einem schnelleren Wachstum mit einer schnelleren Häutungssequenz der Piratenspinnen zu führen.

In Jahren mit besonders zahlreichem Nachwuchs wirkt sich aber auch die erhöhte Populationsdichte aus – und zwar dadurch, dass es verstärkt zu Kannibalismus kommt. Die Piratenspinnen jagen durchaus auch ihre eigenen Artgenossen, gerade wenn sie kleiner sind. Am Ende einer solchen Saison bleiben dann von den jeweiligen Bruten nur einige, dafür umso besser genährte Exemplare übrig.

Ein Fallbeispiel aus Rumänien

Bezüglich der Saisonalität der Piratenspinne muss man aber wohl ein wenig relativieren. Eine 2015 erschienene Studie zeigte, dass einige Spinnen im menschlich beeinflussten Umfeld durchaus davon abweichen können, darunter auch die Piratenspinne. Ein rumänisches Forscherteam untersuchte das Vorkommen von Wolfsspinnen im Winter rund um verschiedene Gewässer im Westen Rumäniens, die durch die Einleitung industriellen Wassers beeinflusst sind. Dazu muss man wissen, dass am Rande des Pannonischen Beckens (auch als ungarische Tiefebene bekannt) geothermale Wässer als Wärme-und Energiequelle genutzt werden. Nach der Nutzung wird dieses Wasser, immer noch erwärmt, in Kanäle und Flüsse geleitet. Auch andere industriell genutzte und dadurch erwärmte Wässer können hinzukommen. Mal ganz abseits von der Frage, ob dieses Wasser dann jeweils ausreichend geklärt wurde, ist dieses Wasser definitiv wärmer als für die Winterzeit von Natur aus üblich. Wie die Forscher zeigen konnten, beeinflusst dies durchaus die Lebenszyklen und die Saisonalität der an diesen Gewässern lebenden wasseraffinen Spinnenarten.

Speziell im Fall der Piratenspinne fanden die Forscher nicht nur zwischen November und April allgemein ausgewachsene Exemplare, die an diesen erwärmten Gewässern auf Pirsch waren. Zusätzlich fanden sie sogar ein weibliches Exemplar mit Eisack und eines mit Jungtieren auf dem Hinterleib – im Februar, bei einer Lufttemperatur von Null Grad Celsius. Beide Exemplare wurden keine zwei Meter von einem Kanal entfernt gefunden, durch den industriell genutztes warmes Wasser floss. Dieses bemerkenswerte Beispiel zeigt deutlich, dass die Piratenspinne sich auch auf ungewöhnliche, für sie aber günstige Umweltbedingungen einstellen kann.

Fig. 6

Fig. 6: Ein weiteres Piratenspinnenweibchen mit Eisack, aufgenommen 2006 in den belgischen Ardennen. Quelle: Wikipedia / Fotograf: James K. Lindsey; Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5/deed.en

Heavy Metal

Es klang bereits mehrfach an: Es sind auch Giftstoffe, die die Fruchtbarkeit und Fortpflanzung der Piratenspinne beeinflussen. Und Giftstoffe gibt es im Lebensraum der Piratenspinne leider immer noch genügend, vor allem in Europa und den USA, aber auch zum Beispiel in China – überall dort wo Industrien Schadstoffe zwangsläufig in die Umwelt eintragen. Vor allem Schwermetalle sind es, die sich im Uferschlick niederschlagen und damit bereits den Lebensraum der Piratenspinne kontaminieren. Aufgenommen werden die Schwermetalle aber auch über die Beutetiere. Näher untersucht wurden diese Mechanismen zum Beispiel auch in der Piratenspinnen-Population im Mündungsgebiet der Schelde. Drei Schwermetalle standen dort im Fokus – Cadmium (Cd), Kupfer (Cu) und Zink (Zn). Diese Schwermetalle fanden sich in den größten Mengen in den Spinnen wieder, die Bereiche des Mündungsgebietes mit größerem Salzeintrag vom Meer her bewohnten. Mit dem Salz gab es mehr Chloride im Uferschlick. Chloride erhöhen die Mobilität von Kationen an den Zellwänden, was wiederum den Eintrag von Schwermetallen ins Gewebe fördert.

Eine andere Studie im selben Gebiet, der Scheldemündung, zeigte außerdem, dass die Piratenspinne wesentlich höhere Schwermetallwerte in ihrem Körper aufweist als eine vergleichbare andere Art. Die Erklärung dafür liegt vermutlich darin, dass die Piratenspinne sehr bodenbezogen lebt und jagt. Dadurch nimmt sie mehr von den Stoffen auf, die die Umgebung kontaminieren. Dieser Zusammenhang gilt vor allem für Kupfer, Cadmium und Zink, erstaunlicherweise aber nicht für Blei (Pb). Zwar sind auch in Piratenspinnen in der Scheldemündung Pb-Kontaminationen nachweisbar. Aber sie fallen nicht höher aus als bei anderen Spinnen in diesem Lebensraum.

Die Piratenspinne ist ein vor allem in der Scheldemündung gut studiertes Beispiel für die Schwermetallproblematik in Süßwasserlebensräumen in Industrieländern. In diesen Lebensräumen sammeln sich die Schwermetalle an, sie ziehen sich durch die Nahrungskette durch und sammeln sich an deren Endgliedern. Ihre Auswirkungen können dabei vielfältig sein. Bei der Piratenspinne sind die Schwermetalle nicht in erster Linie tödlich. Doch die Fruchtbarkeit nimmt ab und die Fortpflanzungsstrategie der Tiere ändert sich von vielen Eiern zu wenigen Eiern, was langfristig die Populationsdynamik verändern kann. Auch wachsen die Jungspinnen langsamer. Kurzfristig betrachtet gleichen die Auswirkungen denen, die bei Jahren mit wenig Nahrungsangebot beobachtet werden. Nur sind diese ein kurzfristiges Phänomen, während sich die Piratenspinnen mit den Schwermetallen über lange Zeit herumschlagen müssen. Auch gewisse Verhaltensänderungen lassen sich beobachten: Normalerweise sind Piratenspinnenweibchen bei geringem Nahrungsaufkommen weniger paarungswillig. Sind sie mit Schwermetallen belastet, sind sie diesbezüglich relativ gleichgültig und passen ihr Paarungsverhalten nicht mehr dem Nahrungsangebot an. Glücklicherweise ist die Piratenspinne bisher nicht bedroht, aber ähnliche Effekte könnten bei einer selteneren Art wirklich bedrohliche Auswirkungen haben.

Fig. 7

Fig. 7: Eine männliche Piratenspinne, aufgenommen 2004 in den belgischen Ardennen. Quelle: Wikipedia / Fotograf: James K. Lindsey; Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5/deed.en

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http://de.wikipedia.org/wiki/Pirata_piraticus

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Danksagung: Noch einmal herzlichen Dank an Martin Block für die Überlassung von Bildmaterial.