Man weiß jetzt vielleicht nicht, ob Carl Linnæus sich von Anfang an bewusst war, welchen Erfolg sein Konzept der binären Nomenklatur haben würde ebenso seine Konzepte einer hierarchischen Systematik. Aber hat den Anfangserfolg dieser Konzepte noch erlebt und dafür ja auch einige Würdigungen erfahren. Er war sich dessen bewusst und genoss es. Wer ihn näher kannte erlebte daher nicht nur einen großen Naturforscher, sondern stellenweise auch einen ziemlichen Egozentriker. Man weiß relativ gut, wie sich Linnæus selber sah, bzw. Carl von Linné, wie er nach seiner Erhebung in den Adelsstand hieß. Linné war sich durchaus bewusst, dass er es geschafft hatte aus einem eher provinziellen Status den Aufstieg zu höchsten akademischen Weihen zu kommen. Und das durchaus ja mit harter Arbeit und dies verschaffte Linné großes Selbstbewusstsein. Im Buch „The Species Seekers“ schreibt Richard Conniff, dass sich Linné als Theseus sah, der griechische Held, der einen Weg durch das Labyrinth des Minotaurus fand. Linné sah sich als der Held, der der menschlichen Erkenntnis einen Weg durch das Labyrinth der Natur bahnte. Er verband dies als Sohn eines lutheranischen Pastors mit der Ansicht, dass er die geheime Ordnung in Gottes Schöpfung offenlegte und damit letzten Endes einen Gottesbeweis führte. Eine Aufgabe, die natürlich nur die besten Geister bewerkstelligen konnten, geradezu nur jemand von Gott auserwähltes und so schrieb Linné auch einmal:

„Niemand ist je ein größerer Botaniker oder Zoologe gewesen.“

Ausgehend von seiner lutheranischen Erziehung und seiner Sichtweise auf seine Arbeit als Naturwissenschaftler bewahrte sich Linné auch bestimmte Überzeugungen. Eine davon lässt sich etwa so verstehen: Jede Art wurde so wie sie ist von Gott geschaffen und unveränderlich (ein Punkt, den er später nur geringfügig aufweichen sollte). Dadurch stellte er sich nicht nur gegen jeden Evolutionsgedanken, sondern er stellte auch fest, dass man auch jetzt noch genauso viele Arten zählen könne, wie zu Beginn, als Gott sie schuf. Sprich: In seiner Vorstellungswelt verschwanden eben auch keine Arten. Sie starben nicht aus. Dieses Konzept war jedoch schon zu Linnés Lebzeiten schwerwiegend unter Druck. Denn es gab etwas kaum zu Übersehendes: Fossilien.

Geborgen aus der Erde

Es lohnt sich gelegentlich dem Ursprung der Fachwörter nachzuspüren und ein Gespür dafür zu kriegen, wie sich die Bedeutung verändert hat. Das Wort „Fossil“ ist dafür ein gutes Beispiel. In der heutigen Wissenschaft versteht man darunter die Hinterlassenschaften verstorbener Organismen, die älter als 10000 Jahre sind und daher auch üblicherweise eine größere Umwandlung ihres Zustandes erfahren haben (Kompaktionen und chemische Umwandlungen sind hier die häufigsten). Der bekannteste umgewandelte Zustand ist jener der sogenannten Versteinerung, bei dem ein Knochen oder eine Schale im Grunde eine Mineralisierung erfahren hat, bei der die ursprüngliche Substanz ersetzt wurde. Dies trifft aber nicht auf alles zu, was man unter Fossilien zusammenfasst. Zum Beispiel bei Spurenfossilien (z.B. erhaltene Fußspuren von Dinosauriern) verhält sich die Sache anders. Überreste, die jünger als 10000 bis 12000 Jahre sind, sind in aller Regel weniger stark umgewandelt und beeinflusst, sie werden maximal als subfossil bezeichnet und eher von archäologischer Bedeutung (hier endet sozusagen der Bereich der Paläontologie). Oder wie wir früher an der Uni sagten: „Das gammelt ja noch.“

Abseits von Fachkreisen hat der Begriff „Fossil“ heutzutage in der Umgangssprache auch noch eine andere Bedeutung, die sich ungefähr mit „veraltet“ oder „rückständig“ umreißen lässt. Doch ganz ursprünglich hatte der Begriff eine viel weitergehende Bedeutung. Der ursprüngliche Begriff ist das lateinische „fossilis“, welches sich mit „ausgegraben“ übersetzt. Und in der Tat war noch bis vor wenigen Jahrhunderten genau das die Bedeutung des Begriffes Fossil oder (im Plural) Fossilien: Man bezeichnete damit so ungefähr alles, was man aus der Erde ausgebuddelt hatte. Das konnte ein Stein oder ein Knochen oder eine Wurzel sein. Völlig egal. Ein Beispiel dafür ist zum Beispiel Georg Bauer (1494-1555), ein sächsischer Arzt, Apotheker und humanistischer Naturkundler im besten Sinne der Renaissance, der besser unter seinem selbstgewählten latinisierten Namen Georgius Agricola bekannt ist. Agricola war tatsächlich eine Art Universalgelehrter, der sich in so verschiedenen Feldern wieder Pädagogik, der Medizin und der Philosophie hervortat. Aber berühmt wurde er dafür, die ersten systematischen Arbeiten in der Bergbaukunde und damit zusammenhängend einige der ersten Werke über geologische Grundlagen verfasst zu haben. In diesen Werken verwendet Agricola den Begriff „Fossil“ auf alle ausgegrabenen Kuriositäten, wie man das damals nannte. Darunter verstand man alte Artefakte etwa aus der Antike, interessante Gesteine und Kristalle, Konkretionen usw. Eines seiner Werke über Mineralien nannte Agricola im Jahre 1546 sogar „De natura fossilium“.  Dass sich der Begriff „Fossil“ auf die heutige Bedeutung als Überrest von einst lebenden Organismen einengte dauerte jedoch keine 300 Jahre. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff so verwendet. Viel verworrener war jedoch die Frage, was diese Überreste uns eigentlich über die Vergangenheit der Erde sagen.

Fig.1


Fig. 1: Das Denkmal zu Ehren von Georgius Agricola in seiner Heimatstadt Glauchau. Quelle: Wikipedia; Foto von André Karwath; https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5/deed.en

Von Wundern…

Schon in der Antike ging die Deutung der Fossilien auseinander. Die eine Schule ordnete Fossilien nicht als die Überreste von Organismen ein, sondern als willkürliche Bildungen im Gestein, häufig bezeichnet als „lusus naturae“, übersetzt „Launen der Natur“. Die Redewendung gibt es ja bis heute. Einige namhafte griechische Philosophen folgten dieser Deutung, darunter sogar Aristoteles, der in der Zoologie sonst eher für seine sehr genauen biologischen Arbeiten und ersten Systematisierungsversuche bekannt ist. Die Ursache für diese „Naturspiele“ blieb natürlich im Dunkeln. Teilweise führte man es direkt auf göttlichen Einfluss zurück, dann wieder wurden entsprechende formende Kräfte angenommen, von einer „vis formativa“, die von außerhalb ins Gestein wirkt (etwa durch die Gestirne), bis hin zu einer „vis plastica“, die dem Gestein selbst innewohnt. Für uns heute mag dies alles sehr esoterisch klingen, doch von der Antike bis ins Mittelalter hatten die meisten Menschen eine Sicht auf die Natur, die frei von Unterscheidungen wie „anorganisch“ und „organisch“ war und damit viel mehr Platz ließ für quasi magische Erscheinungen. Der Reiz der Fossilien lag für viele Menschen daher vor allem in ihrer optischen Ästhetik, sicherlich ein Grund, der viele frühe Naturphilosophen dazu verleitete, eigene Sammlungen anzulegen. Vor allem in der Renaissance kamen die ersten Naturalienkabinette auf, in der ihre Eigner stets auch zahlreiche Fossilien sammelten. Diese oft noch sehr laienhaften Sammlungen kann man durchaus als Vorläufer späterer systematischerer naturwissenschaftlicher Sammlungen sehen.

Als ein Beispiel eines sammelnden Universalgelehrten jener Zeit, der Fossilien noch als „Naturspiele“ sah, möchte ich hier den Italiener Michele Mercati (1541-1593) kurz vorstellen. Als Sohn eines Arztes studierte er selber Medizin und Philosophie und betätigte sich als Botaniker und Mineraliensammler. Mercati war der erste Naturforscher, der Steinwerkzeuge früher Menschen nicht nur sammelte, sondern auch als Steinwerkzeuge erkannte. Er hatte enge Bindungen zum Vatikan, war Freund mehrerer Kardinäle und Päpste. Während der Regentschaft von Papst Pius V. (1566-1572) wurde Mercati Präfekt für die päpstlichen Gärten, eine Stellung, die er bis zu seinem Tode behielt. In den Gärten wurden Arzneipflanzen gezüchtet, Mercati baute sie zum Botanischen Garten des Vatikans aus. Daneben schuf Mercati durch seine eigene Sammeltätigkeit eine vatikanische Sammlung von „Kunst und Wunderdingen“, die „Kunst-und Wunderkammer“. Darin befanden sich auch zahlreiche Fossilien, neben normalen Mineralien und anderen Artefakten. Darüber verfasste er ein Werk, das leider erst posthum 1717 veröffentlicht wurde: die „Metallotheca Vaticana“. Darin finden sich auch Mercatis Ansichten zum Ursprung der Fossilien. Er bezeichnet sie als Scherze der Natur, als reine Bilder, die Pflanzen und Tieren und menschlichen Werken nachempfunden seien. Mercati beschreibt diese Scherze der Natur so:

„Von den Pflanzen malte sie Blätter, Früchte und Ästchen im Gestein, von den Tieren grobumrissene und dann auch vollständigere Exemplare, um sich dann ohne Scheu auch der menschlichen Gestalt zu nähern, von der sie Gliederteile, Zunge, Herz und die Geschlechtsteile wiedergab.“

Und:

„Im Unterschied zu den wirklichen Lebewesen ließ die Natur an den Fossilien einige Teile weg oder fügte andere hinzu. Bei den Schlangensteinen ließ sie den Kopf weg, die Ammonshörner hüllte sie in Blätter.“

Solche Ansichten hielten sich noch sehr nahe, gelegentlich mit zusätzlichen Stilblüten, um gewisse Beobachtungen zu untermauern: So gibt es Fälle, in denen Flecken auf fossilen Knochen als eine Art Samen oder Keim gedeutet wurden, aus dem das ganze Fossil erwuchs (so zum Beispiel bei Mammutknochen, die man 1700 im württembergischen Cannstatt fand). Anderen Naturkundlern fiel auf, dass bestimmte Fossilien nur in bestimmten Schichten vorkamen. Daraus schlossen sie, dass unterschiedliche Gesteine mit ihrer „vis plastica“ ihnen jeweils eigene Sorten Fossilien erschufen.

Fig. 2

Fig. 2: Ein Porträt von Michele Mercati, ein Stich von Petrus Nellus, aus der „Metallotheca Vaticana“. Quelle: Wikipedia.

…und Sündern

Der Deutung von Fossilien als reine Naturspiele, die nur zufällig den Überresten von Organismen ähneln, stand schon früh eine andere Deutung gegenüber: Nämlich, dass es sich tatsächlich um die Überreste einstmals lebender Wesen handelte. Schon im alten Griechenland vertraten verschiedene namhafte Philosophen wie Xenophanes von Kolophon (6. Jahrhundert v. Chr.) diesen Ansatz. Der altgriechische Geschichtsschreiber und Geograf Herodot (5. Jahrhundert v. Chr.) lieferte sogar nicht nur eine der ersten Erwähnungen von Fossilien als Überresten toter Organismen, sondern gleich eine zutreffende Schlussfolgerung bezüglich der Geografie mit. In seinen Ausführungen über Ägypten im 2. Buch seiner Historien schrieb Herodot:

„Was nämlich zwischen den genannten Höhenzügen liegt, von der Gegend oberhalb Memphis an, davon hatte ich den sicheren Eindruck, dass es einstmals ein Meerbusen war, gleich wie das Land um Ilion und wie Teuthrania und Ephesos und die Ebene des Mäander, um einmal dies Kleine mit dem Großen zu vergleichen. (…). Was also Ägypten betrifft, so schenke ich denen, die das sagen, Glauben und komme von mir aus durchaus zu der Meinung, dass dem so ist, wenn ich sehe, einmal dass Ägypten vorragt vor dem anschließenden Land, dann dass Muscheln zutage treten auf den Höhen und Salzausscheidungen aufblühen, die sogar die Pyramiden anfressen, und dass Sand allein im ägyptischen Gebirge oberhalb von Memphis auftritt.“

Hinter der verschachtelten Sprache von Herodot steht seine Erkenntnis, dass Teile Ägyptens tatsächlich einmal Meeresboden waren, wozu er neben geologischen Kennzeichen (z.B. bestimmte Sandablagerungen) auch Muscheln anführt, die man bei den Pyramiden gefunden hat. Bei diesen Muscheln handelte es sich um Nummuliten, die Schalen von großen Einzellern aus der Gruppe der Foraminiferen. In der Tat finden sich diese zahlreich in den Gesteinen rund um die Pyramiden, und auch in den Steinblöcken dieser Bauwerke selber! Und in der Tat hatten sie einst in marinem Milieu gelebt. Herodots Schlussfolgerung war so gesehen absolut richtig. Übrigens stellte sich Herodot vor, dass es der Nil war, der die einstige Meeresbucht mit der Zeit zugeschüttet hatte.

Solcherlei Deutungen von Fossilien halten sich parallel zu den bereits zitierten „anorganischen“ Deutungen über Jahrhunderte hinweg, ohne dass eine dieser Ansichten zu einer dominierenden geworden wäre. Dies gilt selbst dann noch, als im Mittelalter christlich geprägte Deutungen der Welt in Europa dominant werden. Mal sind die Naturkundigen der Meinung, es mit „Naturspielen“ zu tun zu haben, mal akzeptieren sie die Fossilien als die Reste von echten Lebewesen. Viel explosiver für das Welt-und Selbstverständnis wurde ab dem Mittelalter die Frage, wie es dazu kam, dass sich solche Überreste toter Organismen erhielten. Schließlich stand ja in der Bibel aus christlicher Sicht die komplette Vorgeschichte und woher auch immer die Fossilien kamen, es musste sich damit in Einklang bringen lassen. Die naheliegende Standarderklärung zu jener Zeit: Fossilien sind die letzten Spuren der Sintflut. Davon abweichende Deutungen gab es zunächst wenige. Zum Beispiel bei Leonardo da Vinci (1452-1519). Das berühmte Universalgenie kam immer wieder mit Fossilien in Kontakt. Schon in seiner Jugendzeit, als er von dem Künstler Andrea del Verrocchio (1435-1488) gefördert und ausgebildet wurde, unternahm er von Florenz aus lange Wanderungen, bei denen er auch Fossilien aufsammelte. In seinen späteren Jahren fielen ihm fossile Muscheln, Schnecken und Fische auf, die bei Bauarbeiten an Kanälen in der Lombardei zu Tage gefördert wurden. 1505 machte er deshalb in seinen Tagebüchern einige in Spiegelschrift verschlüsselte Notizen zu dem Thema. Leonardos Gedanken über den Ursprung dieser Reste ließen an Scharfsinn nichts zu wünschen übrig: Er interpretierte sie als die Überreste von Tieren, die in einem Meer gelebt haben, das einmal die Lombardei bedeckt hatte. Die Schalen und toten Fische wurden von Schlamm umgeben, dieser drang auch in die Schalen ein. Dann verhärtete der Schlamm zu Stein und als sich die organischen Reste auflösten, blieben die Hohlräume als perfekte Abdrücke zurück. Besser hätte Leonardo eine der häufigsten Erhaltungen von Fossilien nicht skizzieren können. Er erkannte sogar, dass manche Hohlräume sekundär ausgefüllt worden waren, was einen perfekten Abdruck des Hohlraums und damit ein heute als Steinkern bezeichnetes Fossil ergab. Vor allem aber lehnte Leonardo es ab, diese Überreste auf die Sintflut zurückzuführen. Es handelte sich aus seiner Sicht um marine Lebewesen, die in dem Meer umkamen, in dem sie auch lebten und welches es nun nicht mehr gab. Wären die Organismen Opfer der Sintflut gewesen, hätte man keine marinen Arten gefunden, da die Sintflut ja auf Regenfälle zurückging. Diese hätten eher Landorganismen ins Meer gespült, nicht umgekehrt Meerestiere an Land. Außerdem hätte man in dem Fall wenn überhaupt marine und landgebundene Arten durcheinandergemischt vorgefunden, was aber nicht der Fall war. Des Weiteren führte Leonardo Felsen in den Bergen der Lombardei an, die erkennbar Korallenreste aufwiesen. Diese waren offenkundig fest angewachsen und kaum durch eine Sintflut zu erklären. Seine Argumente waren größtenteils durchaus zutreffend und führten ihn eindeutig auf den richtigen Weg. Leider wagte er es nicht, seine Überlegungen öffentlich zu machen. Erst viel später erkannten heutige Wissenschaftler seinen Weitblick. So blieb die Sintflut noch die nächsten 350 Jahre im Gespräch und galt auch noch in der Zeit der Aufklärung lange als ein mögliches Erklärungsmodell.

Fig. 3

Fig. 3: Eine Büste von Herodot. Es handelt sich um die römische Kopie eines griechischen Originals aus dem 2. Jahrhundert nach Christus. Heute ist sie in der Stoa des Attalos in Athen ausgestellt, eine heute als Museum genutzte hellenistische Wandelhalle. Quelle: Wikipedia;  https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en

Ein berühmter Vertreter der Sintflut-These war Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733). Scheuchzer stammte aus Zürich, sein Vater war Arzt und unterrichtete seinen Sohn schon früh in Naturwissenschaften. Als Scheuchzer 16 war, starb sein Vater und Scheuchzer musste sich eine Weile autodidaktisch weiterbilden. Ab 1692 konnte er endlich für einige Jahre Medizin studieren, worin er 1694 in Utrecht seinen Abschluss machte. Schon im Jahr darauf konnte er in Zürich einen Arztposten übernehmen, außerdem wurde er Direktor der Bürgerbibliothek und der Kunst-und Naturalienkammer. Letztere war so etwas wie ein Kabinett für allerhand bemerkenswerte Objekte aus der Natur. So kam es dazu, dass Scheuchzer nicht nur als Arzt praktizierte, sondern auch zu den frühen Naturforschern zählte. Er setzte sich für sorgsame Beobachtungen, das Belegen von Schlussfolgerungen und allgemeine Bildung ein. Eines seiner Steckenpferde war die Widerlegung von lokalen Volksmärchen. 1701 schrieb er das erste Physikbuch in deutscher Sprache. Scheuchzer begann auch als einer der ersten mit Wetterbeobachtungen, um daraus Wetterberichte zu verfassen. Und als erster ermittelte er Höhen mit Hilfe barometrischer Instrumente. Will sagen: Wenn Scheuchzer auch heute der Allgemeinheit nicht mehr ein solcher Begriff ist wie zum Beispiel Leonardo da Vinci, so hat er doch seinen festen Platz in der Geschichte von Aufklärung und früher Naturkunde. Scheuchzer bereiste weite Teile Mitteleuropas und interessierte sich vor allem auch für Fossilien. Zahlreiche Publikationen Scheuchzers befassen mit den Fossilfunden jener Zeit in der Schweiz und aus Deutschland. Scheuchzer versuchte eine Einordnung dieser Funde ins allgemeingültige Weltbild. Die Deutung als „Naturspiel“ gab er schon früh auf und ging dann dazu über, die Fossilien als Zeugen der Sintflut zu deuten. Dies schlägt sich zum Beispiel in den Titeln mancher Arbeiten Scheuchzers nieder. 1709 zum Beispiel brachte er eines der ersten paläobotanischen Werke heraus, „Herbarium diluvianum“ – als Diluvium bezeichnete man die Sintflutzeit, abgeleitet vom lateinischen Wort für Überschwemmung. In diesem Werk bildete er auf 14 Tafeln Pflanzenfossilien ab.

Für uns ist hier natürlich Scheuchzers Tätigkeit in Bezug auf Tierfossilien interessant. 1726 beschrieb er zum Beispiel ein fossiles Skelett, gefunden unweit Öhningen im Bodenseegebiet, von rund einem Meter Größe. Es zeigte einen rundlichen Schädel mit zwei großen Augenhöhlen und einer Wirbelsäule. Scheuchzer nannte es Homo diluvii testis, also in etwa „Mensch, Zeuge der Sintflut“. Für Scheuchzer waren es die Überreste eines in der Flut ertrunkenen Sünders. Es sollte fast hundert Jahre dauern, bis der französische Naturforscher Cuvier (mehr zu ihm gleich) in dem Fossil die Reste eines Riesensalamanders erkannte. Schon viel früher hatte sich Scheuchzer mit Funden aus dem Kupferschiefer befasst, einer in weiten Teilen Deutschlands immer wieder anstehenden Gesteinsformation, aus der man Kupfer und andere Erze gewinnen konnte. Zu der Zeit Scheuchzers verdienten sich die Bergleute längst extra was hinzu, indem sie Gesteinsplatten aus dem Kupferschiefer mit darauf erhaltenen Fossilien an interessierte Händler und Sammler verkauften. Ja, es gab damals tatsächlich schon so etwas wie einen kleinen Kuriositätenabsatzmarkt im Land, der in jenen akademischen und adligen Kreisen, die eigene Naturalienkabinette aufbauten, einen festen Kundenstamm hatte. 1708 veröffentlichte Scheuchzer „Piscium querelae et vindiciae“, worin er sich vor allem mit Fischfossilien als Zeugen der Sintflut beschäftigte, darunter einige aus dem Kupferschiefer. Eine Abbildung darin sticht jedoch hervor, weil sie keinen Fisch zeigt, sondern einen Skelettrest, der zwei Jahre zuvor im thüringischen Kupfersuhl aus dem Kupferschiefer geborgen wurde. Allerdings beließ es Scheuchzer bei einer Skizze.

Der sächsische Mediziner Christian Maximilian Spener (1678-1714) veröffentlichte noch einmal zwei Jahre später (1710) eine genauere Beschreibung des Stücks. Er hatte die Reste als die eines Reptils erkannt und beschrieb sie als „metallisiertes“ und „versteinertes“ Krokodil. Historisch ist Speners Publikation bedeutsam, stellt sie doch die erste genauere Beschreibung eines fossilen Reptils aus Deutschland dar. Später wurde die betreffende Art nach Spener benannt (ein Exemplar dieses Reptils findet sich in der Schnappschuss-Rubrik abgebildet: Protorosaurus speneri).

Fig. 4

Fig. 4: Ein Porträt Johann Jakob Scheuchzers des Künstlers Hans Ulrich Heidegger (1700-1747) aus dem Jahr 1734. Quelle: Wikipedia; Zentralbibliothek Zürich.

Fig. 5

Fig.5: Scheuchzers Zeichnung eines Skeletts, das er für die Reste eines in der Sintflut ertrunkenen Sünders hielt. Es stellte sich später als das Fossil eines Riesensalamanders heraus. Quelle: Wikipedia.

Bereits einige Zeit vor Scheuchzers Wirken hatte der dänische Arzt und Naturforscher Niels Stensen, besser bekannt unter seinem latinisierten Namen Nicolaus Steno (1638-1686), quasi offiziell dargelegt, dass Fossilien die Überreste von einstmals lebenden Organismen sind. 1667 veröffentlichte er die Abhandlung „Canis carchariae dissectum caput“, in der er sogenannte Zungensteine mit den Zähnen heutiger großer Haie verglich und dabei zeigen konnte, dass die Zungensteine von ihrer ganzen Struktur her eindeutig ebenfalls einstige Haizähne waren. Dies ist nur eine der wenigen naturwissenschaftlichen Durchbrüche, mit denen Steno sich in der Geschichte der Wissenschaften verewigt hat. Auch andere grundlegende Erkenntnisse im Bereich der Geologie gehen auf ihn zurück: Er erkannte als einer der ersten das Bildungsprinzip der meisten Sedimentgesteine durch die Ablagerung von Material durch Wasser. Er schlussfolgerte auch, dass üblicherweise die untersten Schichten einer Abfolge auch die ältesten sein müssten. Auch in der Anatomie leistete Steno wichtige Arbeiten (so gelang es ihm zum Beispiel Lymphknoten von Drüsen zu unterscheiden). Für uns heutige Menschen muss es vor diesem Hintergrund kurios erscheinen, dass sich Steno noch in späteren Jahren zu einer kirchlichen Laufbahn hingezogen fühlte. Im selben Jahr, in dem er die Natur der Zungensteine bewies, trat er zum Katholizismus über. Zeitweise bereiste er Südeuropa und während eines Aufenthalts in Florenz verfasste er eigene theologische Schriften. 1672 bis 1674 nahm er noch einmal einen Posten in Kopenhagen an, auf Wunsch des dänischen Königs, doch es waren dann doch zu viele Spannungen aufgrund Stenos Katholizimus. So kehrte Steno nach Italien zurück und schlug endgültig einen geistlichen Lebensweg ein, bei dem er die Bischofsweihe empfing und der ihn nach Münster, Hamburg und Schwerin führen sollte.

Aber solche Lebenswege sind um diese Zeit eben nicht verwunderlich. Trotz aller Konflikte zwischen Wissenschaft und Religion während der Aufklärung, waren beide zugleich noch lange stark miteinander verbunden. An dieser Stelle sei auch daran erinnert, dass ja auch Carl von Linné aus einer Familie mit frommer Tradition stammte. Stenos und Scheuchzer und Spener stehen für die Generationen von Naturforschern, in denen der Übergang von der stark mit Mythologie verquickten Überlieferung zur empirischen Naturwissenschaft in vollem Gange war. Dies gilt auch noch für Carl von Linné, auch wenn seine Forschergeneration schon einen Schritt weiter war. Zu seiner Zeit war längst allgemein anerkannt, dass Fossilien die Überreste von Organismen sind.

Gottes bleibende Schöpfung

Linnæus (nochmal: der spätere Linné) selber war es, der auch fossile Arten in seine Nomenklatur aufnahm. Bereits vor der 10. Auflage von „Systema Naturae“ (und damit vor dem Start der Nomenklatur), beschrieb er zum Beispiel einen Trilobiten und bezeichnete ihn mit der Zeile: „paradoxus. 3. Entomolithus Monoculi“. In „Systema Naturae“ beschrieb er die Art dann nicht noch einmal, allerdings in einem anderen Werk aus dem Jahre 1759. Dort nannte er das Fossil Entomolithus paradoxus. Schrägerweise nahmen aber alle späteren Bearbeiter an, dass der Name durch seinen Ursprung vor Start der offiziellen Nomenklatur invalide wäre. Deshalb wurde er praktisch nicht mehr benutzt. Spätere Bearbeiter benannten die Art um, und irgendwann, schon im 20. Jahrhundert, wurde von der ICZN (der Institution, die über die Einhaltung der nomenklaturischen Regeln in der Zoologie wacht) entschieden, den von Linnæus vergebenen Namen zu unterdrücken, weil seine „Wiedereinführung“ zu viel Verwirrung gestiftet hätte. Die unter dem damaligen Namen geführten Fossilien werden heute u.a. zur Gattung Paradoxides gestellt.

Als sich in den Jahren ab 1758 das Benennungssystem nach Linnæus durchsetzt, begannen auch andere Naturforscher die ihnen vorliegenden Fossilien entsprechend zu beschreiben und zu benennen. Neben dem Begriff Fossil wurde dabei auch häufig der Begriff der Petrefakten verwendet, um auszudrücken, dass es sich meistens um Versteinerungen handelte. Auf diese Weise wurden die Fossilien endgültig und auf breiter Front als die Reste toter Organismen anerkannt. Allerdings gingen Linnæus und seine Mitstreiter davon aus, dass die Arten als solche durchaus noch existierten. Es war undenkbar, dass Gott seine eigene Schöpfung zerstört haben sollte. Selbst vom sündigen Menschen hatte er bei der Sintflut Noahs Familie überleben lassen. Und Noah hatte ja schließlich den Auftrag gehabt, von jeder Art ein Paar zu retten. Das eine ganze Art komplett ausgelöscht werden konnte war völlig undenkbar. Der Tod mochte für Individuen gelten, aber nicht für eine ganze Spezies. Aus Sicht dieser Forschergeneration war eine Art faktisch unsterblich.

Der Gedanke mag für uns heutige etwas abenteuerlich klingen. Doch im 18. Jahrhundert hatte diese Sichtweise durchaus eine gewisse Logik. Man konnte vollkommen nachvollziehbar argumentieren, dass es die fossil belegten Arten ja irgendwo noch geben könnte. Was heißt es schon, dass ein Trilobit oder ein Ammonit in Europa noch nie lebend gesehen wurde? Es war das Zeitalter der Entdeckungen, große, kleine und kleinste Expeditionen und Entdeckungsreisen entdeckten ständig neue Inseln, Küstengebiete und innere Landstriche. Allen war bewusst, dass die Erde noch nicht vollständig kartiert war und aus jedem neu erschlossenen Gebiet wurden hunderte neue, zum Teil kuriose Arten vermeldet. Es war vollkommen im Bereich des Möglichen, dass sich in einem noch nicht kartierten Gebiet der Erde dann schließlich auch die Arten leben wiederfanden, die man bislang nur fossil kannte. Dieser Gedanke sollte sich durchaus noch sehr lange als Teil der Allgemeinbildung halten. Er lebte noch Ende des 19. Jahrhunderts fort. 1864 spielte Jules Verne in seiner Geschichte „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (Original: „Voyage au centre de la terre“) mit dieser Überlegung, als er seine Helden im Erdinneren auf nur fossil bekannte, eigentlich ausgestorbene Tiere und Pflanzen treffen lässt. Und noch 1912 griff Arthur Conan Doyle den Gedanken wieder auf, als er „Die Vergessene Welt“ (Original: „The Lost World“) veröffentlichte. Die Protagonisten finden in dieser Geschichte bisher für ausgestorbene gehaltene Tierarten auf einem abgelegenen Plateau im Dschungel von Südamerika. In der Wissenschaft freilich hatte man sich da schon längst von dieser Idee verabschiedet.

Fig. 6

Fig. 6: Eine der berühmtesten Abbildungen aus Stenos Abhandlung, mit der er 1667 nachwies, dass sogenannte Zungensteine in Wirklichkeit versteinerte Haizähne sind – und daher auch die exakte Form von Zähnen lebender Haie haben. Quelle: Wikipedia.

Vom Artentod

Cuvier. Es gibt in jedem Wissenschaftszweig wenige Namen, die von fundamentalem Klang sind. Linné. Darwin. Hennig. Jeder von ihnen stand für eine Revolution in den biologischen Wissenschaften. Linné gab uns das Namenssystem. Darwin gab uns die Erkenntnis vom Wandel ohne Gott. Hennig ordnete die Systematik neu und führte uns zum Kontinuum. Es fehlt der vierte Name. Cuvier. Er führte uns zum Artentod. Zum Aussterben. Zur Katastrophe. Der erste Schritt weg von der ursprünglichen göttlichen Ordnung im Selbst-und Weltverständnis der westlichen Zivilisation. Vor Cuvier gab es die Gewissheit einer sozusagen ewigen Stabilität der Schöpfung. Abgesichert von Gott, der nicht einmal bei der Sintflut die völlige Auslöschung riskierte. Nach Cuvier war klar, dass jede, JEDE Existenz grundsätzlich zur Disposition gestellt werden konnte (und, Hand aufs Herz, wird). Auch Arten sind endlich, können sterben, ausgelöscht werden.

Soviel zur pathetischen Einleitung. Nun zur Person. Georges Cuvier (1769-1832) wurde in Mömpelgard geboren (heute gehört der Ort als Montbéliard zu Frankreich), damals noch als Jean-Léopold-Nicholas Küfer. Erst später übernahm er den Vornamen Georges um seines 1767 verstorbenen zweijährigen Bruders zu gedenken, den er ja nie getroffen hatte. Seinen Nachnamen trug er die meiste Zeit seines Lebens in der französischen Version Cuvier. Er stammt aus einer Familie lutherischer Konfession, als Sohn eines Offiziers. Schon als Kind interessierte sich Cuvier für naturwissenschaftliche Themen. Sobald er lesen konnte, vertiefte er sich in das monumentale Werk „Histoire naturelle, générale et particulière“ des damals sehr bedeutenden französischen Naturforschers Georges-Louis Leclerc de Buffon (1707-1788), welches damals als eine Art Standardwerk gesehen werden konnte. Als Cuvier 12 war begann er damit seine eigene Naturaliensammlung anzulegen. Nur drei Jahre später ging er nach Stuttgart zum Studium an der Hohen Karlsschule, eine Kaderschmiede des württembergischen Hofes, um die Zöglinge angesehener Familien zu loyalen Gefolgsleuten auszubilden. Diese Akademie war berüchtigt für ihre autoritären Methoden, es galt Uniform-und Perückenzwang. Hier verbrachte Cuvier vier Jahre und belegte vor allem Kurse im Bereich Jura und Ökonomie. Nebenbei freundete er sich mit dem deutschen Mediziner Carl Friedrich Kielmeyer an, der Cuvier beibrachte, wie man seziert. Kurz vor dem Abschluss an der Hohen Karlsschule wurde Cuvier außerdem zum Chevalier ernannt, ein Titel, der ihm Zugang zu höheren Kreisen gestattete. Nach seinem Abschluss ging Cuvier nach Frankreich – und landete genau in den Wirren der ausbrechenden Revolution. Er zog es vor, besser etwas abseits der Brennpunkte der Unruhen unterzukommen und nahm eine Anstellung als Hauslehrer bei einer Adelsfamilie in der Normandie an. Dort hatte er dann auch ausreichend Ruhe, um sich mit eigenen naturkundlichen Studien zu befassen. So sammelte er Meerestiere an der Küste und unterzog sie sorgfältigen anatomischen Untersuchungen. Sein Karrieredurchbruch kam aber erst 1795: Auf Empfehlung des namhaften Zoologen Étienne Geoffroy Saint-Hilaire wurde er ans erst kürzlich gegründete Muséum national d’histoire naturelle berufen. Hier konnte er forschen und lehren. Vor allem im Bereich der Zoologie hielt er Vorlesungen. Schnell fielen seine Fähigkeiten im Bereich der Anatomie und der Systematik auf. Als Geoffroy Saint-Hilaire die napoleonische Expedition nach Ägypten begleitete, übernahm Cuvier viele von dessen Pflichten und Aufgaben in der zoologischen Abteilung des Museums. Im Jahre 1800 wurde dies durch eine Professur in der Zoologie belohnt. Längst hatte Cuvier angefangen zu publizieren, darunter ein Zoologielehrbuch. Seine Königsdisziplin wurde die vergleichende Anatomie, um die Verwandtschaft verschiedener Lebewesen herauszufinden. Besonders faszinierten ihn auch Fossilien und er wandte seine anatomischen Kenntnisse an, um die fossilen Arten besser zu verstehen – ihre Verwandtschaft, ihr Aussehen, ihre Lebensweise. Binnen eines Jahrzehnts wurde er zum vielleicht berühmtesten und angesehensten Zoologen und Anatomen seiner Zeit. Seine Vorträge, bei denen er aus nur wenigen Knochen ein ganzes Tier rekonstruierte, trugen zu seinem Ansehen als Genie und höchste wissenschaftliche Autorität bei. Entsprechend wurde er Mitglied in vielen wissenschaftlichen Gesellschaften, selbst in der britischen Royal Society. Die Regierung Napoleons unterstützte Cuviers Forschungen, im Gegenzug übernahm Cuvier die Reorganisation akademischer Institutionen in den von Frankreich beherrschten Gebieten in den Niederlanden, Deutschland und Italien. 1811 wurde Cuvier für seine Verdienste zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Auch als Napoleon endgültig entmachtet war, blieb Cuvier in der Wissenschaft aktiv und angesehen. Er publizierte grundlegende Werke zur Anatomie verschiedener Tiergruppen, beschrieb zahlreiche Arten und baute das Museum für Naturgeschichte in Paris zu einer führenden Institution aus. Mit seiner Frau, die er 1804 geheiratet hatte, hatte er vier Kinder, zusätzlich zu den vier Kindern, die sie aus einer früheren Ehe (sie war Witwe) mitbrachte. 1832 starb Cuvier schließlich an der Cholera. Erst kurz zuvor war er zum Baron erhoben worden.

Fig. 7

Fig. 7: Ein Porträt von Georges Cuvier, angefertigt durch James Thomson (1789-1850). Quelle: Wikipedia.

Soweit erstmal zum Hintergrund von Cuvier. Der Mann ist von seinem fachlichen Wirken her selbst aus der Retrospektive außergewöhnlich. Und das wurde schon zu seinen Lebzeiten anerkannt – ein wichtiger Umstand, denn nur ein Forscher eines solchen Formates konnte das Dogma, dass Arten unsterblich sind, vom Sockel stürzen. Für Cuvier war es schlicht ein konsequentes Weiterdenken des Umstandes, dass fossile Arten zum Teil sehr unterschiedlich von heutigen Arten waren, zum Teil noch unterschiedlicher als man dies zuvor wahrhaben wollte. Außerdem bekam Cuvier schnell große Zweifel daran, dass die Annahme, irgendwo würden die fossilen Arten schon noch leben, zu halten ist. Der Tag, an dem er das Faktum des Aussterbens ins Bewusstsein der Welt brachte, war dann schließlich der 21. Januar 1796. Cuvier hatte sich zuvor intensiv mit der Anatomie von Elefanten aus Afrika und Asien befasst, außerdem mit der Anatomie sibirisch-europäischer Mammuts und den in Nordamerika gefundenen Knochen des Mastodons. Dabei konnte er nicht nur auf die in Paris vorhandenen naturkundlichen Sammlungen zurückgreifen, sondern auch auf die Bestände aus Ländern, die von französischen Truppen in den Jahren zuvor erobert worden waren, allen voran den Niederlanden. Zuvor hatten viele Naturforscher die Elefanten als ziemlich einheitliche Art betrachtet. Auch bei den fossilen Rüsseltieren hatte man sich noch keine große Mühe gemacht, sie von den heutigen Elefanten zu unterscheiden. Mammute in Sibirien hielt man einfach für große weit nördlich lebende Elefanten und selbst das amerikanische Mastodon war von Robert Kerr (1755-1813) noch als Elephas americanum beschrieben worden. Damit hatte Kerr diese Art in die gleiche Gattung wie den Asiatischen Elefanten (Elephas maximus) gestellt, der von Linnæus als einzige Elefantenart aufgestellt worden war. An jenem 21. Januar räumte Cuvier mit diesem sehr einheitlichen Bild auf. Er betrat das Rednerpodium im Institut National des Sciences et Arts. Er war noch jung, gerade 26 Jahre alt und mit seinen wilden rötlichen Haaren eine auffallende Erscheinung. Doch nun sollte er mit seinem Vortrag beeindrucken. Er führte anatomisch genau aus, dass die Elefanten in Asien und Afrika sehr deutliche Unterschiede haben und daher besser als verschiedene Arten zu betrachten wären. Doch damit nicht genug: Er stellte massive Unterschiede zwischen heutigen Elefanten und den nur von Knochen bekannten Mammuts und Mastodons fest (1806 sollte er dazu auch ordentlich veröffentlichen). Seine Schlussfolgerung: Es handelte sich um sehr eigenständige Formen, die man nicht bei den heutigen Elefanten, lediglich in ihrer Verwandtschaft einordnen konnte. Diese fossilen Formen waren an spezifische Lebensumstände angepasst, die man mit denen in den Tropen nicht vergleichen konnte. Schließlich kam Cuvier zum wichtigsten Punkt: Diese Tiere waren so groß, dass man es für ausgeschlossen halten könne, dass sie noch irgendwo leben! Denn davon hätten sicherlich die nomadischen Völker Nordasiens und Nordamerikas längst berichtet! Für Cuvier gab es daher nur eine Schlussfolgerung: Mastodonten und Mammuts waren – ausgestorben.

1796 war dies eine ungeheuerliche Behauptung. Doch Cuvier schaffte auch in den nächsten Jahren weitere Beweise dafür heran, dass es viele fossile Arten tatsächlich nicht mehr gab. Außerdem versuchte er zu erklären wie es dazu kam. Erst einmal zur Evidenz: Zahlreiche fossile Arten waren aus Cuviers Sicht offenkundig so unterschiedlich zu allem heutigen, dass sie etwas ganz eigenes, nicht mehr Existentes darstellten. Es blieb ja nicht bei Mastodonten und Mammuts. Im Laufe der Jahre befasste sich Cuvier mit einem großen Schädel eines marinen Reptils aus Maastricht (heute zur Gattung Mosasaurus gestellt), einem seltsamen filigranen Fossil aus dem Altmühltal (heute zu Pterodactylus gestellt) und vielen anderen ähnlich fremdartigen Fossilien. Über 10 Jahre nach seinem Vortrag über die Rüsseltiere untersuchte Cuvier die fossilen Faunen im Pariser Becken und konnte zeigen, dass es insgesamt siebe total unterschiedliche fossile Faunen gab, jede davon auf ihre eigene Sedimentschicht begrenzt. Seine Schlussfolgerung: Jedes Mal starb die gesamte Fauna aus und wurde durch eine neue ersetzt. Nur: Wodurch?

Katastrophen

Cuviers Antwort auf die Ursache des Aussterbens war komplex. Natürlich war ihm nicht als einzigem aufgefallen, dass jede Sedimentschicht eine eigene fossile Fauna hatte. Doch anderen Forschern war auch aufgefallen, dass die jüngsten Sedimentschichten durchaus auch Arten enthielten, die den heutigen sehr ähnlich waren. Anders gesagt: Mammuts waren einem Elefanten dann doch ähnlicher als zum Beispiel der wesentlich ältere Pterodactylus auch nur irgendeinem heutigen Tier ähnelte. Vielleicht gab es die früheren Arten nur deshalb nicht mehr, weil sie durch eine Art Evolution zu den heutigen wurden?

Seit Darwin wissen wir, dass dies zum Teil durchaus der Fall ist. Aber Darwins bahnbrechende Arbeit lag um 1800 noch in der Zukunft. Erste evolutionäre Ideen wie jene von Lamarck gab es aber durchaus bereits. Cuvier indes lehnte sie ab. Für ihn waren Arten durchaus unveränderlich wie es auch schon Linné sah. Allerdings entwickelte Cuvier die Theorie, dass die Arten immer wieder periodisch ausgelöscht wurden und zwar durch Katastrophen. Da es Cuvier eigentlich widerstrebte, anzunehmen, dass immer wieder die gesamte Schöpfung neu erschaffen wurde, ging er eher von regionalen Katastrophen aus – also etwa in ganz Europa oder so. Dann konnten die frei gewordenen Landstriche von andernorts her eingewanderten Arten neu besiedelt werden – was sich im Fossilbericht als neue Fauna niederschlagen würde. Cuvier konnte sich zahlreiche Arten von Katastrophen dafür denken: Überschwemmungen, Dürren, Kälteeinbrüche, Vulkanausbrüche. Allerdings stieß sein Konzept an Grenzen, wie man sofort sieht: Regionale Katastrophen würden je nachdem nicht ausreichen alle Arten eines bestimmten Zeitintervalls auszulöschen, auch würde die Wiederbesiedelung durch Einwanderung aus anderen Gebieten bedingen, dass es schon vor Urzeiten die heute noch vertrauten Arten irgendwo gab. Außer natürlich man gestattete ihnen eine Veränderung, eine Evolution, doch das lehnte Cuvier als Konzept strikt ab. Zugleich hatte er Bauchschmerzen damit, anzunehmen, dass eine Katastrophe global erfolgt sein könnte. Das ging ein wenig über seine Vorstellung, zumal er keine Indizien in den Sedimenten gefunden hatte, dass es eine zeitgleiche globale Katastrophe gab (jedenfalls noch nicht, ehrlicherweise muss man sagen, dass Cuviers Überblick über die sedimentologischen Abfolgen damals notwendigerweise noch geografisch sehr begrenzt war).

Da Cuvier das Muster von Auslöschung und Neubesiedelung am besten in Gebieten zeigen konnte, in denen sich Sedimente abwechselten, die an Land oder im Meer abgelagert wurden, nahmen Überflutungen durch das Meer eine prominente Rolle in seinen Ausführungen ein. Daraus entstand unter anderem der Begriff der Kataklysmentheorie, vom griechischen Wort für „Überschwemmung“. Gebräuchlich wurde auch allgemeiner der Begriff Katastrophentheorie und Cuviers Denkschule fand in der Wissenschaftsgeschichte ihren Platz als Katastrophismus. Die Idee erregte um 1800 massiv die Gemüter in Öffentlichkeit und Wissenschaft. Außerdem passte sie zum Zeitgeist – so kann überzeugend darauf hingewiesen werden, dass Cuvier auch vor seiner Erfahrung der gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen im revolutionären und napoleonischen Frankreich zur Idee plötzlicher Umstürze in der natürlichen Ordnung gekommen sein mag. Jeder ist halt auch irgendwo ein Kind seiner Zeit.

Fig. 9


Fig. 8: Porträt von Charles Lyell, der dem Aktualismus in der Geologie zum Durchbruch verhalf und damit auch dem Gradualismus in der Evolutionsforschung den Weg ebnete. Quelle: Wikipedia.

Katastrophismus versus Aktualismus

Es gab freilich unterschiedliche Arten der Rezeption von Cuviers Theorie. Einige Naturforscher konnten sich tatsächlich auch eine globale Katastrophe vorstellen. Vor dem Hintergrund, dass die meisten Naturforscher jener Zeit immer noch gläubige Christen waren, entstand daraus die Idee, dass Cuviers Theorie doch eigentlich sehr gut die Sintflut beschreibe. Im Grunde spannte man hier einen Bogen zu den Gedanken Scheuchzers, nur ein wenig modifiziert. Fremdartige, definitiv heute nicht mehr lebende fossile Geschöpfe? Ja, könnten ja doch durch die Sintflut ausgerottet worden sein. Um dabei die Unfehlbarkeit Gottes zu retten, mussten dann Konstruktionen herhalten wie die Annahme, dass diese Geschöpfe in Gottes Plan einfach nicht mehr vonnöten gewesen waren oder unrein oder sonst irgendetwas. Auch hier gab es Unterschiede: Es gab einige Vertreter dieser Katastrophismus-Variante, die nur von der einen Katastrophe der Sintflut ausgingen. Es gab andere, die durchaus mehrere Katastrophen annahmen, mit deren Hilfe Gott die Erde in Richtung einer Bewohnbarkeit für die Menschen entwickelt habe, wobei die Sintflut am Ende die letzte Katastrophe gewesen sei. Man mag heute darüber lächeln, man darf aber nicht vergessen, dass solche Sichtweisen ein wichtiger Schritt dabei waren den grundsätzlichen Gedanken, dass Arten aussterben können, auch für breite Schichten (in Bevölkerung wie Wissenschaft) akzeptabel zu machen. Cuviers Logik, dass Arten offensichtlich ausgestorben waren, war als solches in der Tat unanfechtbar geworden durch immer mehr fossile Belege, die ans Licht kamen. Schwerwiegenden, jahrzehntelangen wissenschaftlichen Disput gab es aus einem anderen Grund: Vielen Forscher ging der plötzliche, radikale Schnitt einer regionalen oder gar globalen Katastrophe zu weit.

Die Kritik kam vor allem aus dem Bereich der sich allmählich als eigene Disziplin herausbildenden Geologie. Die Geowissenschaften hatten seit den Zeiten Agricolas große Fortschritte gemacht. Das 18. Jahrhundert hatte eine Reihe großer Wegbereiter der Geologie hervorgebracht, die zunächst auf den Erkenntnissen eines Steno und eines Agricola aufbauten. Bald entdeckte man immer feinere Prinzipien der Stratigraphie, also der Abfolge der Gesteine, und entwickelte erste umfangreiche Konzepte zu den Abläufen bei Sedimentation, Gesteinsbildung, Erosion etc. In den 1780er und 1790er Jahren entwickelte der schottische Geologe James Hutton (1726-1797) eine umfangreiche Theorie, die als Aktualismus bekannt wurde. Darin postulierte Hutton, dass die heute zu beobachtenden Mechanismen – z.B. Sedimenttransport durch Flüsse – auch in früheren erdgeschichtlichen Zeiten wirksam gewesen sein müssen. Umgekehrt sollte man auch erwarten, dass alle früheren Mechanismen auch heute noch wirken. Alle in den Gesteinsschichten zu beobachtenden Phänomene wären also durch Kräfte und Ursache zu erklären, die auch heute noch gelten. Huttons Werk dazu erschien kurz vor Cuviers erster Postulierung des Artensterbens. Letzteres schlug beim Publikum aber zunächst stärker ein, da es – wie erwähnt – zum Zeitgeist passte. Doch ein Nachfolger Huttons sollte aus Huttons Theorien einen Gegenentwurf zu Cuviers Katastrophismus entwickeln.

Schon der in Gotha ansässige Geologe Karl Ernst Adolf von Hoff (1771-1837) hatte sich gegen den Katastrophismus gewandt. Er hatte in einem monumentalen fünfbändigen Werk ab 1822 ausgeführt, dass die natürlichen Prozesse zur Formung der Erdkruste schon in der Vergangenheit so gewirkt haben müssten wie heute (also ganz wie Hutton es vermutete) und durch unablässige Wiederholung nach und nach die heutige Gestalt der Erde geformt hätten. Plötzliche katastrophale Veränderungen wie nach Cuvier passten dazu nicht. Doch Hoffs Thesen blieben außerhalb Deutschland relativ unbeachtet. Mehr Beachtung fand das dreibändige Werk „Principles of Geology“, das der britische Geologe Charles Lyell (1797-1875) ab 1830 veröffentlichte. Lyells Gedankengang war im Grunde fast identisch mit demjenigen von Hoff und er baute dabei genauso auf Hutton auf. Zugleich positionierte er sich ganz offensiv gegen Cuviers Katastrophismus. Da Katastrophen entsprechenden Ausmaßes offensichtlich noch nicht beobachtet worden waren, folgerte Lyell, könne es sie auch in der Vergangenheit nicht gegeben haben – Aktualismus pur. Vielmehr wäre es der unablässige immer wieder wiederholte Ablauf immer noch wirkender Mechanismen gewesen, der die Erdoberfläche geformt und eben auch zur Abfolge unterschiedlicher Faunen im Fossilbericht geführt habe. Um Cuvier in Misskredit zu bringen, behauptete Lyell sogar, dieser habe die Sintflut als eine seiner Katastrophen bezeichnet. Eine Unterstellung, die jedoch nicht stimmte. Für Cuvier war es etwas unglücklich, dass Lyells Angriff auf seine Theorien in seinen späten Jahren erfolgte. Cuvier war immer noch ein Gigant der Wissenschaft, von manchen sogar „Mammut“ genannt, auch wegen seines inzwischen deutlich gewachsenen Körperumfangs. Aber er hatte seinen Zenit eben auch überschritten. Jüngere, ebenso talentierte und kluge Forscher einer neuen Generation standen in den Startlöchern. Forscher wie Lyell. Cuvier starb ja dann auch kurz darauf. Lyell und dessen Anhänger setzten sich mit dem Aktualismus Mitte des 19. Jahrhunderts schließlich durch. Diese geologische Sicht traf sich schließlich mit Darwins Theorie der Evolution durch natürliche Auslese. Auch diese bedingte nach Darwins Ansicht immer wieder kleine Veränderungsschritte über lange Zeiträume hinweg. Dies passte wunderbar zu Lyells Thesen aus der Geologie. Schließlich wurde diese Sichtweise – also das Entstehen großer Veränderungen durch unablässige, viele kleine Veränderungen über eine lange Zeit hinweg – als Konzept des Gradualismus bekannt. Er blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die bestimmende Sichtweise.

Was von Cuvier blieb war die Erkenntnis, dass Arten aussterben können. Nur wurden nun vor allem allmählich wirkende Ursachen diskutiert: Langsame Klimaänderungen, Verdrängung durch andere Arten, Übergang in neue Arten. Hier trafen sich Lyell und Darwin in bester Synthese.

Stand: Heute

Das 19. Jahrhundert war eine Zeit großer Dispute in der Wissenschaftsgemeinde. Der bekannteste ist sicherlich derjenige zwischen Darwins Anhängern und seinen Gegnern. Aber wie wir gesehen haben, gab es auch den zwischen Katastrophisten und Aktualisten, getriggert durch das Aufeinandertreffen der Thesen von Cuvier und Lyell. In Sachen Darwin hat sich Darwins Theorie klar durchgesetzt. Aber wie steht es bei Cuvier?

Jahrzehntelang war der Katastrophismus etwas ad acta gelegt, auch wenn man den Umstand, dass Arten ausgestorben waren doch fest anerkannte. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam die Katastrophenvariante wieder mehr in Mode. Auch dies war sicherlich teilweise dem Zeitgeist geschuldet, vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der möglichen nuklearen Auslöschung. Zugleich hatte man aber inzwischen einen viel besseren nahezu globalen Überblick über den Fossilbericht. Immer deutlicher zeigte sich, dass es eine Reihe besonders harter Einschnitte gab, bei denen sich die Zusammensetzung von Faunen und Floren in kurzer Zeit besonders krass änderte. Die Wissenschaft kam schließlich nicht umhin, festzustellen: Es gab nicht nur normales Aussterben, welches im Grunde andauernd stattfindet. Es gab auch tatsächliche Massenaussterben. Und diese konnten nur durch globale Katastrophen erklärt werden. Richtig nahm dieses Forschungsthema Fahrt auf, als man dann auch Beweise für solche Katastrophen fand: Zum Beispiel als Physiker 1980 zum ersten Mal messbare Indizien für einen Asteroideneinschlag zum Zeitpunkt eines solchen Aussterbeereignisses publizierten.

Als Quintessenz bleibt, dass im Grunde Lyell und Cuvier beide recht hatten. Ja, normalerweise wird die Erdoberfläche eher langsam durch beständig wirkende Kräfte verändert. Und dies gilt auch für die Organismen im Laufe der Zeit. Und ja, die meisten Arten sterben irgendwann schleichend wegen irgendwelcher allmählicher Umweltveränderungen aus, wenn sie es nicht schaffen, sich darauf einzustellen. Dieses „Hintergrundrauschen“ des Aussterbens gibt es immer. Aber auf der anderen Seite gab und gibt es eben auch tatsächlich Katastrophen, Katastrophen von regionalem bis globalem Ausmaß, die rasante Veränderungen außer der Reihe mit sich bringen und zahlreiche Arten auf einen Schlag umbringen (wenn man geologische Maßstäbe anlegt). Für die Evolutionsforschung bringt das spannende Fragen mit sich: Warum überleben manche Arten Massenaussterben, andere nicht? Denn einige überleben ja immer, Cuviers zeitweise Annahme, dass es ab und an einen kompletten Neubeginn gab, hat sich so dann doch nicht bestätigt. Auch nicht die Annahme einer Neuschöpfung, wie es einige bibelfestere Naturforscher annahmen, die auch die Sintflut bemühten. Die Sintflut gehört heute nicht mehr zum Katastrophenrepertoir der Forschung. Weiter gefragt: Funktioniert Evolution zur Zeit eines Massenaussterbens anders? Und was wäre ein normales „Hintergrundrauschen“? Ab wann ist eine kritische Schwelle überschritten? Warum überhaupt Massenaussterben? Nicht jede Katastrophe hat direkt das Zeug dazu, eines auszulösen.

Diese Fragen sind nicht ganz trivial. Mancher mag meinen, es ginge hier um vergangene Dinge. Dem ist nicht so. Zum einen gibt es natürlich auch heute noch das Hintergrundrauschen an Aussterbeereignissen. Zum andern sind wir selber inzwischen zu einer neuen Katastrophe für die Ökosysteme des Planeten herangewachsen. Vieles deutet darauf hin, dass unsere Art schon frühzeitig zum Aussterben anderer Arten zumindest beitrug. Nun wäre das an sich tatsächlich noch nicht einmal verwerflich – erfolgreiche Arten verdrängen oft genug andere Arten, das gehört quasi dazu. Schlimm ist die Dimension, die unser Wirken seit dem 20. Jahrhundert angenommen hat. Es geht nicht mehr nur um irgendeine isoliert auf einer Insel lebende Art oder eine Art, die eh durch natürliche Klimaveränderungen unter Druck geraten ist. Es geht jetzt um die Dimension eines neuen Massenaussterbens! Zu verstehen, welche Mechanismen bei früheren Massenaussterben wirkten, zum Beispiel ab welchem Punkt es kein Zurück mehr gab, hilft zu verstehen, was gerade jetzt durch uns um uns herum geschieht. Und das ist keine rein akademische Frage: Es geht um das Überleben der Menschheit. Jede von uns ausgerottete Art raunt uns – metaphorisch gesprochen – quasi zu „Ihr seid die Nächsten!“ Wir haben uns selbst den Schnitter ins Haus geholt. Schneller als uns lieb ist, könnten wir feststellen, dass ein Satz stimmt, den einer meiner Dozenten an der Uni einmal äußerte: „Der Kelch des Aussterbens ist noch an keiner Art vorübergegangen – und es gibt keinen Grund für die Annahme, dass wir die Ausnahme sind.“

Fig. 9

Fig. 9: Heute wissen wir, dass es durchaus schlagartige Katastrophen gibt, die regional oder global ein großes Massenaussterben verursachen können. Ein Beispiel dafür sind Katastrophen, die durch Einschläge von Asteroiden oder Kometen ausgelöst werden können. Erst in den letzten 40 Jahren entwickelte sich die Untersuchung solcher Einschläge jedoch zu einem größeren Forschungsgebiet. Das Bild zeigt den Barringer-Krater in Arizona, der vor etwa 50000 Jahren durch einen 50 m großen Eisenmeteoriten geschlagen wurde und seinerseits fast 1,2 km Durchmesser hat bei einer Tiefe von rund 170 m. Er gehört zu den schönsten noch erkennbaren Kraterstrukturen auf der Erde. Bedenkt man seine Größe im Verhältnis zum eingeschlagenen Himmelskörper, kann man sich vorstellen, welche Energien größere Asteroiden freisetzen können. Quelle: Wikipedia.

Ausblick

Mit dem Thema Massenaussterben werden wir uns ein anderes Mal noch genauer befassen. Inzwischen ist zu dem Thema so viel publiziert worden, auch nur ein sinnvoller Überblick würden den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Nachdem wir nun kennengelernt haben, wie die Wissenschaft dazu kam, fossile Arten als ausgestorben wahrzunehmen und welche Bedeutung Fossilien dabei spielten. Um dies noch etwas zu vertiefen wird bald eine neue Reihe mit der Bezeichnung „Petrefakta“ starten. Die Bezeichnung bezieht sich auf die weitverbreitete Benennung von Fossilien im 18. und 19. Jahrhundert. Gegenstand werden fossile Arten sein, die vor dem Erscheinen von Darwins „Origin of Species“ beschrieben wurden. Diese Grenze habe ich deshalb gewählt, weil die Interpretation und Diskussion um fossile Arten nach Darwin in eine neue Phase trat, da sie dann viel stärker als mögliche Belege für Darwins Theorien gehandelt wurden. Die beiden anderen Reihen, die ich bereits gestartet hab, werden natürlich weiterlaufen.

Literatur

Ein Teil des Beitrags basiert tatsächlich noch auf alten Aufzeichnungen aus dem Studium von mir. Zusätzlich einige unterfütternde Quellen:

Brandt, S. 2011. Protorosaurus speneri – von der Entdeckung bis zur ersten wissenschaftlichen Bearbeitung. – Geologisches Jahrbuch Hessen 137: 111-117.

Conniff, R. 2012. The Species Seekers. Heroes, Fools, and the Mad Pursuit of Life on Earth. Norton & Company.

George, U. 1997. Expedition in die Urwelt. Paläontologie: Die Erforschung der steinernen Zeit. Gruner+Jahr.

Gottmann-Quesada, A. & Sander, P.M. 2009. A redescription of the early archosauromorph Protorosaurus speneri Meyer, 1832, and its phylogenetic relationships. – Palaeontographica Abt. A 287: 123-220.

Herodot. 5. Jahrhundert v. Chr. Historien. Zweites Buch: Ägypten von vorgestern bis heute. Deutsche Übersetzung, gefunden auf https://de.scribd.com

Hölder, H. 2013. Kurze Geschichte der Geologie und Paläontologie: Ein Lesebuch. Springer-Verlag.

Poulsen, C. 1956. Proposed use of the Plenary Powers to secure the availability of the generic names Olenus Dalman, 1827, and Paradoxides Brongniart, 1822 (Class Trilobita) for use in the sense in which these names are customarily employed. – Bulletin of Zoological Nomenclature 12: 3-13.

https://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Lyell

https://de.wikipedia.org/wiki/Georgius_Agricola

https://de.wikipedia.org/wiki/Georges_Cuvier

https://de.wikipedia.org/wiki/Georges-Louis_Leclerc_de_Buffon

https://de.wikipedia.org/wiki/James_Hutton

https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Jakob_Scheuchzer

https://de.wikipedia.org/wiki/Nicolaus_Steno

https://en.wikipedia.org/wiki/Georges_Cuvier

https://en.wikipedia.org/wiki/Mastodon