Wer sich intensiver mit Zoologie beschäftigt, kommt einfach an einem Mann nicht vorbei: Carl von Linné (1707-1778). Der schwedische Pfarrerssohn hat sich so fundamental in die Geschichte der Naturwissenschaften eingeschrieben, dass seine Geschichte mehr oder weniger ausgiebig in jedem zoologischen Werk angerissen wird und natürlich in jedem Studiengang. Wir werden auch hier nicht völlig drum herum kommen. Der Grund ist sehr einfach: Er erfand die binäre Nomenklatur zur eindeutigen Benennung von Arten mittels eines zweiteiligen lateinischen oder altgriechischen Namens. Ursprünglich entwickelte er diese Methode für Pflanzen, denn eigentlich war sein Lieblingsforschungsfeld die Botanik. Aber wie die meisten Naturforscher jener Tage betätigte er sich auf praktisch jedem Gebiet – auch in der Zoologie und der Mineralogie. Jedenfalls benutzen wir auch in der Zoologie und Paläontologie bis heute die zweiteiligen Namen um Arten eindeutig zu benennen. Aus diesem einfachen Grundprinzip entwickelte sich freilich inzwischen ein umfangreiches Regelwerk, der „International Code for Zoological Nomenclature“, über den die International Commission on Zoological Nomenclature wacht (und das die Abkürzung für beide Titel ICZN lautet spricht für den Pragmatismus der Wissenschaftler). Es ist schwer denkbar, einen größeren postmortalen Einfluss auf die Zoologie zu haben und so ist ähnliches auch nur wenigen geglückt. Die Einführung der binären Nomenklatur ist gewissermaßen eine von vier großen Revolutionen in den biologischen Wissenschaften, wie ich es gerne nenne (die drei anderen waren die Anerkennung des Aussterbens von Arten, die Entdeckung der Evolution durch natürliche Selektion und das Konzept der phylogenetischen Systematik). Da mag es nicht verwundern, dass sich hartnäckig zwei Mythen, quasi „urban legends der Wissenschaft“, zu diesem Thema halten. Dieser Umstand gestattet es mir, die ganze Geschichte mal anders aufzuziehen. Und noch viel wichtiger, ich kann mal klugscheißen.

Der erste Mythos: Carl hieß von Geburt her von Linné und latinisierte erst im Laufe seiner Karriere den Namen zu Carolus Linnaeus.

Der zweite Mythos: Linné wandte die binäre Nomenklatur als Erster auch auf die Tiere an.

Fig. 1.

Fig. 1.: Carl Linnæus im Jahre 1739, ein Porträt von J. H. Scheffel.   Quelle: Wikipedia. 

Der Namensmythos

Der Mythos, Carl wäre als ein „von Linné“ geboren worden und habe dann erst später seinen Namen zu Carolus Linnaeus latinisiert, ist überaus hartnäckig. Hintergrund ist natürlich, dass im 18. Jahrhundert es noch eine gewisse Tradition unter Gelehrten hatte, ihren Namen auf ihren Werken in latinisierter Form zu verewigen – denn die damaligen wissenschaftlichen Arbeiten wurden tatsächlich noch auf Latein veröffentlicht, wenn sie international zugänglich sein sollten. Linnaeus war da keine Ausnahme, tatsächlich taucht sein Name auch latinisiert als Carolus Linnaeus auf. Nur war der Ausgangspunkt dieses Namens nicht Carl von Linné. Um zu verdeutlichen wie tief dieser Mythos sitzt: Ich hatte darüber sogar einen kleinen Disput mit einem meiner Professoren in einem Seminar an der Uni. Er glaubte auch, Linnaeus wäre als Carl von Linné geboren worden.

Dummerweise stimmt das nicht.

Geboren wurde Carl am 23. Mai 1707 im südschwedischen Råshult geboren und zwar als Sohn des Pfarrers Nils Ingemarsson Linnæus. Folglich war der bürgerliche Name des Kindes Carl Linnæus – man beachte das nordische „æ“. Bei der späteren gelegentlichen Latinisierung des Namens wird daraus dann einfach ein „ae“, der Rest des Nachnamens klingt ja schon irgendwie lateinisch. Auch das hat seinen Grund: Er stammt aus dem Latein. Aber nicht Carl Linnæus hat ihn sich zugelegt, sondern sein Vater. Als dieser in jüngeren Jahren für seine Laufbahn als Geistlicher studieren wollte, an der Universität in Lund, musste er sich einen Familiennamen zulegen, der nicht auf dem Namen seines Vaters beruhte. Er nannte sich nach dem Lindenbaum in seinem Geburtsort „Linn“, was an der Universität latinisiert und dann etwas nordischer geschrieben zu Linnæus wurde. Sein Sohn Carl brauchte also gar nichts ans Latein anzugleichen. Er trat bereits als Carl Nilsson Linnæus ins Leben.

Die Familie lebt in bescheidenem Wohlstand und so konnten Carls Eltern ihrem Sohn auch zu einer guten Bildung verhelfen. Allerdings war die Familie noch nicht adelig.

Es mag ein kurzer Abriss der Laufbahn von Carl Linnæus angebracht sein. Seine Eltern ließen ihn zunächst durch einen Privatlehrer unterrichten, 1716 wurde er dann auf eine Domschule geschickt. Sein Vater sah für Carl eine kirchliche Laufbahn vor, so wie er selbst und Carls Großvater sie schon eingeschlagen hatten. Diese Absicht führte zum vielleicht tiefsten Konflikt zwischen Vater und Sohn. 1726, inzwischen wurde Carl am Gymnasium in Växjö für das Priesteramt ausgebildet, sprach sein Vater mit dem dortigen Arzt Johan Stensson Rothman über die dortigen Leistungen seines Sohnes. Die Rückmeldung war ernüchternd: Carl interessierte sich praktisch nicht für die im kirchlichen Bereich so wichtigen Fächer Griechisch, Hebräisch, Theologie und Metaphysik. Lediglich Latein schien es Carl angetan zu haben, daneben aber vor allem Mathematik und Naturwissenschaften. Sein Vater war wie vor den Kopf gestoßen. Zu Carls Glück konnte Rothman vermitteln und Carls Vater dazu überreden, dass er Carl in Botanik und Physiologie unterrichten darf. Eine wichtige Weichenstellung: Carl würde den Weg in die Naturwissenschaften einschlagen. 1727 begann Carl sein Studium der Medizin in Lund, wo er sich bereits als guter Netzwerker erwies und bereits zahlreiche naturkundliche Exkursionen im Umland unternahm. Noch war Carl nicht ganz am richtigen Platz. Etwa nach einem Jahr in Lund wurde Carl von einem bis heute nicht identifizierten Tier gebissen (er nannte es die „Höllenfurie“) und starb fast an der entzündeten Wunde. Auf einem Genesungsurlaub in der Heimat traf er wieder Rothman, der ihm riet, an der Universität in Uppsala sein Studium im Bereich der Medizin fortzusetzen.

Carls Zeit in Uppsala gab seiner Karriere den nötigen Schub. Hier knüpfte er weitere Kontakte und obwohl die dortige Lehrtätigkeit ziemlich chaotisch war zu jener Zeit, konnte er seine Studien in allen Bereichen der Naturwissenschaften und Medizin intensivieren. Die 1730er Jahre schließlich wurden eine sehr intensive Zeit: Er nahm an einer Expedition nach Lappland teil, bereiste andere Gebiete Schwedens, reiste in die Niederlande, nach Frankreich und England, wo er jeweils andere Naturforscher traf und deren Sammlungen studieren dürfte. Sein Forschungsschwerpunkt war in jener Zeit die Botanik, doch 1735 führte er in den Niederlanden auch sein Medizinstudium zu Ende. Als besonders wichtig erwies sich in jener Zeit auch seine Arbeit an einem neuen Klassifizierungssystem für die Pflanzen, die Carl letztlich zur binären Nomenklatur führen sollte. Gegen Ende des Jahrzehnts kehrte Carl nach Schweden zurück. In Stockholm ließ er sich als Arzt nieder und vernetzte sich rasch in der gehobenen Gesellschaft der schwedischen Hauptstadt. Bald wurde er zum offiziellen Arzt der schwedischen Admiralität ernannt, wodurch er finanziell abgesichert war. Dies gestattete es ihm, zu heiraten. Die Forschungstätigkeit ließ Carl aber nie schleifen. 1741 unternahm er eine Expedition auf die Inseln Öland und Gotland. Aus dieser Reise resultierte ein Bericht, in dem er unter anderem alle vorgefundenen Pflanzen auflistete – erstmals mit nur zweiteiligem Namen.

Dazu muss man wissen, dass es damals unter Wissenschaftlern üblich war, Lebewesen zu bezeichnen, indem man ihre Eigenschaften als lange Reihe lateinischer Bezeichnungen auflistete. Dies war aber umständlich und unübersichtlich und alles andere als dazu geeignet Missverständnissen vorzubeugen. Dies auf nur zwei Bezeichnungen zu verkürzen war da eine geradezu revolutionäre Idee.

Nun mag auffallen, dass Carl Linnæus da immer noch nicht von Adel war. Das dauerte noch etwas. Es folgte erstmal die nächste Phase seines Wirkens. 1740 wurden an der Universität Uppsala zwei Lehrstühle frei, der für Botanik durch den Tod des bisherigen Professors, und der für Medizin, weil sein Inhaber in den Ruhestand gehen wollte. Auf beide Lehrstühle gab es mehrere Bewerber Linnæus war einer davon. Der schwedische Kanzler entschied schließlich, dass Linnæus und Nils Rosén von Rosenstein, der ähnlich wie Linnæus Arzt mit einer Vorliebe für Botanik war, die beiden Lehrstühle kriegen sollten. Linnæus würde zunächst den Lehrstühl für Medizin übernehmen, sein Kollege den für Botanik und später würden sie tauschen. Außerdem würden sie sich einige Themenbereiche wie etwa Chemie teilen. So wurde Carl Linnæus im Mai 1741 offiziell zum Professor für Medizin ernannt. Die weitere Aufteilung der Arbeit und der Lehrstühle mit Nils Rosén von Rosenstein klappte wie ausgekungelt. Linnæus konnte sich direkt von Anfang an wieder seinen botanischen Forschungen widmen und bekundete in dieser Zeit auch erstmals die Zielsetzung, die Natur ganz Schwedens systematisch zu kartieren und zu erfassen. In den 1740er Jahren unternahm er weitere Reisen in ganz Schweden für seine Forschungen und in seinen Vorlesungen ermunterte er seine Studenten dazu, sich raus zu trauen in unerforschtes Terrain, um die Natur zu erkunden. Im Laufe der Zeit begann er auch, seine Studenten dabei zu unterstützen eigene Reisen auf die Beine zu stellen. Viele nahmen seine Methode, die Natur auf ihren Reisen systematisch zu erfassen und umfassend zu beschreiben, mit auf den Weg. Halb im Scherz sprach Linnæus von seinen Aposteln – da kam der Pfarrerssohn wieder durch. In dieser Zeit entstanden erste Werke von Linnæus, die auch als Lehrmaterial an der Universität gedacht waren:  1745 und 1746 mit den Werken „Flora Suecica“ und „Fauna Suecica“ Schriften über die Flora und Fauna Schwedens, 1747 mit „Flora Zeylanica“ die Beschreibung einer Sammlung ceylonesischen Pflanzen, die an Linnæus geschickt worden war. 1750 entstand schließlich sein „Philosophia Botanica“, gedacht als Lehrbuch für die Botanikvorlesungen. Doch alle diese Werke waren nur Vorläufer der beiden bahnbrechenden Werke, die Linnæus zu einem der ganz großen in der Wissenschaftsgeschichte machen sollten. In Uppsala war er das im Grunde jetzt schon – 1750 wurde er zum Rektor der dortigen Universität ernannt, bereits drei Jahre zuvor war er zum königlichen Leibarzt ernannt worden, wodurch Linnæus direkten Zugang zur Königsfamilie hatte.

1751/52 arbeitete Linnæus zunächst an seinem Lieblingsforschungsbereich weiter – in der Botanik. Es entstand ein monumentales Werk von 1200 Seiten, auf denen er alle ihm bekannten Pflanzenart beschrieb und in ein hierarchisches Ordnungssystem einfügte – insgesamt rund 7300 Arten. Das Werk trug den Titel „Species Plantarum“ und hier benutzte Linnæus erstmals durchgängig zweiteilige Namen zur Bezeichnung der Arten – bestehend aus einem Gattungsnamen und einem Artepitheton. Das Werk bildet den Anfang der binären Nomenklatur in der Botanik.

Nach diesem Werk widmete sich Linnæus wieder einem weiteren langjährigen Projekt, welches er bereits seit 1735 betrieb: „Systema Naturae“. Sein Gedanke dabei: Alle natürlichen Ausprägungen aus dem Pflanzenreich, dem Tierreich und dem Mineralienreich zu erfassen, zu benennen und in eine Ordnung aus hierarchischen Kategorien zu überführen. Für Linnæus war das mehr als ein schlichtes Aufzählen aller Beobachtungen: Er war ein durchaus gläubiger Mann, der von einer göttlichen Ordnung des Natürlichen überzeugt war und diese durch sein Werk aufzudecken versuchte. Er strebte quasi nach einer Art Gottesbeweis. Dass er dabei nebenher die Grundlagen für eine noch über 200 Jahre später genutzte Benennungspraxis legen sollte, konnte er wohl kaum ahnen. Die erste Ausgabe von „Systema Naturae“ umfasste erst noch nur wenige Seiten; schnell wuchsen die folgenden Ausgaben im Umfang an, wurden ergänzt durch Bildtafeln und dergleichen. Als Linnæus Anfang der 1750er Jahre in einem kleinen Nebenprojekt noch eine Sammlung seltener Tiere für den schwedischen König katalogisierte, experimentierte er erstmals damit, zweiteilige Namen auch für die Tiere zu verwenden. Die dabei gemachte Erfahrung ließ er in die zehnte Auflage von „Systema Naturae“ mit einfließen, die 1758 erschien und üblicherweise als Startpunkt der binären Nomenklatur für die Zoologie gilt. Die zehnte Auflage war so riesig geworden, dass sie in drei Bände aufgeteilt wurde: Der erste Band behandelte die Tiere, der zweite Band die Pflanzen und der dritte Band sollte eigentlich die Mineralien behandeln, wurde aber nie fertig. Der volle Name des monumentalen Werkes: „Systema naturae per regna tria naturae, secundum classes, ordines, genera, species, cum characteribus, differentiis, synonymis, locis“.  Die beiden veröffentlichten Bände besaßen keine Abbildungen und füllten dennoch zusammen über 1400 Seiten. Jedenfalls beschrieb Linnæus in dieser Ausgabe erstmals alle ihm damals bekannten Tierarten mit zweiteiligen (binären) Namen – insgesamt 4387 Arten in 312 Gattungen! Es war wirklich monumental und wurde rasch bekannt bei allen maßgeblichen Naturforschern in anderen europäischen Ländern. Die einfache Handhabung und Übersichtlichkeit von Linnæus‘ System war so offensichtlich, dass es sich binnen kurzer Zeit durchsetzen konnte. Dazu trugen auch seine Schüler bei, die Expeditionen unternahmen und weitere neue Arten entdeckten und entsprechend beschrieben. 1766/67 kam eine weitere, letzte Ausgabe heraus (sie wird meist als die zwölfte gezählt), in der noch mehr Tierarten beschrieben wurde. Hier war das Werk bereits so umfangreich, dass der Abschnitt für die Tiere bereits in zwei Bände unterteilt werden musste.

Als die zehnte Auflage von „Systema Naturae“ erschien war der König längst damit befasst Linnӕus eine besondere Ehre zuteilwerden zu lassen. Und damit kriegen wir jetzt endlich den Bogen zu dieser Namenssache. Für seine Verdienste in der Wissenschaft und der persönlichen medizinischen Betreuung bei Hofe wurde Linnӕus Ende 1756 vom schwedischen König in den Adelsstand erhoben. Allerdings war dies ein durchaus bürokratischer Akt. Die königliche Entscheidung musste in einem Adelsbrief festgehalten werden, dessen Ausstellung auf den 20. April 1757 datiert ist. Dieser muss dann noch vom König unterschrieben werden. Das geschah aber erst im November 1761. Nach diesem Schritt wurde die Sache dann noch dem Riddarhuset vorgelegt – der damaligen schwedischen Adelsversammlung, die etwa dem britischen Oberhaus entspricht. Hier musste die Erhebung in den Adelsstand final bestätigt werden, was in diesem Falle Ende 1762 stattfand. Erst ab diesem Datum hieß Carl Nilsson Linnӕus dann offiziell Carl von Linné (obschon er den Namen sich bereits zu Beginn des Adelungsprozesses ausgesucht hatte).

Halten wir also fest: von Linné war der spätere Name, der Geburtsname von Carl war Linnӕus, der Name wurde nur einmal wirklich latinisiert und das war bei Carls Vater.

Aber die ersten Tierarten mit zweiteiligem Namen beschrieb Linnӕus in der 10. Auflage von „Systema Naturae“…Moment. Nicht ganz.

Fig. 2.

Fig. 2.: Deckblatt der 10. Auflage von „Systema Naturae“. Quelle: Wikipedia.

Der Alles-fing-mit-„Systema-Naturae“-an-Mythos

Es ist eigentlich zum Standard geworden, die 10. Auflage von „Systema Naturae“ als den Startschuss für die binäre Nomenklatur in der Zoologie zu setzen. Das ist nun nicht ganz falsch…aber eben auch nicht alles.

Zu Linnӕus Schülern, sozusagen, gehörte auch ein gewisser Carl Alexander Clerck (1709-1765). Clerck stammte aus einer niederen, relativ verarmten Adelsfamilie, es reichte wohl gerade so dazu zu studieren, aber nicht dazu den Abschluss zu machen. Um über die Runden kommen zu können entschied sich Clerck stattdessen für den Staatsdienst und arbeitete lange Jahre für die Stadtverwaltung von Stockholm. Erst 1737 begann Clerck wieder Vorlesungen an der Universität zu besuchen – diesmal jene, die Linnӕus hielt. Durch diese Vorlesungen erwachte in Clerck die Begeisterung für die Naturkunde und schnell fand er ein Thema, das ihn besonders reizte: Spinnen und Insekten. Er wurde zu einem eifrigen Sammler und Beobachter dieser Tiere. Auch begann in diesem Zeitraum seine Bekanntschaft mit Linnӕus selbst. Von diesem inspiriert begann Clerck schließlich die Spinnenarten systematisch zu kategorisieren. Seine Sammlung von Spinnen und Insekten wurde dabei immer umfangreicher. Ähnlich wie Linnӕus begann er mit verschiedenen Publikationsreihen. So veröffentlichte er die Serie „Icones insectorum rariorum“, die überwiegend aus Bildtafeln von Schmetterlingen bestanden. Leider wurde diese Reihe nie vollendet. Viel wichtiger wurde aber ein anderes Werk.

„Svenska Spindlar“ taufte Clerck sein Werk, das ihm seinen Platz in der Wissenschaftshistorie sicherte. Darin beschrieb er alle ihm bekannten Spinnen aus Schweden, inklusive Schilderungen über ihr Verhalten und Bildtafeln. Während der Arbeit an dem Werk, welches schließlich 66 Spinnenarten abdeckte, muss sich Clerck auch mit Linnӕus ausgetauscht haben, dieser steuerte auch eine Art Widmung am Anfang bei. Entweder hat Linnӕus mit Clerck direkt über sein Konzept der binären Nomenklatur gesprochen oder Clerck hat es vielleicht auch schon in „Species Plantarum“ gesehen. Jedenfalls wendete Clerck das Konzept auf die Spinnen in „Svenska Spindlar“ an – und zwar mit großer Genauigkeit und Konsequenz. Das Werk erschien schließlich 1757, ein Jahr vor der 10. Auflage von „Systema Naturae“. Linnӕus wiederum übernahm in „Systema Naturae“ dann im Wesentlichen Clercks Namen aus „Svenska Spindlar“, nur gelegentlich etwas unterschiedlich geschrieben (solche leichten Schreibungenauigkeiten gab es in der Anfangsphase der Taxonomie – wie man die Teildisziplin nennt, die sich vorwiegend mit der Klassifizierung und korrekten Benennung der Lebewesen beschäftigt – noch relativ häufig; die heute geltenden umfangreichen Regelwerke wurden erst ab dem 19. Jahrhundert entwickelt, kodifiziert und ausgebaut). Diese Übernahme der Namen waren eine Würdigung der Arbeit Clercks durch Linnӕus, der in „Systema Naturae“ auch noch zusätzlich eine Schmetterlingsart nach Clerck benannte.

Diese Anerkennung durch Linnӕus hat als Spätfolge, dass Clercks Werk schließlich auch von der ICZN anerkannt wurde. In Artikel 3.1 des Nomenklatur-Codes in der Zoologie werden ausdrücklich sowohl „System Naturae“ wie auch „Svenska Spindlar“ (wenn auch in der lateinischen Version „Aranei Svecici“) als die beiden ersten Werke genannt, die als Quellen für valide Artnamen anerkannt werden. Dabei wird für beide Werke der 1. Januar 1758 als Veröffentlichungsdatum angenommen, um ein einheitliches Startdatum für die Nomenklatur zu haben. Aus Sicht der ICZN müssen auch von Clerck vergebene Artnamen daher mit dem Jahr 1758 angegeben werden; häufig wird dies jedoch auch in Fachkreisen gerne ignoriert und das eigentliche Jahr 1757 genommen (dieser Praxis werde ich hier ebenfalls folgen). Wichtig aber, weil durch die ICZN anerkannt: Die von Clerck vergebenen Namen haben Priorität vor den Namen von Linnӕus. Damit ist klar: Zumindest zum Teil startete die binäre Nomenklatur mit „Svenska Spindlar“, womit Clerck ein Teil der Ehre gebührt. Aber eben nur ein Teil: Die grundlegende Idee stammt von Linnӕus und dieser war auch definitiv der erste, der das Konzept auf alle Tierarten ausweitete – weshalb „Systema Naturae“ in seiner 10. Auflage unübertroffen bleibt.

Auch Clerck erfuhr noch weitere Würdigung. In seinen letzten Lebensjahren war er Mitglied der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften in Uppsala und der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften – Linnӕus hat da ein wenig nachgeholfen. Clerck selber verstarb noch vor Carl von Linné – wie er nun hieß – und blieb in der Erinnerung der Forschergemeinde immer im Schatten seines erfolgreicheren Kollegen (außer bei den Spinnenexperten). Linné blieb weiterhin aktiv in der Forschung, mit Schwerpunkt auf seinen geliebten Pflanzen. Doch 1774 erlitt er einen ersten Schlaganfall, zwei Jahre später einen zweiten. Lähmungen und ein Abbau geistiger Leistung waren die Folge. Am 10. Januar 1778 starb Linné an einem Harnblasengeschwür. Seine sterblichen Überreste wurden im Dom zu Uppsala bestattet. Den Gottesbeweis fand er wohl nicht. Eine Ironie der Geschichte, dass seine Arbeit eine wichtige Grundlage dafür schuf, die biologischen Wissenschaften schnell voranschreiten und expandieren zu lassen, was dann auch dazu führte, dass Charles Darwin ein knappes Jahrhundert nach „Systema Naturae“ das Konzept der Evolution durch natürliche Selektion vorstellte – das völlig ohne einen Gott auskommt.

Fig. 3.

 Fig. 3.: Deckblatt von „Svenska Spindlar“. Quelle: Wikipedia.

Ausblick

Immer wieder werden wir uns mit den zweiteiligen Artnamen, wie sie Linnæus eingeführt hat, beschäftigen. Bei jeder vorgestellten Art werde ich die Bedeutung der lateinischen oder altgriechischen Namen erläutern. Nicht selten stecken interessante Geschichten dahinter. Außerdem werden uns immer wieder Synonyme begegnen – ungültige Namen, die einer bereits benannten Art verliehen wurden, aber nicht mehr verwendet werden, weil der erstvergebene Name in aller Regel Priorität genießt (dazu gibt es zwar ein paar Ausnahmefälle, aber mehr dazu, wenn uns einer begegnet). Dieses Prioritätsprinzip ist eines der wichtigsten Grundprinzipien in der Taxonomie. Es kann viele Ursachen für derartige Synonyme geben – ein Autor hat nicht gewusst, dass die Art bereits beschrieben war, ein Autor hat den ursprünglichen Namen falsch geschrieben, oder es gab Uneinigkeit über die Gattungszuordnung einer Art. Denn der Gattungsname ist durchaus veränderlich – eine Gattung umfasst einfach nur eine Reihe von Arten, die als einander ähnlich genug betrachtet werden (was durchaus schwer zu quantifizieren ist). Die wirklich einzigartige, definitiv natürliche Entität ist stets nur die Art selber; erst die Kombination aus einem Gattungs-und einem Artnamen wird zum einzigartigen eindeutigen Signum. Die Folgen dieser Konzeption werden uns immer wieder begegnen.

Als erste Reihe von Artporträts im neuen „Pirats Bestiarium“ möchte ich daher eine Reihe von Spinnenarten vorstellen, die Clerck beschrieb. Erkennen wird man dies an dem kleinen Vermerk „Reihe: Clerck“ in den jeweiligen Artikeln. Und beginnen werde ich diese Reihe – und damit die Artporträts – passenderweise mit der allerersten von Clerck benannten Art, die zugleich die aller-allererste gültig beschriebene Tierart in der Wissenschaftsgeschichte ist:

Araneus angulatus, die Gehörnte Kreuzspinne.

Literatur

Wer sich die Originale mal anschauen will, es gibt gute digitalisierte Versionen von der 10. Auflage der „Systema Naturae“ und der „Svenska Spindlar“:

https://www.biodiversitylibrary.org/item/10277#page/3/mode/1up (Band 1 der „Systema Naturae“)

https://www.biodiversitylibrary.org/item/209583#page/1/mode/1up („Svenska Spindlar“)

Bei Wikipedia finden sich außerdem zu Linnæus noch nähere Angaben zu seiner Vita:

https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_von_Linné

Und wer sich das Regelwerk der ICZN reinziehen möchte:

http://www.nhm.ac.uk/hosted-sites/iczn/code/index.jsp